Dissonanzen in den Musikschulen

Die Krise der Musikschule Köniz deckt ein allgemeines Problem auf. Die Schulen werden ehrenamtlich geführt, obwohl sie professionelle Institutionen sind.

Musiklehrer Markus Noser mit seinen Schülern bei einer Probe der Musikschule Köniz.

Musiklehrer Markus Noser mit seinen Schülern bei einer Probe der Musikschule Köniz. Bild: Adrian Moser

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Am 31. August erreichte die Krise der Musikschule Köniz ihren Höhepunkt. Der Vorstand des Trägervereins trat geschlossen zurück und die Gemeinde musste einspringen. Der Gemeindepräsident Ueli Studer (SVP) nahm sich der Sache persönlich an. Der ehrenamtliche Vorstand sei angesichts der Grösse der Musikschule Köniz an seine Grenzen gestossen, erklärte Studer.

«Eine solche Institution muss
geführt werden, wie ein KMU.»
Ueli Studer, Gemeindepräsident Köniz

Tatsächlich ist die Musikschule Köniz eine grosse Institution. 84 Musiklehrer und Musiklehrerinnen unterrichten gemäss Webseite rund 1400 Kinder an über 20 Standorten. Sie hat einen Umsatz von rund 4,7 Millionen Franken pro Jahr. «Eine solche Institution muss geführt werden wie ein KMU», sagte Studer. Doch die Schule funktionierte letztlich immer noch wie ein Männerchor.

Sie wurde von einem Trägerverein mit Vorstand und Präsidium geführt. Die ehrenamtlichen Vorstandsmitglieder waren Arbeitgeber der Lehrkräfte und hatten die letzte Finanzkompetenz. Als sich zwischenmenschliche Probleme zwischen dem Vorstand und seinen Angestellten, Personalausfälle in der Schulleitung und Unstimmigkeiten in der Buchführung kumulierten, schlug der Vorstand mit seinem geeinten Rücktritt Alarm.

Erst an der Hauptversammlung der Mitglieder die Jahresrechnung 2016 vorgelegt und verabschiedet. Zweimal musste dies verschoben werden, da die Rechnung nicht stimmte. Zudem haben die Mitglieder mit der Einladung zur Hauptversammlung einen Einzahlungsschein erhalten. Dazu die Bitte, sie möchten den Mitgliederbeitrag bezahlen, falls sie es noch nicht getan hätten. In der Musikschule Köniz weiss also niemand, wer seinen Beitrag noch schuldet.

Externe Firma muss einspringen

Unterdessen hat die Gemeinde eine externe Firma damit beauftragt, die Musikschule bis Ende Januar administrativ zu führen und das Chaos in den Finanzen aufzuräumen. Ist das Milizsystem damit am Ende?

Dass die Zusammenarbeit zwischen einem ehrenamtlichen Vorstand und professionellen Schulleitern auch gut funktionieren kann, zeigt das Beispiel der Musikschule Region Gürbetal. «Wir haben Glück mit unserem Vorstand», sagt die Musikschulleiterin Dorothee Schmid. Das Gremium unterstütze die Schule gegenüber Geldgebern und sei ein wichtiger Ansprechpartner in strategischen Fragen. Der Präsident sei schon lange im Amt und habe viel Erfahrung. Doch auch die Musikschule Region Gürbetal hat turbulente Zeiten hinter sich. Schmids Vorgänger war der Gründer und langjährige Schulleiter. Als er plötzlich krankheitshalber ausfiel, ging sein Wissen über die gewachsenen Schulstrukturen verloren. «Zum Glück hatte der Vorstand rechtzeitig aussenstehende Berater zugezogen», sagt Schmid.

Auch in der Musikschule Köniz haben die Probleme mit der Pensionierung ihres langjährigen Leiters Lorenz Hasler* begonnen. Ohne Hasler, der mit seinem Streicherquintett Salonisti und dem Auftritt im Hollywoodfilm Titanic grosse Bekanntheit erlangte, gäbe es die Musikschule Köniz in ihrer heutigen Grösse und Ausstrahlung nicht. Lorenz Hasler sei eine starke Persönlichkeit, der die Musikschule wie ein Patron geführt habe, sagt Hans Peter Hess, Geschäftsführer des Verbands Bernischer Musikschulen (VBMS).

Als Hasler pensioniert wurde, habe die Schule ihre Leitfigur verloren. Die Rollen der Beteiligten seien nicht mehr klar gewesen. Haslers Nachfolgerin verliess die Stelle nach kurzer Zeit wieder. «In der Not wurde der Vorstand auf der operativen Ebene tätig», sagt Hess. In der Betriebslehre gilt das allerdings als kapitaler Fehler. Der Vorstand des Trägervereins muss den Rahmen schaffen, in dem Musik unterrichtet werden kann. Er muss also für Schulräume, Instrumente und Musiklehrer sorgen. Dazu stellt er einen geeigneten Schulleiter an und fordert von seinen Mitgliedern Beiträge und Schulgelder. Er benötigt betriebswirtschaftliches und personalrechtliches Know-how damit er die Finanzen der Schule prüfen und den Schulleiter personell führen kann.

Kein «Schönwettermandat»

Nicola von Greyerz, Präsidentin des VBMS, kann sich in den zurückgetretenen Vorstand der Musikschule Köniz gut einfühlen. Denn sie kennt die Situation aus eigener Erfahrung als Präsidentin einer anderen Kulturinstitution: der Berner Dampfzentrale.

Vor fünf Jahren stand diese plötzlich ohne Leitung da. Von Greyerz musste als Präsidentin für Probleme des Gesamtvorstandes hinstehen und einen neuen Leiter suchen. «Aus dem Schönwettermandat wurde plötzlich eine Aufgabe mit viel Verantwortung», sagt sie. Denn während die Vorstandsarbeit in guten Zeiten bloss wenige Sitzungen im Jahr beinhaltete, wurde daraus in der Krise ein anspruchsvoller Führungsjob.

Spannungen zwischen Profis und ehrenamtlich tätigen Laien sind denn auch keine Seltenheit. Das liegt auch in der Natur der Sache. In Kulturinstitutionen wie Musikschulen ganz besonders. Denn wer sich ehrenamtlich für eine Musikschule engagiert, ist in der Regel musikaffin. Er mag Musik und spielt vielleicht gar selbst ein Instrument. Doch spielt die Musik in der Vorstandsarbeit nur eine marginale Rolle. Die Hauptverantwortung eines Vereinsvorstandes liegt bei den Finanzen.

Die Musikschule Köniz ist ein extremer Fall. Dass ein ganzes Vorstandsteam gemeinsam den Bettel hinschmeisst, ist selten. Doch ist Köniz nicht die einzige Schule, die mit strukturellen Problemen zu kämpfen hatte. Im Kanton Bern gibt es 29 Musikschulen. Bis auf drei sind sie alle als Verein organisiert. Die meisten sind vor etwa 40 Jahren von Musikern gegründet und während langer Jahre von einer prägenden Figur geleitet worden. Typisch für so entstandene und gewachsene Organisationen ist, dass die Strukturen oft den vorhandenen Personen angepasst wurden, statt umgekehrt.

«Das war in der Pionierphase durchaus richtig», sagt Hans Peter Hess vom VBMS. Doch nun ist die Pionierphase vorüber. Einige der bernischen Musikschulen haben den Übergang von der Pionierzeit zur etablierten Schule schon hinter sich. Verschiedenen steht er laut Hess noch bevor.

*Präzisierung: «Bund»-Leserin Agnes Bühler hat uns darauf aufmerksam gemacht, dass die Musikschule Köniz 1976 acht Jahre vor Amtsantritt Lorenz Haslers gegründet wurde. In den 29 Jahren seiner Tätigkeit als Leiter baute er die Schule stark aus und machte sie zu dem, was sie heute ist. Frau Bühler war selbst bis 1983 die erste Leiterin der Musikschule Köniz. Gegründet wurde die Schule vom pensonierten Lehrer und Organist Hans Rentsch im Auftrag der Gemeinde Köniz, weil das Konservatorium Bern aus Platzgründen keine Kinder der Gemeinde mehr unterrichten wollte. In einer früheren Version dieses Artikels war dies anders dargestellt. (Der Bund)

Erstellt: 14.12.2017, 06:52 Uhr

«Es reicht heute nicht mehr, einfach Zeit zu haben»

Der Professor für Verbandsmanagement, Hans Lichtsteiner, erklärt, wann sich ein Verein professionalisieren muss und was das bedeutet.

Herr Lichtsteiner, die Musikschule Köniz steckt in einer strukturellen Krise. Sind solche Probleme typisch für Vereine im Kulturbereich?
Nein. In der Schweiz gibt es 76'000 Vereine und strukturelle Probleme gibt es in allen Sparten. Es ist eher eine Frage des Lebenszyklus der Vereine. Wenn etwa die Gründer die Fäden nicht abgeben können, wird es schwierig. Oft kommt es zu einem Bruch und danach übernehmen neue Leute die Verantwortung. Es gibt viele Vereine, die heute um die 80 Jahre alt sind und in denen der Generationenwechsel längst stattgefunden hat. Dort hat sich alles bestens eingependelt.

Warum ist der Generationenwechsel so schwierig?
Bei Gründung eines Vereins läuft viel informell und der Vorstand ist stark operativ tätig. Denn am Anfang braucht es Visionäre, die etwas aufbauen wollen, zum Beispiel eine Musikschule im Dorf. Wenn der Verein dann wächst, braucht es Leute, die ab einer bestimmten Grösse feste professionelle Strukturen schaffen. Das heisst Abläufe müssen aufgeschrieben, Regeln definiert werden. Die strategische Ebene muss von der operativen klar getrennt werden.

Weshalb?
Die operativ eingestellten Personen beschäftigen sich jeden Tag mit dem Verein und haben deshalb klare und fundierte Dossierkenntnisse. Ehrenamtliche haben bald einen geringeren Wissenstand. Wollen sie mit ihrem Halbwissen die operative Ebene be- und überstimmen, empfinden es die angestellten Personen als Entmündigung. Sie sehen sich in ihrer Arbeit nach professionellen Standards behindert. Hingegen hat der Vorstand eine enge Bindung zur Basis. Die Anliegen und Bedürfnisse der Mitglieder in den Verein hineinzutragen und sicherzustellen, dass diese in der täglichen Arbeit berücksichtigt werden, ist seine zentrale Aufgabe.

Wann hat ein Verein die Grösse erreicht, bei der er sich professionalisieren sollte?
Aus meiner Erfahrung würde ich sagen, wenn eine Organisation einen Umsatz von einer halben Million Franken erreicht. Dann braucht sie jemanden, der die Gesamtübersicht über die Finanzen und die Organisation hat. Die Organisation braucht jemanden, der die Geschäfte führt, und zwar nicht im Nebenamt, wenn er gerade Zeit hat, sondern jemanden, der sich ständig mit den Dossiers auseinandersetzt.

Und diese Person sollte entschädigt werden?
Ja, es ist sinnvoll, Leute anzustellen, die eine bestimmte Verantwortung übernehmen und für die Zeit, die sie dafür einsetzen, entschädigt werden. Dabei ist die Personalauswahl wichtig. Denn ein Verein braucht nicht Personen, die bloss dem Vorstand zudienen, sondern selber gestalten und entscheiden.

Was sind die häufigsten Fehler, die Ehrenamtliche machen?
Oft ist es für den Vorstand der Gründerzeit schwierig, sich zurückzuziehen und Kompetenzen abzugeben. Ich habe selbst Vorstände erlebt, die mitdiskutieren wollten, ohne verantwortlich zu sein. Der Vorstand kann aber nicht bloss die Aufgaben und die Verantwortung delegieren, aber nicht die Kompetenzen. Denn Aufgaben, Kompetenzen und Verantwortung gehören eng zusammen. Wenn ich eine Aufgabe übernehme, brauche ich die nötigen Kompetenzen, sie zu erfüllen, damit mich jemand verantwortlich machen kann.

Der Vorstand ist aber letztlich für die Finanzen verantwortlich. Sind sich die Ehrenamtlichen dessen bewusst?
Nein, oft sind sie sich nicht bewusst, dass es um sehr viel Geld gehen kann, für das sie juristisch mit ihrem Vermögen haften. Allerdings müssten sie ihre Sorgfaltspflicht grobfahrlässig verletzen, um haftbar gemacht zu werden. Aber genau damit das nicht geschieht, muss auch der Vereinsvorstand die nötige Professionalität haben. Er muss die Vereinsrechnung beurteilen können und muss etwas von Personalrecht verstehen. Es reicht heute nicht mehr, einfach Zeit zu haben.

Und Profis haben keine Zeit. Wie finden Vereine Leute, die das Know-how haben und es auch noch gratis zur Verfügung stellen?
Das ist in der Tat eine Herausforderung. Doch gibt es diese Leute. Sie interessieren sich für das Thema und wollen etwas bewegen. Die Organisationen müssen ihnen daher ein konstruktives Umfeld bieten, in dem sie etwas gestalten können. Weil es oft Leute sind, die gut ausgebildet und bereits stark eingebunden sind, suchen sie ein professionelles Umfeld, in dem sie gut arbeiten können. Professionalität ist für einen Verein also auch deshalb wichtig.

Dritte Jahresrechnung

Heute Abend findet im Zingghaus eine weitere Hauptversammlung der Musikschule Köniz statt. Im dritten Anlauf liegt nun gemäss Traktandenliste die Jahresrechnung 2016 zur Decharche vor. Gemeindepräsident Ueli Studer, der vom Gemeinderat mit der Federführung des Dossiers Musikschule beauftragt ist, informiert über die Geschehnisse.

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