Er profitiert vom Hochwasserschutz

Seit den letzten Jahrhunderthochwassern bekommt die Aare wieder mehr Platz. Zur Freude des Eisvogels und seiner Mitbewohner. Am Samstag eröffnet die Ausstellung «Auenlandschaft Thun–Bern» im Infozentrum Eichholz.

Der seltene Eisvogel braucht steile Ufer oder umgestürzte Bäume zum Brüten.

Der seltene Eisvogel braucht steile Ufer oder umgestürzte Bäume zum Brüten.

(Bild: Carl'Antonio Balzari)

Die Bewohner des Aareufers im Eichholz empfangen die Besucherin mit einem Konzert. Es quakt, klopft, planscht, zirpt, schnattert und singt im Naturreservat, das ans Infozentrum angrenzt. Wer Glück hat, entdeckt in den ehemaligen Fischzuchtteichen Entenküken oder Ringelnattern, die sich an der Sonne wärmen. Vorbei an einer Biberburg, gelangt man zu einer umgestürzten Weide, die nur auf den ersten Blick tot aussieht. «Weiden sind Überlebenskünstlerinnen», sagt Nicolas Dussex, Geschäftsleiter des Zentrums.

Dieser Baum, so ist in der Ausstellung zu erfahren, gehört zu den Pionierpflanzen. Da Weiden sehr widerstandsfähig sind, gedeihen sie gut in Auen, den Uferzonen von Fliessgewässern. Auen werden regelmässig überflutet, dabei bilden sich Kiesbänke, Tümpel, Schwemmholzhaufen, langsame Rinnsale und schnelle Strudel. Ein Paradies für Tiere und Pflanzen entsteht.

Abseits der beliebten Badeorte

Auen gehören zu den artenreichsten Landschaften in der Schweiz. Rund 40 Prozent aller heimischen Pflanzen und 80 Prozent der Tierarten kommen in Auen vor. Im Infozentrum ist eine solche Landschaft exemplarisch vom Fluss bis zum Hartholzwald auf eine Wand gemalt. Neben dem Biber, dem im Eichholz 2011 eine Sonderausstellung gewidmet war, tummeln sich unter den Porträtierten auch Tiere, die auf der roten Liste der gefährdeten Arten in der Schweiz stehen. Dazu zählen etwa der Eisvogel und die Gelbbauchunke.

Zahlen zum Vorkommen fehlen in der Ausstellung leider. Das Wissen wird auf spielerische Weise vermittelt, es gibt eine Fluss-Murmelbahn und einen PC mit Wandertipps. «Ziel ist es, die Besucher für die Natur zu begeistern und zu motivieren, die Aare abseits der beliebten Badestrecken zu entdecken», sagt Kuratorin Silvia Berger.

Von 500 auf 50 Meter

Auf dem Ausflug in die Aue kriegt man eine Ahnung, wie die Aare früher ausgesehen hat. Malereien der Aare vor der Industrialisierung dagegen wirken aus heutiger Sicht utopisch. Da mäandert der Fluss durch eine wild-romantische Märchenlandschaft mit Inseln, Wäldern und Hügeln. Diese Bilder gehören zum zweiten Teil der Ausstellung, der die Frage behandelt, warum eine regelmässig überflutete Aue an der Aare heute kaum noch vorkommt. Auf Plakaten wird die Geschichte aus 500 Jahren

Hochwasserschutz an der Aare zwischen Thun und Bern erzählt, Hauptquelle ist ein Buch des Historikers Andreas Hügli. Karten zeigen, wie sich im 18. Jahrhundert die Aare zwischen Thun und Bern noch bis zu 500 Meter ausbreitete. Mit den Aarekorrekturen wurden dann für Landwirtschaft und Besiedelung grosse Gebiete trockengelegt. Nur rund ein Zehntel der ursprünglichen Flussbreite ist übrig geblieben. Viele Tiere verloren ihren Lebensraum. Während Kröten zum Laichen auf Tümpel in Kiesgruben ausweichen können, gestaltet sich die Suche nach alternativen Brutplätzen für den Eisvogel schwieriger: Er nistet in Uferanrissen oder umgestürzten Bäumen.

«Erst die Jahrhunderthochwasser von 1999 und 2005 bewirkten bei der Politik ein Umdenken», sagt Dussex. Für den Biologen und Grünen-Politiker ist der Trend erfreulich, dem Fluss wieder mehr Platz zu schaffen. Hochwasserschutzprojekte sind heute eng mit Renaturierungsmassnahmen verknüpft. Jüngstes Beispiel ist die Aufweitung der Aare im Selhofenzopfen bei Kehrsatz (siehe Kasten). An renaturierten Stellen bilden sich Kiesbänke, gemütlich fliessende Seitenarme und eine niedrige Vegetation mit Verstecken. Die Massnahmen fruchten schnell, wie Messungen des Fischereiinspektorats zeigen. Beispielsweise ist in der Hunzigenau die gefährdete Äsche wieder eingewandert.

Eröffnungsfest morgen, ab 10 Uhr.

Der Bund

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