Die Aare nagt an Nerven und Naturparadies

Spaziergänger haben kein Verständnis dafür, dass der Aareweg bei Muri-Gümligen verschoben werden soll. Thomas Hanke weibelt nun für temporäre Verbauungen des Aareufers.

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Es ist äussert romantisch am grün verwachsenen Aareweg in Muri. Dass sich um diesen Ort ein Kampf entflammt hat, ist schwer vorstellbar, so friedlich ist es hier. Doch der Eindruck täuscht: Weil sich die Aare immer mehr in den 250 Meter langen Spazierweg zwischen Wehrliauparkplatz und Muribad frisst, will der Kanton der Aare hier mehr freien Lauf lassen und den beliebten von Bäumen gesäumten Aareweg aufheben (der «Bund» berichtete). Über 3000 Menschen haben deshalb eine Petition zur Erhaltung des Weges unterschrieben. Besonders bei den morgendlichen Spaziergängern, teils mit Hund oder Rollator, kam die Nachricht des kantonalen Tiefbauamts nicht gut an: Das sei äusserst traurig, was hier geplant sei, sagt ein älterer Herr. Deshalb habe er auch die Petition unterschrieben: «Nach ein paar Minuten hier atme ich immer gleich viel ruhiger.» Eine andere Spaziergängerin nervt sich daran, dass der Schutz der Natur höher gewertet werde als die Bedürfnisse der Menschen.

«Nach ein paar Minuten hier atme ich immer gleich viel ruhiger.»Spaziergänger an der Aare

Weil der Fussgängerweg durch ein als Auenlandschaft von nationaler Bedeutung eingestuftes Gebiet verläuft, darf der Weg und der Aaredamm nicht fest verbaut werden. Doch genau durch dieses bröckelnde Naturparadies, wo die Eichhörnchen erstaunlich zutraulich sind und verschiedene seltene Froscharten in der angrenzenden Gonzenbachgiesse quaken, spazieren Erholungsbedürftige gerne. Auch ein Berner Pensionär ist bereits vor dem Mittag auf dem Weg ins Muribad. Er befürchtet, dass die geplante Renaturierung und die Verbreiterung des Aarebettes zu einem tieferen Aarepegel führt: «Dabei kann man schon jetzt nicht mehr ohne Schuhe schwimmen, weil man sich sonst den Fuss anstösst», sagt er und zeigt auf seine vernarbten Beine.

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Die Argumentation der Spaziergänger ist mehrheitlich simpel: Der Weg ist schön, deshalb soll er erhalten bleiben. Die Heftigkeit der emotionalen Diskussion der letzten Wochen habe ihn schon überrascht, sagt der Muriger Gemeindepräsident Thomas Hanke (FDP), während ihn immer wieder Spaziergänger auf dem Weg grüssen – er grüsst zurück. Auch auf Druck der Petitionäre will sich Hanke nach den Sommerferien erneut mit den Verantwortlichen des Kantons treffen. «Ziel ist, dass wir etwas mehr Zeit bekommen, bevor wir den Entscheid fällen», sagt Hanke. Im besten Fall würde der Kanton zusätzliche temporäre Verbauungen bewilligen, damit die Muriger länger Zeit für weitergehende Abklärungen bekommen. Zur Diskussion steht, ob der Weg verschoben werden soll oder einem Aaresteg weichen.

«Ziel ist, dass wir etwas mehr Zeit bekommen, bevor wir den Entscheid fällen»Thomas Hanke

Einen Steg, ähnlich wie es beim Tierpark einen gibt, müsste die Gemeinde alleine finanzieren. Der Muriger Gemeinderat hat bereits mitgeteilt, dass er die Verschiebung des Weges an den Fuss des Aarehangs präferiere, auch weil der Kanton sich an den Kosten beteiligen würde. Der bisherige Weg würde seinem Schicksal überlassen und – zumindest der untere Teil – früher oder später von der Aare weggespült. «Sollte man beim Kanton aber auf einmal zum Schluss kommen, dass der Damm hart verbaut werden könne, verschlösse sich der Gemeinderat nicht», sagt Hanke. Wichtig sei ihm vor allem, dass der Weg sicher sei. Denn die Aare nagt am Damm, und wie vielen Hochwassersituationen er noch standhält, kann niemand genau sagen.

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Doch nicht nur Spaziergänger fühlen sich am Aareabschnitt wohl: Ein Graureiher posiert an diesem Vormittag unbeeindruckt für einen Hobbyfotografen. Und auch mindestens ein exotisches Tiere lebt im Naturschutzgebiet: «Ausgesetzte Schildkröten: So bitte nicht», steht auf einem Infoplakat des Kantons. Erst kürzlich wurde im Tümpel eine nicht heimische Rotwangen-Schildkröte gesichtet. Das Tier könne hier überleben und fresse alles, was es überwältigen könne, heisst es auf dem Infoplakat. Um die Schildkröte einzufangen, hat man beim Kanton übrigens keine Kapazität – vermehren könne sie sich aber nicht.

Gegen Nachmittag laufen dann vor allem Besucher des Muribades beladen mit Sonnenschirmen und grossen Taschen über den Aareweg, der das Bad mit dem Parkplatz verbindet. Ihre Empörung über die mögliche Verschiebung fällt meist weniger hart aus. So sagt eine Mutter, sie nehme den Weg vor allem als Verbindung von Parkplatz und Bad wahr. Sie komme überhaupt von Bern aus nur hierher, weil es einen praktischen Auto-Parkplatz habe. Sie störe sich daher an einer Verschiebung nicht, solange der neue Fussgängerweg, wie von der Gemeinde versprochen, eben gebaut werde. Auch eine andere Sonnenbaderin sieht die «Zweischneidigkeit des Schwertes». Einerseits sei der Aareweg eine «Pracht», andererseits müsse man auch an die Sicherheit und die Natur denken. (Der Bund)

Erstellt: 04.08.2017, 06:44 Uhr

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