Ernst hört auf und bleibt heiter

Der Schwarzenburger Betonkünstler Jürg Ernst schliesst nach 15 Jahren seinen Gnomengarten. Doch mit seiner Kunst hört er noch lange nicht auf.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

«Moria ist eine leichte geistige Störung mit heiterer Note. Falls du je daran leidest, solltest du nichts dagegen unternehmen», sagt der 65-jährige Betonplastiker Jürg Ernst. Er muss es wissen. Denn er hat sich die Moria angeeignet. Zumindest die heitere Note. Wenn Ernst durch seinen Gnomengarten führt – ein Freund nannte die riesigen Betonskulpturen einst Gnomen –, dann spricht er deutlich, aber ohne Pause.

Einen letzten Sommer lang wird er Gruppen und Einzelbesucher durch seinen Skulpturengarten führen. Nach der Finissage im Oktober schliesst Ernst das Entenknochenportal des Gartens für die Öffentlichkeit. Das Tor hat tatsächlich die Form eines Entenknochens. Zum Beweis hält der Künstler ein gelbes Knöchelchen in die Luft. Es stammt von einem Entenbraten aus eigener Zucht.

Die WG muss ausziehen

Die Wohngemeinschaft, wie Ernst den Skulpturengarten liebevoll nennt, löst sich auf. Der WG-Psychiater Genius und die übertherapierte Madame Froidevaux, der hypochondrische Diogenes und die unfertige Helvetia müssen eine neue Bleibe suchen. Ernst erzählt zu jeder Skulptur eine umfassende Geschichte. Etwa vom duschsüchtigen Olaf, der sich im Wellnesspool von Moria anspritzen lässt. «Er sollte schon lange weg, denn der Schnüffler Max wartet», erklärt Ernst. Er gestikuliert dabei mit den Händen. Zwischendurch fasst er sich mit beiden Händen an den grossen Bauch, wie es Schwangere oft tun. Von den weiblichen Figuren im Garten sind mehrere schwanger, zum Beispiel Helvetia. Sie hält einen Spiegel in der einen Hand, ein Kind in der andern. Ein weiteres zu Helvetias Füssen spielt mit einer Schlange. «Die unvollendete Helvetia ist ein Narrenpack geworden», kommentiert Ernst sein Werk.

Hören Sie, wie der WG-Psychiater meditiert.

Bei einigen der weiblichen Figuren hat Ernsts Partnerin Maria Messerli mitgearbeitet. So hat sie das Sinnenreich der Erdgöttin Gaia gestaltet. «Gaia ist Frauensache», sagt Messerli, die ebenfalls Künstlerin ist. Sie übernimmt die Führung durch den unterirdischen Gaia-Raum. Während die Gäste in den Bauch der Göttin klettern, zündet Jürg Ernst die Kerzen an, die zur Installation gehören.

Im Herbst dieses Jahres wird ein Teil der skurrilen Skulpturen an Private verkauft. Die Gemeinde Schwarzenburg sucht nach Geld, um mit den verbleibenden Figuren einen Gnomenweg im Dorf einzurichten. Die Nessie-Skulptur darf vielleicht in den Schlossgarten ziehen. Das Heimatmuseum habe Interesse am Dreiköpfigen Wahrheitssänger, sagt Ernst. Der übrige Rest der Skulpturen, soll im kommenden Frühling in einem grossen Happening zerstört werden. Mit Sicherheit blüht dieses Schicksal dem grossen Kopf des Gartenkönigs Pluto. Er kann nicht transportiert werden.

«Der Berner Songwriter Dänu Brüggemann soll in der Krone stehen und seinen Pluto-Song spielen, bevor der Bagger kommt», sagt Ernst. «Ich stelle mir vor, wie der Bagger zuerst den Sänger von der Krone hebt und dann beginnt, den Betonkopf zu fressen. » Das Happening werde ein Höhepunkt im Dokumentarfilm von Miriam Ernst. Die ältere Tochter von Jürg Ernst und Maria Messerli begleitet den Gnomengarten schon seit Jahren filmisch. 2017 sollte der Film als DVD erscheinen.

Eine Handvoll Skulpturen bleibt im Besitz des Künstlers und seiner Familie, etwa die jüngste Betonskulptur, die Grosser Augenblick heisst. Ihr Kopf ist ein grosses Auge auf einem langen Hals. Sie legt ein goldenes Ei. «Ich mag diese Figur», sagt Ernst und streicht mit der Hand über ihren Schwanz, auf dem ebenfalls ein Auge sitzt, der Kleine Augenblick. «Sie kommt in unsern privaten Garten. » Während der Arbeit am Grossen Augenblick sei der Entscheid gereift, mit der Betonkunst aufzuhören. «Meine Gebresten sind zusammen mit der Skulptur gewachsen. » Vor zwei Jahren erlitt Ernst einen Hirnschlag, in dessen Folge er vorübergehend die Sprache verlor.

Farbe nach 15 Jahren Grau

Schmerzt der Abschied nicht? «Ich habe mich drei Jahre lang damit auseinandergesetzt», erklärt Ernst. Er habe im Leben bereits verschiedene Abschnitte aufgelöst und einen neuen begonnen, ohne dass es eine «psychische Eruption» gegeben habe. Zum Beispiel vor 15 Jahren, als er begonnen habe, den Gnomengarten aufzubauen. Damals hatte die Digitalfotografie ihren Siegeszug angetreten, und Ernst musste sein Fotoatelier schliessen. «Ohne Bill Gates hätte es den Gnomengarten nie gegeben», sagt Ernst und schmunzelt. Allerdings, ohne Maria Messerli hätte es den Gnomengarten auch nicht gegeben. Denn sie unterstützte ihren Mann beim Realisieren seiner Träume indem sie das Familieneinkommen erwirtschaftete.

Hören Sie wie der Mühlschlucker Kehricht isst.

«Der Abbau ist ein kreativer Moment, der zum Aufbau gehört», sinniert Ernst. Im Leben sei es wichtig, dass man sich an die Gegebenheiten anpasse. «Im Alter muss man anders arbeiten, doch man kann es ebenso intensiv tun wie als junger Mensch.» Dass er mit der Betonkunst und dem Gnomengarten aufhöre, sei eher eine weitere Metamorphose denn ein Ende: «Ich bin froh, dass ich das Pseudonym Gnomenvater langsam ablegen kann.»

Die Arbeit mit den schweren Materialien hat Ernsts Rücken kaputt gemacht. Deshalb hat er im letzten Winter damit begonnen, Bilder zu malen. «Die Malerei ist altersgerecht», sagt er. Nach 15 Jahren Grau wolle er mit Farben experimentieren. In den meist postkartengrossen Zeichnungen und den etwas grösseren Acrylbildern tauchen alte Bekannte aus dem Gnomengarten wieder auf. In der Malerei kann Ernst seine skurrilen Beobachtungen der Welt differenzierter darstellen als mit den grossen Betonfiguren. Die künstlerische Haltung bleibt jedoch die gleiche. Das erste Bild, das Ernst letzten Winter gemalt hat, heisst sinnigerweise «Moria». (DerBund.ch/Newsnet)

Erstellt: 29.05.2015, 16:39 Uhr

Start der letzten Gnomensaison

Saisoneröffnung am Samstag, 30. Mai, um 14 Uhr. Danach an jedem zweiten Wochenende jeweils Samstag- und Sonntagnachmittag geöffnet. Führungen für Gruppen während der Woche möglich. Finissage am 16. und 17. Oktober um 20 Uhr. www.gnomengarten.ch

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Leser-Reporter

Haben Sie etwas Aussergewöhnliches gesehen, fotografiert oder gefilmt? Ist Ihnen etwas bekannt, das die Leserinnen und Leser von DerBund.ch/Newsnet wissen sollten? Senden Sie uns Ihr Bild, Ihr Video, Ihre Information per MMS an 4488 (CHF 0.70 pro MMS).
Die Publikation eines exklusiven Leserreporter-Inhalts mit hohem Nachrichtenwert honoriert die Redaktion mit 50 Franken. Mehr...

Werbung

Immobilien

Kommentare

Blogs

Zum Runden Leder Pizarro muss passen

Sweet Home Achtung, es wird üppig

Paid Post

Erfolgreich anlegen

ETF-basierte Anlagen sind im Trend, Online-Angebote auch. Durch die Kombination von beidem wird eine kostengünstige Anlagelösung angeboten.

Die Welt in Bildern

Schlacht mit weichen Waffen: Die Studenten der St.-Andrews-Universität sprühen sich am traditionellen «Raisin Weekend» voll mit Schaum. (23. Oktober 2017)
(Bild: Russell Cheyne) Mehr...