«Der Spirit in den Köpfen ist geblieben»

Burgdorf ist, was Bern gerne sein möchte: eine Velostadt. Der hohe Veloverkehrsanteil in Burgdorf geht auf ein Projekt von 1996 zurück.

Die Mitarbeiter des Burgdorfer Velohauslieferdienstes schwärmen von der Velostation zu ihren Kunden aus.

Die Mitarbeiter des Burgdorfer Velohauslieferdienstes schwärmen von der Velostation zu ihren Kunden aus. Bild: Valérie Chételat

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Burgdorf nimmt beim Veloverkehr eine Vorreiterrolle ein. Mit einem Veloverkehrsanteil von 13,3 Prozent belegt die Agglomeration Burgdorf schweizweit einen Spitzenplatz, die Stadt selber kommt auf gut 16 Prozent. Zum Vergleich: Die Agglomeration Bern hat einen Veloverkehrsanteil von 5,5 Prozent, die Stadt 11 Prozent. Auch Uwe Schlosser, Co-Autor einer neuen Studie, die aufzeigt, wie häufig das Fahrrad genutzt wird, sieht in der Emmenstadt einen Massstab: «Burgdorf stellt in der Schweiz einen Benchmark dar.» (Siehe «Bund» von gestern.) Dies belegten nicht nur die Zahlen, sondern auch die Einschätzungen von Experten und Velofahrenden. In den untersuchten Bereichen, wie etwa Infrastruktur oder Betrieb und Service, sei Burgdorf «immer unter den Top 3», so Schlosser.

Ein wesentlicher Grund sieht Peter Hänsenberger, Leiter Baudirektion in Burgdorf, in der Fussgänger- und Velomodellstadt (Fuvemo) – ein Projekt, das vor bald zehn Jahren zu Ende ging. Für das vom Bund unterstützte Projekt wurde Burgdorf ausgewählt, es dauerte von 1996 bis 2006. Es sei nicht die Idee gewesen, aus Burgdorf eine Velostadt zu machen, sondern ein Versuchslabor, sagt Hänsenberger. In diesem Labor entstand die Begegnungszone, eine 20er-Zone, in welcher Fussgänger Vortritt haben. «Wir haben versucht, die Koexistenz in den Vordergrund zu stellen, dass alle das Recht haben, die Verkehrsfläche zu benützen.» Über die Jahre habe sich dies eingespielt.

Ersatz für Kofferraum

Eine weitere Errungenschaft, welche ebenfalls aus dieser Zeit datiert, ist der Velohauslieferservice. Der Impuls sei aus der Gruppe rund um Fuvemo gekommen und als Dankeschön an die Fussgänger und Velofahrer gedacht gewesen, sagt Martin Wälti, Geschäftsleiter der Stiftung Intact. Die Stiftung führt beim Bahnhof Burgdorf eine Mobilitätszentrale, die aus der Velostation heraus entstanden ist. Am Anfang transportierte der Velohauslieferservice die Einkäufe aus Burgdorfer Geschäften gratis nach Hause, heute verlangten sie je nach Distanz vier bis sieben Franken. Auch diese Idee wurde wie die Begegnungszone in die ganze Schweiz exportiert.

Bereits 1997, als der Velohauslieferservice startete, wurden E-Bikes eingesetzt. Die Anhänger habe man selber konstruiert, sagt Wälti. Umfragen hätten gezeigt, dass heute jeder fünfte Haushalt den Hauslieferservice einmal pro Jahr in Anspruch nehme. Weil das Angebot als Ersatz für den Kofferraum gedacht war, hatte es einen positiven Effekt auf den Langsamverkehrsanteil. «21 Prozent der Nutzer sind umgestiegen, die meisten davon aufs Velo», sagt er.

Velo bringt Essen für Kita

«Der Spirit in einigen Köpfen ist geblieben», sagt Wälti. Deshalb ist das Angebot ausgebaut worden. Heute gehört zur Mobilitätszentrale eine Velowerkstätte, eine E-Bike-Flotte von 100 Fahrzeugen für Touristen, ein Nähatelier, in welchem unter anderem Velorucksäcke und Teile von Veloanhängern hergestellt werden, und eine Küche, in der täglich 1000 Menüs für Kindertagesstätten gekocht werden. «In die nähergelegenen Kitas wird das Essen mit Velos geliefert», sagt Wälti. Auch die Stadtverwaltung liess sich vom Geist anstecken und förderte das ökologische Pendeln etwa mit dem Mobility-Jackpot. Jede Woche wählte ein Zufallsgenerator an einem beliebigen Tag einen Mitarbeiter aus. War er zu Fuss oder mit dem Velo zur Arbeit gekommen, gewann er 50 Franken.

«Ein riesiges Potenzial»

Seit dem Ende von Fuvemo ist viel Zeit vergangen. Wirkt das Projekt so lange nach oder hat Burgdorf seither noch etwas unternommen? Ja, sagt Hänsenberger, Burgdorf habe in letzter Zeit viel in den Veloverkehr investiert. So wurden zwei Velobrücken für je rund zwei Millionen Franken realisiert und ein Ast einer Velobahn entlang des Bahntrassees gebaut. Die eine Brücke liege auf der Pendlerstrecke von Kirchberg nach Burgdorf, mit der anderen habe man das bevölkerungsstärkste Quartier Gyrischachen erschlossen, so Hänsenberger.

Nach wie vor seien aber unzählige Situationen ungelöst, sagt Wälti. «Burgdorf hat noch ein riesiges Potenzial.» Wie Bern plant Burgdorf ein Veloverleihsystem für Pendler. Aber sonst – und das sagen Wälti und Hänsenberger einhellig – gibt es kaum Parallelen zwischen den beiden Städten. Bern habe mit dem stark ausgebauten öffentlichen Verkehr ein grundlegend anderes Verkehrssystem. Für viele Burgdorfer ist der Bus keine Alternative – das Netz ist zu wenig dicht. (Der Bund)

Erstellt: 10.06.2015, 06:58 Uhr

Keine Tram-Gelder für Velowege

Die Mittel, welche der Kanton Bern fürs Tram Region Bern einsetzen wollte, fliessen nicht in Projekte zur Förderung des Velo- und Fussverkehrs in Köniz und Ostermundigen. Der Grosse Rat hat eine Idee aus den Reihen der Grünen abgelehnt. Das Kantonsparlament folgte damit dem Regierungsrat, wonach es nicht zulässig sei, die für die neue Tramlinie vorgesehenen Gelder anderweitig zu verwenden. Der Regierungsrat muss auch keinen Bericht vorlegen, in dem er ein Fazit aus dem «Tram-Region-Bern-Debakel» zieht, wie die grüne Grossrätin und Könizer Gemeinderätin Rita Haudenschild in ihrer Motion verlangte. Die Volksabstimmungen zur neuen Tramlinie hätten auf kommunaler Ebene stattgefunden, schrieb die Regierung. Deshalb sei es an den Gemeinden, allenfalls solche Analysen vorzunehmen. Bau-, Verkehrs- und Energie­direktorin Barbara Egger-Jenzer (SP) kritisierte im Rat das Wort «Debakel»: Davon könne keine Rede sein. Das 500-Millionen-Franken-Projekt Tram Region Bern wurde letztes Jahr zwar von den Stimmberechtigten der Stadt Bern angenommen, von jenen in Ostermundigen und Köniz aber abgelehnt. Damit war das Projekt gescheitert.

Rechtsabbiegen bei Rot prüfen


Das Berner Kantonsparlament kann sich vorstellen, dass Velofahrer in der Zukunft an Verkehrsampeln bei Rot rechts abbiegen dürfen. Eine sofortige Gesetzesänderung lehnte der Grosse Rat aber ab, weil die Gesetzgebung im Strassenverkehr Sache des Bundes sei. Zwei Forderungen des Vorstosses von Natalie ­Imboden (Grüne, Bern) überwies der Grosse Rat als Postulat. Der Regierungsrat soll sich nun beim Bund dafür einsetzen, dass das Rechtsabbiegen bei Rot für Velofahrer möglich wird. Zudem soll der Kanton Bern bis zu einem Entscheid des Bundes «allenfalls» Pilotversuche ermöglichen.


Imboden reichte den Vorstoss vor dem Hintergrund eines Pilotversuchs der Stadt Basel ein. Dort ergab der Versuch an vier Ampeln, dass die Verkehrsteilnehmer die neue Regelung akzeptierten. Unfälle gab es keine. Basel hat nun den Versuch auf zwölf Kreuzungen ausgedehnt und beim Bund eine Änderung des Strassenverkehrsrechts im Sinne des Pilotversuches beantragt. Imboden sagte, Rechtsabbiegen bei roten Ampeln sei eine «Win-win-Situation». Velofahrer kämen schneller voran, Autofahrer ebenfalls, weil sie nicht warten müssten, bis die Radfahrer abgebogen seien. Der Regierungsrat sei zu formalistisch. So sei seinerzeit beispielsweise die Stadt Burgdorf bei der Einführung von Begegnungszonen auch mutig vorangegangen.


Peter Flück (FDP, Unterseen) hingegen sagte, es reiche, wenn Basel einen Test ausführe; für mehr als einen Test bestehe keine rechtliche Grundlage.Dass die Regierung zurückhaltend auftrat, begründete sie in ihrer Antwort auf den Vorstoss mit der Haltung des Bundesrats. Dieser habe im November auf einen Nationalratsvorstoss zu diesem Thema die positiven Tendenzen in Basel zwar anerkannt, aber weitere Abklärungen für nötig erachtet.

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