Die Pfarrerin, die nicht an Gott glaubt, stellt sich der Gemeinde

Ella de Groot hat in der Kirche Muri ihre Position erläutert und Fragen beantwortet. Statt gepfiffen wurde kräftig applaudiert.

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Dölf Barben@DoelfBarben

Ein bisschen eigenartig ist es schon, was sich gestern Abend in der Kirche von Muri zugetragen hat. Aber gleichzeitig vielversprechend, vielleicht zukunftsweisend sogar? Das Gotteshaus ist mit über hundert Personen gefüllt, einzelne Stühle mussten zusätzlich geholt werden. Und vorne sitzt Pfarrerin Ella de Groot und sagt Sätze, die Gott, wie ihn viele kennen oder kannten, infrage stellen. Sie spricht zum Beispiel über den dreieinigen Gott: Die Trinität sei in früher Zeit «gewissermassen erfunden» worden. «Es waren Gedanken in Köpfen von Männern, daraus entstand ein Dogma», sagt sie. Es folgen weitere solche Erklärungen, etwa über das für Christen zentrale Gebet «Unser Vater», über die Auferstehung von Jesus oder über das Leben nach dem Tod. Und obschon es auch kritische Fragen gibt, so scheinen die meisten Anwesenden den Eindruck zu haben, einem aussergewöhnlichen Anlass beizuwohnen.

«Dieses Bild stimmt nicht mehr»

Eingeladen zum Gespräch hat der Kirchgemeinderat Muri-Gümligen. Das Gremium hatte sich an seiner letzten Sitzung «klar hinter die Pfarrerin gestellt», wie Ratspräsidentin Heidi Gebauer zu Beginn erklärt. Gleichzeitig hatte der Rat beschlossen, die Gemeinde zu einem Gespräch einzuladen, damit die Pfarrerin sich den Fragen stellen kann.

Ausgelöst worden war die Diskussion durch ein Radiointerview, in dem Ella de Groot mit pointierten Worten ihre Position erklärte (siehe Kasten). Die Sendung war unter dem Titel «Hört auf zu glauben» angekündigt worden. Dieser Titel sei verkürzt gewesen, sagt sie nun. Gemeint habe sie: «Wir müssen aufhören, an Wahrheiten zu glauben.» Glaubenswahrheiten seien an und für sich schon ein widersprüchlicher Begriff. Gesprächsleiter Samuel Geiser, Redaktor der Zeitung «reformiert», erspart Ella de Groot die Gretchenfrage trotz ihrer Rechtfertigung nicht. «Gibt es für Sie Gott?», fragt er. Im Publikum ist es ganz still – und man hört die Pfarrerin seufzen. Sie sagt nun die Sätze, die man in den letzten Wochen so oder ähnlich mehrmals schon gehört und gelesen hat (siehe «Bund» vom 19. Juli): An einen personalen Gott glaube sie nicht. Das Bild von einem ausserweltlichen Gott, «der für mich da ist, der mein Leben lenkt», der mal eingreife oder auch nicht – «dieses Bild stimmt für mich nicht mehr». Die Diskussion um Gottesbilder ist für sie aber mehr als bloss ein Streit um Worte: Seit sie nicht mehr an einen lenkenden Gott glaube, stellten sich gewisse Fragen nicht mehr: zum Beispiel jene nach dem Leid in der Welt.

Mucksmäuschenstill ist es in der Kirche, als sie über das Leben nach dem Tod spricht. Wenn Gott eine Kraft sei, die im Leben ihren Ausdruck finde, «dann sterbe ich mit Leib und Seele», sagt sie. Die Liebe aber gehe weiter, «eine Weile» zumindest, «hört aber auch einmal auf». Und das sei auch gut so. Auf die Frage, wo sie die Grenze zum Atheismus ziehe, sagt Ella de Groot: Wenn das einzige Kriterium dafür wäre, nicht an einen personalen Gott zu glauben, «dann wäre ich mit vielen Kolleginnen und Kollegen zusammen eine Atheistin».

Eine neue Sprache finden

Eine Frau fragt die Pfarrerin: «Wie betest du, Ella? Betest du überhaupt?» Und Ella de Groot sagt: «Ich würde nie sagen: ‹Hört auf zu beten.› Niemals.» Sie bete nicht zu bestimmten Zeiten. Sie formuliere ihre Dankbarkeit, aber auch ihre Ängste. Und es falle ihr nicht schwer, auch das «Unser Vater» zu beten, antwortet sie einer anderen Frau. Nur schon der Tradition dieses Gebetes wegen: «Auch meine Grosseltern haben es gebetet.» Und es sei verbindend: Mit Angehörigen, die bei einem Riverrafting-Unfall Kinder verloren hatten, habe sie es gebetet: «Sie beteten in ihrer Sprache, ich in meiner.»

Mehrmals sagt die Pfarrerin, die in diesen Tagen für fünf Monate in einen Bildungsurlaub nach Rotterdam abreist, es gelte, eine neue Sprache zu finden. Zum Beispiel für die Sakramente. «Es darf nicht sein», sagt sie, «dass Menschen aus unserer Kirche austreten, nur weil sie die Sprache nicht verstehen.» Diese Erkenntnis sei der Grund dafür, warum sie sich entschlossen habe, ihre Position öffentlich zu vertreten. Nach diesem Satz setzt der Applaus ein.

Der Bund

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