«Die Baumalleen sind sehr wertvoll»

Philippe Roch sagt im Interview, warum er dagegen kämpft, dass wegen dem Tramprojekt Bern-Ostermundigen Bäume gefällt werden.

Interview mit Philippe Roch: Der 68-jährige Genfer war von 1992 bis 2005 Direktor des damaligen Bundesamts für Umwelt, Wald und Landschaft (Buwal). Zuvor leitete er unter anderem den WWF Schweiz.

Interview mit Philippe Roch: Der 68-jährige Genfer war von 1992 bis 2005 Direktor des damaligen Bundesamts für Umwelt, Wald und Landschaft (Buwal). Zuvor leitete er unter anderem den WWF Schweiz. Bild: Franziska Rothenbühler

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Herr Roch, Sie wohnen in der Agglomeration Genf. Weshalb bekämpfen Sie ein Berner Tramprojekt?
Mich stört grundsätzlich, dass im Namen der Ökologie für das Tramprojekt viele Bäume gefällt werden sollen. Es ist ein Beispiel dafür, wie wir für einen technologiefreundlichen Umweltschutz die Natur zerstören. Solche Situationen werden künftig zunehmen.

Was ist denn eigentlich schlimm daran, dass man für das Tram Bäume fällt, wenn man später sogar mehr Bäume neu anpflanzt?
Ich habe als Direktor des Bundesamts für Umwelt, Wald und Landschaft (Buwal) dreizehn Jahre in Bern gelebt, damals haben mir diese Bäume viel Energie gegeben. Ich bin oft in den Alleen spazieren gegangen, wenn der politische Druck hoch war. Diese Alleen sind sehr wertvoll. Natürlich kann man neue Bäume pflanzen, aber es dauert Jahrzehnte, bis sie gleich hoch sind. Wegen des Trams müssten sie zudem künftig ständig zurückgeschnitten werden.

Sie haben in Bern ohne Auto gelebt. Das geht nur, wenn der öffentliche Verkehr leistungsfähig bleibt. Ist er überlastet, wie heute auf der Linie 10, fahren die Leute wieder Auto.
Ich fand es sehr schön, wie gut der ÖV in der Region Bern vernetzt ist, eine Überlastung habe ich damals nicht bemerkt. Aber das ist zugegebenermassen lange her. Der ÖV ist sicher sehr wichtig. Aber ich finde es besser, wenn wir die kleinen Bahnhöfe in der Region erhalten, anstatt eine neue Tramlinie auf Kosten der Natur zu bauen.

An der geplanten Tramlinie wohnen und arbeiten sehr viele Leute. Sie brauchen einen effizienten ÖV. Sonst ziehen viele aufs Land, was zu mehr Zersiedelung führt.
Eine Verdichtung der Zentren ist sicher wichtig, aber es gibt auch Grenzen, denn sonst haben wir nur noch Beton in den Städten. Mir ist es wichtig, dass wir das Wachstum grundsätzlich hinterfragen: Wir sollten nicht immer nur unter dem Druck des Wachstums handeln, sondern über andere Lebensweisen nachdenken. Es ist besser, wenn die Leute aus kleinen Zentren um die Stadt, wie etwa Ostermundigen, mit dem Auto zu den Bahnhöfen fahren und dort den Zug nehmen. Ich bin keineswegs generell gegen Trams, aber hier ist der Preis für die Natur zu hoch.

Es ist nicht das erste Mal, dass Sie seit Ihrer Pensionierung Umweltvorlagen bekämpfen. Sie waren – mit der SVP – gegen die Energiewende. Haben Sie die Seite gewechselt?
Ich habe immer für die Natur gekämpft, das ist mein Engagement. Ich bin sehr für die Energiewende.

Sie haben aber zu einem Nein zur Energiestrategie aufgerufen.
Das stimmt. Aber nicht, weil ich grundsätzlich dagegen bin, sondern weil der Naturschutz geschwächt wird. Vor allem die riesigen Windtürme sind für mich in unberührten Landschaften inakzeptabel. Es ist ein Fehler, dass für die Windkraftwerke nun Ausnahmen beim Waldschutz gemacht werden. Einerseits bin ich erleichtert, dass wir die Abstimmung verloren haben, andrerseits mache ich mir Sorgen, dass die Energiewende auf Kosten der Natur geht.

Ist der Preis für eine völlig unantastbare Natur nicht, dass wir einfach Energie importieren oder eben Auto statt Tram fahren?
Ich akzeptiere das Argument. Aber man muss abwägen. Ich verstehe nicht, warum man für das Tramprojekt so viele alte Bäume opfern muss. Es wäre besser, die Strasse für Autos zu sperren und die Tramlinie auf der Strasse zu bauen.

Als Buwal-Direktor mussten Sie stets pragmatische Lösungen für die Umwelt suchen. Verneinen Sie jetzt mit Ihrer Fundamentalopposition ein Stück weit Ihr Lebenswerk?
Es ist richtig, dass ich stets Kompromisse suchen musste, heute bin ich freier. Ich habe aber auch als Amtsdirektor stets Lösungen zugunsten der Natur gesucht. Und nicht selten habe ich sie auch gefunden. (Der Bund)

Erstellt: 31.01.2018, 06:51 Uhr

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