«Eine grosse Herausforderung»

Klimaveränderungen, abnehmende Schneesicherheit und der teure Schweizer Franken. Die stellvetretende Leiterin der Forschungsstelle Tourismus an der Universität Bern im Interview über die Sorgen der Ferienregionen.

Therese Lehmann ist stellvetretende Leiterin der Forschungsstelle Tourismus am Center for Regional and Economic Development der Universität Bern.

Therese Lehmann ist stellvetretende Leiterin der Forschungsstelle Tourismus am Center for Regional and Economic Development der Universität Bern.

(Bild: zvg)

Matthias Raaflaub

Frau Lehmann, stimmt es, dass es für die Winterdestinationen im Berner Oberland immer schwieriger wird?
Ja, das kann man durchaus sagen. Die Klimadaten zeigen, dass sich das frühe Einschneien, also der erste Schnee, im Kalender weiter nach hinten schiebt. Die Anzahl Schneetage in den Lagen unter 1800 Meter über Meer sind gesunken und werden weiter abnehmen. Die Schneesicherheit hat sich unterhalb dieser Höhe verschlechtert. Dazu kommt, dass die Ski-Tage stagnieren. Aktuell hat zudem der Wechselkurs Einfluss auf ausländische Gäste. Ferien in der Schweiz sind für Gäste aus Grossbritannien und Deutschland teuer. Sie sind für die Regionen des Kantons Bern wichtige Gästegruppen.

Wenn der Kanton Bern im Wintersport-Tourismus an Bedeutung verliert, wandern Touristen einfach in andere Gebiete der Schweiz ab?
Wenn sich die Schneebedingungen weiterhin so entwickeln, wird man tatsächlich auf höher gelegene Gebiete ausweichen. Diesbezüglich ergeht es umliegenden Ländern wie Österreich aufgrund ihrer Höhenlage ähnlich wie dem Berner Oberland. Das Oberland hat sich glücklicherweise auch als Sommerdestination bereits gut positioniert.

Destinationen aus dem Wallis und Graubünden werben nun damit, dass sie schneesicher sind. Ist diese offensive Werbung neu?
Da sich die natürlichen Schneebedingungen verschlechtern, wird die Vermarktung als schneesichere Region wichtiger. Das Wallis oder Graubünden verfügen diesbezüglich über einen Wettbewerbsvorteil.

Einige Gebiete wie die Destination Gstaad brauchen Geld, andere wie Grindelwald bauen weiterhin neue Bahnen. Hat der Wintertourismus wirtschaftlich noch Zukunft?
Betrachtet man das Berner Oberland als eine Destination, kann es sinnvoll sein, zu diskutieren, welche Gebiete davon sich besonders für den Skisport eignen und wo man auf andere Angebote setzen könnte. Das ist die wissenschaftlich-theoretische Sicht. Aus der Sicht der Gemeinden und Destinationen ist dies aber eine grosse Herausforderung. Die Diskussionen in der Destination Gstaad zeigen, wie schwierig es ist, allenfalls einzelne Teile des Skigebiets zu schliessen oder anders zu nutzen.

Lohnen sich die grossen Investitionen der Skigebiete überhaupt noch?
Die Seilbahnbranche diversifiziert zwar auch. Trotzdem ist es für kleine und mittlere Bergbahnen schwierig, ihre Investitionen ohne Unterstützung durch öffentliche Gelder zu tätigen. Aus Sicht der einzelnen Destinationen lassen sich die Investitionen durchaus begründen, da Bergbahnen beispielsweise wichtige Treiber für die Hotellerie sind. Aber mitunter werden nach einigen Jahren erneut Gelder nötig, wenn nicht die gewünschte Entwicklung erfolgt ist.

Wie lange wird die künstliche Beschneiung noch vorangetrieben?
Solange an der Wachstumsstrategie im Skitourismus festgehalten wird, bleibt darin auch die Beschneiung ein zentrales Element. Aber die erschwerten klimatischen Bedingungen lassen die künstliche Beschneiung zunehmend teurer und schwieriger werden. Damit stossen die Destinationen an die Grenzen dessen, was ein positives Kosten-Nutzen-Verhältnis ist.

Wie kann sich der bernische Wintertourismus weiterentwickeln?
Schon in allen Destinationen gibt es dazu Bestrebungen. Seit den 1990er-Jahren hat man Angebote für das Winterwandern ausgebaut, Wellness-Angebote geschaffen oder Events ins Leben gerufen. Es braucht künftig noch weitere wetterunabhängige Angebote. Jede der Destinationen hat bereits ihre spezifischen Gästesegmente, für die sie besonders attraktiv ist. Es ist deshalb von höchster Bedeutung, dass sie sich unterschiedlich positionieren.

Der Bund

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