Der liberale Barfussgeher

Der grünliberale Nathan Güntensperger käme ja gerne barfuss zur Vereidigung ins Bieler Rathaus – doch er darf nicht.

Reto Wissmann@RetoWissmann

Als Journalist sollte man mit Politikern ja vor allem über Politik diskutieren. Mit Nathan Güntensperger kommt man aber nicht umhin, auch über seine Füsse zu sprechen. Der Grünliberale wird am Montag als Nachfolger von Sabine Kronenberg im Grossen Rat vereidigt und ist in seiner Heimatstadt Biel als scharfzüngiger Redner, kritischer Finanzpolitiker – vor allem aber als Barfussgeher bekannt.

Güntensperger selber schätzt, dass er 95 Prozent der Zeit ganz ohne Schuhe und Socken oder höchstens mal mit leichten Sandalen unterwegs ist. Und zwar im Winter wie im Sommer, an Kommissionssitzungen wie bei Spatenstichen. Auch im Stadtparlament erscheint der 47-Jährige barfuss, was im Bieler Stadtrat zunächst noch für Aufsehen sorgte und nach seinem Amtsantritt 2010 fast zu einem Kleiderreglement führte. Unterdessen gehören seine nackten Füsse im Bieler Stadtrat aber ebenso zum gewohnten Bild wie das lachsfarbene Hemd des Stadtoberhaupts oder das Baseball Cap des GPK-Präsidenten.

Jetzt stellt sich aber die Frage: Wird Güntensperger am Montag auch barfuss ins Rathaus zu Bern marschieren und so vor die Grossratspräsidentin treten? Nein, wird er nicht! Die oberste Bernerin habe ihm zu verstehen gegeben, dass dies als nicht angemessen betrachtet werde. Da er «kein Extremist», sondern ein kompromissfähiger Politiker sei, werde er zur Vereidigung und auch während der kommenden Sessionen Schuhe anziehen.

«Die natürlichste Art der Fortbewegung»

Güntensperger wurde vor sechs Jahren zufällig zum Barfussgeher. Er habe in einem Artikel davon gelesen, es ausprobiert und dann konsequent weitergeführt. Barfuss zu gehen, sei die natürlichste Art der Fortbewegung und eröffne einem ganz neue Dimensionen. Man spüre die Temperatur des Bodens, dessen Struktur. Zudem habe er seither weniger Rückenprobleme, sagt der erfolgreiche Gastrounternehmer, der in Nidau die beliebte Lago Lodge betreibt.

Die Reaktionen auf seine nackten Füsse fallen sehr unterschiedlich aus. Es gebe Leute, die sprächen seither kein Wort mehr mit ihm. Andere fänden die Eigenart spannend. «Eigentlich ist es mir aber egal, was die Leute denken», so Güntensperger, der zu den Gründungsmitgliedern der Grünliberalen Partei gehört. Ganz dem liberalen Gedankengut verpflichtet, mache er, was er wolle, solange er niemand anderem damit schade. Womit wir doch noch bei der Politik angelangt wären.

Der Bund

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