Die SP nutzte ihre Oppositionsrolle

Die SP feiert ein Comeback in den Gemeinderat von Kirchlindach. Für die Sozialdemokraten ist es ein Zeichen für den «Reformstau» in der Gemeinde. Verloren haben am Sonntag die grossen Parteien.

Die SP machte mit Christoph Grosjean-Sommer (l.) und Christoph Bürki die Schule zum Wahlkampfthema.

Die SP machte mit Christoph Grosjean-Sommer (l.) und Christoph Bürki die Schule zum Wahlkampfthema.

(Bild: Adrian Moser)

Matthias Raaflaub

Kirchlindach zählt rund 2890 Einwohner. Politik wird im Gemeinderat, den Kommissionen und an der Gemeindeversammlung gemacht. Wie bei solch einer Gemeinde üblich, gelten Gemeinderatswahlen als Personenwahlen. Und doch hat der doppelte Wahlerfolg der SP am Sonntag viele überrascht. Christoph Grosjean-Sommer und Christoph Bürki gelang mit 754 respektive 367 Stimmen der Sprung in die Exekutive. Dort waren zwei Sitze vakant, SVP-Gemeinderat Ernst Liechti und Gemeinderätin Catherine Erb (Freie Lindacher) waren nicht mehr angetreten.

Christoph Grosjean-Sommer hat gerade einmal fünf Stimmen weniger gemacht als Gemeindepräsident Walther Werner (SVP/parteilos). Grosjean-Sommer ist in der Gemeinde verwurzelt. Als Agronom sei er auch bei den Bauern bekannt, sagt er selber.

Erstarkt aus der Opposition

Die SP war 2006 aus dem Gemeinderat gefallen. Offenbar konnte sie ihre Oppositionsrolle aber ausspielen. Die bürgerliche Mehrheit wurde mit deutlichen Worten herausgefordert. Gefragt nach den Gründen für den SP-Erfolg, sagt Grosjean: «In Kirchlindach gibt es einen Reformstau.» Kirchlindach habe eine Politik der tiefen Steuern verfolgt, das Kapital abgebaut. Die SP sieht viele Beispiele, wo die Gemeindepolitik stagniert habe. Im Wahlkampf ging es deshalb auch um die Schule in Herrenschwanden: Dort braucht es dringend mehr Platz für Schulkinder. Jetzt wird das Primarschulhaus saniert und mit einem Neubau erweitert. Kosten: über 5,5 Millionen Franken. Die anstehenden Schulsanierungen waren gestern Abend auch Thema in der Gemeindeversammlung, die bei Redaktionsschluss noch nicht zu Ende war.

Den hohen Investitionsbedarf hätte man kommen sehen können, sagt der zweite Neugewählte, Christoph Bürki. «Aber im Namen einer bürgerlichen Sparpolitik wurden wichtige Investitionen auf die lange Bank geschoben.» Einige andere Hausaufgaben seien noch immer nicht gemacht. Kirchlindach müht sich seit langem an der Schaffung eines neuen Werkhofs ab. Auch die aktuelle Ortsplanungsrevision ist nach vier Jahren noch nicht vollständig abgeschlossen.

FDP-Hochburg eingebrochen

Die SVP ist in der Wählergunst von 32,9 Prozent auf 24,2 Prozent gesunken. Die FDP hat zehn Prozentpunkte eingebüsst. War Kirchlindach 2006 noch eine FDP-Hochburg, gewann sie am Sonntag noch 19,8 Prozent der Stimmen. Die Verlierer der Wahlen lassen die Kritik nicht gelten. Die finanzielle Lage sei schwierig, sagt Corinne Aeberhard, Präsidentin der SVP Kirchlindach. Gerade das Thema der Schulsanierung daure länger, weil man genau auf die Kosten schauen müsse, sagt sie. «Wir müssen uns beim Haushalt nach der Decke strecken», sagt Aeberhard. «Daran wird die SP nicht viel ändern können.»

FDP-Parteipräsident Peter Rub glaubt nicht, dass die Lindacher die bisherige Politik abgestraft hätten. Es stimme nicht, dass sich die Investitions- der Steuerpolitik habe unterstellen müssen. «Wir haben immer gesagt, dass wir nur bestellen, was wir bezahlen können», sagt Rub. Doch bei den Pendenzen gibt Rub der SP-Kritik zum Teil gleichwohl Recht.

«Politisch eine Schlafgemeinde»

Der Doppel-Erfolg der SP hatte aber auch andere Gründe. So waren die Freien Lindacher (FL) und die SP eine Listenverbindung eingegangen. Obwohl auch die FL leicht zulegten, ist die Verbindung nun offenbar denkbar knapp zuungunsten der FL ausgegangen. Daniel Gürber, Präsident der Freien Lindacher, überlegt sich noch, ob die Partei eine Nachzählung einfordern wird. Gürber kritisiert die Arbeit der Exekutive auch. «Auch in politischer Hinsicht ist Kirchlindach eine Schlafgemeinde», sagt er.

Schliesslich hat am Sonntag auch noch eine für Kirchlindach spezifische Gegebenheit den Ausschlag gegeben: Auch wenn es viele Lindacher nicht hervorheben wollen, so ist die Gemeinde eigentlich geteilt. Es gibt ein «oben» und ein «unten» – der nördliche Teil ist stärker ländlich geprägt, der südliche orientiert sich stärker zur nahen Stadt Bern. Am Aarehang haben sich in den letzten Jahren viele Neuzuzüger niedergelassen. Davon dürfte Christoph Bürki aus dem Gemeindeteil Herrenschwanden profitiert haben.

Der Bund

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