Die Herausforderung, das Paradies zu planen

Die Bieler Bauzeit-Architekten planen ein neues Quartier am Bielersee, das grösser ist als die meisten Gemeinden im Kanton Bern. 
Dabei geht es mehr um das soziale Zusammenleben und um einen Blick in die Zukunft als um Stahl und Beton.

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Reto Wissmann@RetoWissmann

Sie planen auf dem ehemaligen Expo-Areal ein Quartier für 2000 Personen direkt am Bielersee. Was bedeutet das für einen Architekten?
Yves Baumann:Ein Quartier in einer solch einmaligen Umgebung planen zu dürfen, ist sicher einmalig. Wir haben Respekt vor der enormen Grösse, sie macht uns aber keine Angst. Wir planen hier keine neue Gemeinde und auch keine Agglomeration, sondern ein neues urbanes Quartier. Darum reden wir auch nicht mehr von Agglolac, sondern nennen unser Projekt Citélac.

Es kommt einem so vor, als ob Sie hier von Grund auf quasi das Paradies neu planen können.
Peter Bergmann: Das ist tatsächlich ein durch den Ort gegebener Aspekt, den wir hochhalten. Städtebau ist aber heute viel mehr ein demokratischer Prozess. Den paradiesischen Grundvoraussetzungen stehen deshalb auch hier die verschiedensten Interessen gegenüber.

Baumann:Die Voraussetzungen sind tatsächlich fast paradiesisch. Rundherum gibt es Wald, See, Kanäle, ein Schloss. Vor allem zu Beginn der Planung hatten wir sehr viel Freiheit.

Es wird von Ihnen nicht weniger erwartet, als dass Sie die Stadt der Zukunft planen. Wie sieht diese aus?
Bergmann:Eigentlich geht es vor allem um das Ausbalancieren von privaten und gemeinschaftlichen Interessen. Viele neue Quartiere leiden heute unter einer Dominanz des Privaten, dem wollen wir mit unseren Ideen entgegenhalten. Gerade an diesem Ort müssen die öffentlichen Interessen besonders hoch gehalten werden. Unsere Vision bezüglich der Sozialstruktur der Stadt der Zukunft geht stark in Richtung Durchmischung statt Segmentierung. Zudem soll sie von den Bewohnern und nicht nur durch Kommerz belebt werden.
Baumann:Dabei ist die sogenannte Kampfzone Erdgeschoss entscheidend. Private Vorgärten haben hier nichts zu suchen. Vielmehr wollen wir den Aussenraum offen und durchlässig gestalten und eine Durchmischung von Bewohnern und Besuchern ermöglichen. Auf den Dächern sehen wir Gärten vor, die von allen Bewohnern eines Hauses benutzt werden können. Ganz privat sind dann Terrassen oder Loggien. Schon in den mittelalterlichen Städten ist der Aussenraum gemeinschaftlich genutzt worden. Die Abgrenzung mit Zäunen und Hecken ist nicht sehr urban.

Muss man als Architekt der Zeit voraus sein?
Bergmann:Man muss es versuchen. Meist entsteht das Neue aber einfach, ohne dass man es vorhergesehen hätte. Viele vorausschauende Projekte sind in die falsche Richtung geplant worden.

Wie sind sie bei der Planung konkret vorgegangen?
Bergmann:Ganz im Sinne von Konfuzius: Wir arbeiten nicht, wir spielen. Zuerst muss man sich von allen Zwängen lösen. Später kommt man dann aber wieder zurück und schaut: Was ist umsetzbar?
Baumann:Wir arbeiten sehr stark mit dem Modell und versuchen uns tatsächlich mit Bauklötzen vorzustellen, wie das Ganze aussehen könnte.

Ihr Projekt besticht laut Jury durch hohe Wohnqualität. Was ist das?
Bergmann:Wir haben vor allem die einmalige Lage in Wert gesetzt und sie nicht durch eine Häuserfront ganz vorne am See für die hinteren Mehrfamilienhäuser zerstört.
Baumann:Es geht uns um eine flache Hierarchie. Wir wollen, dass möglichst viele von der schönen Lage profitieren.

In ihrem Projekt gibt es keine Wohnungen mit direkter Seesicht, obschon solche sehr gefragt wären.
Bergmann:Wir haben die Seesicht demokratisiert. Frontale Seesicht gibt es zwar sehr wenig. Die Nähe zum See ist aber für alle spürbar.

Lässt sich soziale Durchmischung planen, oder entsteht hier am Ende doch ein Nobelquartier?
Bergmann:In der Stadtplanung gab es Phasen, da war es tabu, in der Architektur zu moralisieren und mit dem Einfluss des gebauten Raums auf die Sozialstruktur zu argumentieren. Heute werden Einflussmöglichkeiten eher wieder anerkannt. Man kann soziale Durchmischung zwar nicht vollständig kontrollieren, aber man kann zum Beispiel mit Platz für genossenschaftlichen Wohnungsbau gute ökonomische Voraussetzungen schaffen, und es braucht eine gewisse Nutzungsdichte

Ein lebendiges Quartierleben ist das Ideal aller Stadtplaner. Oft bleibt es aber Utopie, weil sich die Bewohner ins Private zurückziehen.
Bergmann:Wir haben hier gute Bedingungen, dass es gelingt. Das Quartier liegt mitten in einem Naherholungsgebiet, der neue Campus der Fachhochschule entsteht in unmittelbarer Nähe, und wir bauen ohne soziale Barrieren.
Baumann:Und wir bieten in den Erdgeschossen vielfältige Nutzungsmöglichkeiten vom Wohnatelier und Kleingewerbe bis zum Café.

Dichte ist heute im Städtebau Programm. Wird dieses Gebiet optimal genutzt?
Baumann:Mit 2000 Einwohnern wird das Areal gut genutzt. Wir sehen fünf bis neun Geschosse vor und gehen damit bewusst über die üblichen vier Geschosse in den Agglomerationen hinaus.

Sie planen ein Quartier, aber keine Gebäude. Wie stellen Sie sicher, dass nicht Wildwuchs entsteht?
Bergmann:Es ist vorgesehen, dass wir selber Referenzbauten planen. Zudem definieren wir Gestaltungsprinzipien zu den Fassaden oder Gebäudehöhen, die schliesslich ins Bauregelwerk einfliessen. Möglich ist auch, dass ein gestalterischer Beirat das Projekt bis zum Schluss begleitet.

Hinter dem Projekt steht ein grosser Investor. Wie stark drückt er auf die Rendite?
Baumann:Dem Investor geht es nicht nur um Gewinnmaximierung. Er will hier etwas Spezielles bauen, eine Vision verwirklichen – was sich natürlich langfristig auch ökonomisch auszahlen wird.
Bergmann:Die Rahmenbedingungen legen die Städte Biel und Nidau fest, die nicht Land, sondern realisierbare Bruttogeschossfläche verkaufen. Der Ertrag muss jedoch reichen, damit sie die Infrastruktur finanzieren können.

Über dem ganzen Projekt schwebte immer die Vision eines Klein-Venedigs. Liessen Sie sich davon leiten?
Bergmann:Natürlich ist es schön, an Kanälen zu wohnen. Wir haben uns dann aber weitgehend von dieser Vorstellung gelöst. Es wurde relativ schnell klar, dass es wirtschaftlich kaum realisierbar ist, neue Kanäle anzulegen.
Baumann:Sie hätten das Quartier und vor allem den öffentlichen Raum auch stark zerschnitten.

Biel und Nidau sind stark von Kanälen geprägt, die früher jedoch der industriellen Entwicklung dienten. Halten Sie es für vertretbar, nur zum Vergnügen künstliche Wasserläufe anzulegen?
Baumann:Ich denke schon. Wasser ist ein Element, das in einem urbanen Quartier extrem bereichernd ist. Wir arbeiten auch damit, indem wir den Nidauer Barkenhafen stark vergrössern.

Biel träumt schon lange von einer Promenade mit Cafés und Boutiquen am See. Kann eine solche an diesem Hafen entstehen?
Baumann:Die Stadt wächst, und dieser Naherholungsraum wird sicher genutzt werden. Wir reden hier aber vor allem von ein paar Sommermonaten. Es ist die grössere Herausforderung, die öffentlichen Bereiche das ganze Jahr über zu beleben, als dass man Angst haben müsste, dass das ganze Quartier zu öffentlich wird.

Architekten wollen Spuren hinterlassen. Sie planen unmittelbar beim Hafen ein Hochhaus, das höher ist als alle anderen Gebäude in Biel.
Bergmann:Es geht uns dabei nicht darum, Spuren zu hinterlassen. Für dieses Hochhaus wird es sowieso noch einen separaten Architekturwettbewerb geben. Es soll vielmehr zu einer Landmarke oder einem Orientierungspunkt werden. Zudem soll es die Urbanität des Quartiers unterstreichen.

Die Renaissance der Hochhäuser kommt nicht so richtig in Schwung. Werden Sie die Leute finden, die dort wohnen wollen?
Baumann:Ich würde sofort dort wohnen. Reaktionen aus der Bevölkerung zeigen bisher, dass die Akzeptanz für dieses Hochhaus sehr gross ist.

Lärmende Autos passen nicht ins Bild des Paradieses. Welche Ideen haben Sie in Bezug auf den Verkehr?
Baumann:Das Quartier ist sehr gut mit dem öffentlichen Verkehr erschlossen und mit dem Velo erreichbar. Von uns aus könnte man nur eine reduzierte Anzahl Parkplätze bauen. Vor allem die öffentlichen Parkplätze für die ganzen Sommeraktivitäten sind aber ein politisches Thema. Für uns ist wichtig, dass der Bereich um die Wohnhäuser autofrei wird, die Autos können von der Hauptstrasse direkt in Tiefgaragen fahren.

Man will den Fünfer und das Weggli, mit dem Auto vor die Haustüre fahren und es doch nicht sehen.
Baumann:Ja, es gibt allerdings in den Städten immer mehr Leute, die ohne Auto leben, und es ist offen, ob ein gewisser Teil für autofreies Wohnen vorgesehen wird.

Der Bund

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