Eine Schule, die inspirieren will – Kinder, Eltern und die Gemeinde

Die Schulschliessung in Säriswil hat vor zwei Jahren für Wirbel gesorgt. Seit gut einem Jahr wird im alten Schulhaus wieder gelernt – wenn auch anders. Noch besuchen keine Kinder aus der Gemeinde die private Arco-Schule.

In der Arco-Schule ist Lernen ein Kinderspiel.

In der Arco-Schule ist Lernen ein Kinderspiel. Bild: Adrian Moser

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Nach Wandtafeln, Schulpulten oder Stundenplänen sucht man vergebens im alten Schulhaus in Säriswil. Es ist erstaunlich ruhig und aufgeräumt für einen Ort, an dem tagein, tagaus Kinder spielen. Ein kleiner Junge lässt Sand durch einen Trichter rieseln – immer wieder, voller Konzentration. Im Zimmer nebenan sind einige Kinder mit Lego am Spielen. Eine Frau sitzt im Hintergrund auf einem Stuhl. Im Oberstufenzimmer riechen drei Jugendliche an Gewürzen und beschreiben sich gegenseitig den Geruch. Von weitem hört man ein Schlagzeug. Draussen springt ein Mädchen auf dem Trampolin. So sieht freies und selbstbestimmtes Lernen an einem Dienstagmorgen im Mai in der freien Privatschule Arco in Säriswil aus.

Den Vorwurf, «die können ja einfach machen, was sie wollen», lässt Schulleiterin Kirsten Timmer nicht gelten. «Im Gegenteil. Die Kinder müssen jeden Tag unzählige Entscheidungen treffen», sagt sie. Dafür werde ihnen eine Umgebung geschaffen, die sie anrege, selber auf Entdeckungsreise zu gehen. Da gibt es Bücher, Kugeln und Stäbe zum Rechnen, viel Bewegungsmaterial, Speckstein zum Bearbeiten, Farben, Holz, Werkzeug, Pflanzen, Musikinstrumente und ganz viel Platz zum Spielen. «Die Kinder können so von innen heraus lernen. Im Zentrum steht die Erfahrung, das konkrete Begreifen», beschreibt es Timmer. Gleichzeitig würden die Kinder aber auch unterstützt, wenn sie Herausforderungen meistern möchten. Der pädagogische Ansatz der Schule beruht unter anderem auf den Erkenntnissen der Pädagoginnen Maria Montessori, Rebecca Wild und Emmi Pikler: «Wesentlich ist, dass das Kind möglichst viele Dinge selbst entdeckt. Wenn wir ihm bei der Lösung aller Aufgaben behilflich sind, berauben wir es gerade dessen, was für seine geistige Entwicklung das Wichtigste ist», wird Pikler auf der Internetseite der Schule zitiert.

Vom Staat anerkannte freie Schule

Alles ist schön eingerichtet, aufgeräumt, sortiert. Jedes Zimmer hat seine Farbe, jede Altersgruppe ihr Stockwerk: im Untergeschoss die Oberstufenschüler, im Parterre die Primarschüler und im ersten Stock die Kindergärteler. Wer wann vom Kindergarten in die Schule übertritt, wird individuell geregelt und hängt von der Reife des Kindes ab. «Das Wahren und Respektieren von Lebens- und Entwicklungsprozessen steht an oberster Stelle», so Timmer. Die ausgebildete Psychotherapeutin hat die Schule vor neun Jahren gegründet. Vier Kinder besuchten anfangs die Schule, die damals noch in der Schosshalde war. Heute sind es 22 Kinder im Alter von 3 bis 16 Jahren. Je nach Einkommen der Eltern fällt ein Schulgeld von monatlich 600 bis 1600 Franken an.

Seit Beginn ist die Privatschule staatlich anerkannt. Somit untersteht die Arco-Schule der Aufsicht der Erziehungsdirektion und muss sich an den Lehrplan des Kantons Bern halten. Dem werde die Schule durchaus gerecht, sagt Timmer. «Da die Kinder ihren Interessen nachgehen können, sind sie motiviert, bleiben neugierig und entwickeln eine hohe Fach- und Sozialkompetenz.» Die ersten Erfahrungen mit Schulabgängern wie auch die Erfahrungen von anderen freien Schulen zeigen laut Timmer, dass die Kinder sich problemlos in neue Strukturen und Arbeitsweisen einfügen.

Viel Mitarbeit durch die Eltern

Auch Lehrer gibt es in der Arco-Schule keine, stattdessen «Begleitpersonen». Diese sind verteilt auf die Räume, halten sich jedoch im Hintergrund und sind nicht ständig aktiv, um den Kindern etwas zu zeigen. Ein Teil der Begleitpersonen sind geschulte Eltern. Sowieso spielen die Eltern eine wichtige Rolle, damit die Schule – die als Verein organisiert ist und gerade mal über 200 bezahlte Stellenprozente verfügt – überhaupt funktionieren kann. Sie übernehmen Aufgaben wie das Putzen der Turnhalle oder die Pflege des Aussenbereichs. «Wir sind kein Dienstleistungsbetrieb, sondern eine Potenzialentfaltungsschule», beschreibt es Timmer. Da sich laut Timmer auch die Erwachsenen in einem ständigen Prozess der Weiterentwicklung befinden, gibt es regelmässig Sitzungen, Weiterbildungen und Reflexionstreffen.

Die aktive Mitarbeit der Eltern macht es auch erst möglich, dass sich die Arco-Schule im Schulhaus in Säriswil einnisten kann. Denn im vorerst fünfjährigen Mietvertrag ist klar geregelt, dass ein Teil des Gebäudes und des Areals bewusst der Bevölkerung offen stehen soll. So nutzen etwa Vereine die Turnhalle und Aussenanlagen.

Zuzüge dank der Schule

Der Umzug im letzten Sommer von Meikirch nach Säriswil sei ein wichtiger Schritt für die Weiterentwicklung der Schule gewesen, sagt Timmer. «Wir wollen für die Gemeinde einen Ort der Inspiration darstellen.» Auch Wohlens Gemeindepräsident Bänz Müller empfindet die Schule als Bereicherung für die Gemeinde. «Es ist schön, dass der Ort wieder belebt ist.» Dennoch, die Kinder aus Säriswil gehen zurzeit noch alle in Uettligen in die öffentliche Schule. Dafür sind Eltern von Kindern aus der Arco-Schule nach Säriswil gezogen. (Der Bund)

Erstellt: 14.05.2014, 13:00 Uhr

«Es ist wahnsinnig ruhig!»

Jeanne Jensen, die eine «normale» Schule besucht, berichtet, wie sie den Schulalltag in der Arco-Schule erlebte.

«Die Arco-Schule ist eine Schule, die mit eigenen Methoden arbeitet. Es gibt keine Klassen. Jedes Kind arbeitet in denjenigen Fächern, in denen es gut ist. Wenn es ein Fach nicht mag, wird es nicht gezwungen, daran zu arbeiten. Die Kinder haben die freie Wahl, wann sie was arbeiten wollen.»

«In den Klassenzimmern gibt es keine Pulte. Dafür gibt es in jedem Stock einen Begegnungsraum. Die Kinder halten sich dort gerne auf. An einigen Orten im Haus brennen Kerzen, überall hängen schöne, farbige Tücher – dadurch entsteht eine schöne Stimmung.»

«Es ist wahnsinnig ruhig! Es geht viel ruhiger zu und her als bei mir in der Schule. Im Arco-Schülerrat stellen die Schüler oft folgende Frage: Wieso müssen wir immer so lange Ferien haben? Bei mir in der Schule jubeln schon alle, wenn wir am Nachmittag freihaben.» «Beim Besuch in der Arco waren die Kinder am Spielen, mitten in der Stunde. In meiner Schule darf man nicht einfach aufstehen und spielen gehen. Die Schulleiterin sagt: Die Kinder sind sehr nett miteinander und akzeptieren die anderen Kinder so, wie sie sind. Bei uns hingegen ist das manchmal gar nicht einfach!»«Einige der Erwachsenen, die im Unterricht mitarbeiten, sind Eltern. Bei mir in der Schule werden die Eltern nur als Helfer angefragt, wenn es einen Sporttag oder so gibt. Die Arco-Schule macht manchmal auch an Samstagen ein Programm, bei dem Eltern und Kinder zum Beispiel gemeinsam das Hühnerhaus streichen.»



Die zwölfjährige Jeanne Jensen besucht die reguläre Schule Wittigkofen. Sie hat beim «Bund» einen Tag lang geschnuppert.

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