Die Front verläuft mitten durchs Abbaugebiet

Im Weiler Rufswil trifft Marti direkt auf die lokale Konkurrenz. Selbst die Statuten einer Strassengenossenschaft sind vor den Anwälten des Baukonzerns nicht gefeit.

Marti hat in Rufswil mit der lokalen Konkurrenz zu kämpfen.

Marti hat in Rufswil mit der lokalen Konkurrenz zu kämpfen. Bild: Keystone

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Rufswil ist eine beispielhafte Kampfzone im Luzerner Hinterland. Hier läuft die Front quer durch ein Abbaugebiet. Auf der einen Seite befindet sich der Teil, der vom Marti-Konzern kontrolliert wird. Hier steht das neue Kieswerk des Bauriesen. Gelbe und rote Marti-Fahnen flattern im Wind, Baumaschinen tragen Kies ab. Auf der anderen Seite ist es ruhig. Die zweite Abbauzone gehört der Firma JHS. Daran sind drei lokale Kies­unternehmen beteiligt: die Kieswerk Hüswil AG, die Kieshandels-AG Zell und die Leuenberger AG Zell. Wegen Einsprachen müssen die Bagger in diesem Teil ruhen.

Nur ein Kornfeld trennt die beiden Lager – und ein schmaler Hügel, der quer in der Landschaft steht. Denn links und rechts wurde der Kies bereits abgebaut. Über den Hügel führt ein Strässchen, oben steht eine kleine Kapelle. Darunter liegen 350'000 Kubikmeter Kies, der Dreijahresbedarf für das Kieswerk Hüswil. Die gemeinsame Abbaufirma JHS möchte den Hügel abtragen. Sie hat von der Genossenschaft, der das Strässchen gehört, den Zuschlag erhalten – und nicht Marti. Als dies bekannt wurde, stellte sich Marti auf den Standpunkt, dass der Kiesabbau nicht den Statuten der Genossenschaft entspreche. Die Statuten wurden geändert und vom Luzerner Regierungsrat genehmigt. Dagegen reichte Marti Beschwerde ein – sie wurde abgewiesen. Danach gab die JHS eine Zonenplanänderung ein, damit die Strasse in die Abbauzone aufgenommen wird. Marti erhob Einsprache, blitzte vor Gericht ab. Unterdessen hat die JHS ein Abbaugesuch gestellt. Auch dagegen sind Einsprachen von Marti eingegangen. Das Verfahren ist hängig. Solange die Bewilligung nicht eingetroffen ist, bleibt der Hügel stehen.

Thomas Anliker, Geschäftsführer des Kieswerks Hüswil, findet für Martis Vorgehen klare Worte: «Alles mit Einsprachen zu blockieren, obwohl die Würfel längst gefallen sind, finde ich moralisch verwerflich.» Der «Bund» hat Einblick in den Schriftenverkehr erhalten. Dabei wird ersichtlich, dass die Einsprachen nicht nur von Tochterfirmen des Marti-Konzerns stammen, sondern auch von Privatpersonen, die für diesen arbeiten und in der Nachbarschaft wohnen. Seitens von Marti gibt niemand einen Kommentar dazu ab.

Komplexe Verhältnisse

Der Hügel ist nicht der einzige Streitpunkt. Dass die JHS in ihrer Grube in Rufswil überhaupt Kies abbauen konnte, verdankt sie einer Nachlässigkeit der Marti-Anwälte. Sie hatten eine Frist verstreichen lassen, so dass die Abbaubewilligung nach jahrelangem Kampf 2011 rechtsgültig wurde.

Generell haben nur wenige Leute den Durchblick. Die Eigentums- und Vertragsverhältnisse sind komplex, die Zuständigkeiten unterschiedlich. Die Kiesvorkommen im Gebiet Rufswil-Luthertal erstrecken sich über die drei Gemeinden Luthern, Ufhusen und Zell. Kies wird aber im Moment nur im Grenzgebiet Ufhusen-Zell abgebaut. Selbst die Behörden scheinen sich mit der Situation schwerzutun. Dies alles begünstigt letztendlich den Marti-Konzern bei seinem Kampf auf rechtlicher Ebene. (Der Bund)

Erstellt: 28.07.2015, 13:36 Uhr

Kiesbranche im Fokus

Im letzten November deckte der «Bund» auf, dass im Raum Bern/Thun ein mutmassliches Kieskartell besteht. Dies machte die Wettbewerbskommission (Weko) hellhörig. Sie führte im Januar Razzien durch und eröffnete ein Verfahren gegen sieben Unternehmen: Kies AG Aaretal (Kaga), Messerli Kieswerk AG, K. & U. Hofstetter AG, Kästli Bau AG, Kieswerk Daepp AG, Kiestag AG, Kieswerk Heimberg AG sowie deren Muttergesellschaften Alluvia und Vigier. Die Weko war auf Anhaltspunkte gestossen, dass die Unternehmen Preis- und Mengenabsprachen getroffen, Handelspartner diskriminiert und illegale Verträge abgeschlossen hatten. Im Mai dehnte die Weko ihre Ermittlungen auf den Baukonzern Marti aus. Wie die anderen Firmen ist Marti im Verwaltungsrat der Kaga vertreten. Diese steht im Zentrum der Kritik. Im Weiteren nimmt in der Kiesaffäre seit März die Geschäftsprüfungskommission (GPK) des Grossen Rats die Rolle des Kantons unter die Lupe. Die GPK stiess auf Hinweise, dass der Kanton aufgrund des mutmasslichen Kartells bei Bauprojekten möglicherweise zu viel bezahlt hat.

Im vergangenen Juni wurde ausserdem bekannt, dass die Marti Holding bereits 2013 ins Visier der Eidgenössischen Steuerverwaltung (ESTV) geraten war – wegen vermuteter Steuerdelikte. Im November 2013 hatte auch die bernische Staatsanwaltschaft ein Verfahren gegen Marti wegen Verdachts auf Steuerbetrug in die Wege geleitet. Dieses wurde aber sogleich sistiert, weil es sinnlos gewesen wäre, parallel zur ESTV zu ermitteln. Die Untersuchungen von Weko, ESTV und GPK sind nach wie vor im Gang. Wie lange sie noch dauern werden, ist unklar.

Artikel zum Thema

Die Wildwest-Methoden des Baukonzerns Marti

Im luzernisch-bernischen Grenzgebiet tobt seit Jahren ein heftiger Kampf um die reichen Kiesvorkommen. Mit einer aggressiven Strategie versucht der Baukonzern Marti die lokale Konkurrenz auszubooten. Mehr...

Auf die Vorwürfe wurde
 «nur sehr zögerlich» reagiert

Im Fall Marti AG wurde die Steuerbehörde aufgrund eines Whistleblowers aktiv. Mehr...

Marti-Gruppe steht unter Steuerbetrug-Verdacht

Die Berner Staatsanwaltschaft hat ein Verfahren gegen das Bauunternehmen Marti eröffnet. Doch auch auf Bundesebene ist etwas in Gang. Mehr...

Werbung

Immobilien

Kommentare

Blogs

Zum Runden Leder Nervenaufreibend nachgemacht

History Reloaded 30 Jahre Winter nach dem Prager Frühling

Die Welt in Bildern

Kampf gegen Rassismus: Ein Demonstrant protestiert gegen die Kundgebung «Liberty of Death», eine Versammlung von Rechtskonservativen vor der Seattle City Hall in Seattle, Washington. (18. August 2018)
(Bild: Karen Ducey/AFP/Getty) Mehr...