Der Mann vom Weltcup-Berg

Hans Pieren bestreitet heuer seine zwanzigste Saison als Rennleiter des Skiweltcup in Adelboden. In den letzten Jahren wurde die Pistenpräparation der warmen Winter wegen aufwendiger. Nicht alle im Unterland und im Dorf freuen sich indes am Weltcup-Zirkus.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Das Chuenisbärgli liegt direkt vor seiner Haustüre. Aus dem Wohnzimmer erblickt Hans Pieren täglich jenen Hang, für dessen weltcuptaugliche Präparation er zuständig, für dessen Schneesicherheit er verantwortlich ist, ja, für dessen weltweite Bekanntheit er zusammen mit einem grossen Team sorgt: Er, der ehemalige Riesenslalomfahrer, einstige Cheftrainer der Damen-Ski-Nationalmannschaft, Unternehmer und Weltcup-Renndirektor des Internationalen Skiverbands FIS, ist heuer die zwanzigste Saison Rennleiter des Skiweltcup in Adelboden, dessen Vorbereitungen bereits jetzt im Herbst auf vollen Touren laufen. Der Vorverkauf der Tickets beispielsweise hat schon begonnen.

Noch sind die Hänge des Chuenisbärgli allerdings grün. Eine Bauernfamilie emdet auf jenem Stück Land, welches am 11. und 12. Januar 2014 den Zielraum des Herren-Riesenslaloms und des Herren-Slaloms bildet. Die Sonne brennt an diesem prächtigen Herbsttag vom Himmel, die Feldarbeiterinnen und -arbeiter tragen Kopftücher und Sonnenhüte, die vielen Wanderer im Ort laufen auch auf 1350 Meter über Meer in kurzen Hosen und Trägershirt herum.

Alles liegt am Chuenisbärgli

Hans Pieren steht im schwarzen Weltcup-T-Shirt im Zielraum des Chuenisbärgli. Hier am Bärgli ist Pieren aufgewachsen, hier sind seine beiden Kinder gross geworden und hier wohnt er noch heute, zusammen mit seiner Frau. Das Chuenisbärgli ist nicht nur sein Zuhause, das Chuenisbärgli ist Dreh- und Angelpunkt seines privaten, seines sportlichen und seines beruflichen Lebens. Wohl war und ist er sportlich und beruflich in der Welt unterwegs, nimmt deswegen schon mal ein Mittagessen mit dem russischen Präsidenten Wladimir Putin und Ministerpräsident Dmitri Medwedew ein (siehe Kasten). Doch ohne Bärgli stünde Pieren nicht da, wo er heute ist.

Im Januar 1982 startete der damals knapp Zwanzigjährige zu seinem ersten Skiweltcup-Rennen – am Chuenisbärgli. Seinen Versandhandel für Skisportartikel betreibt er heute von seinem Wohnhaus aus. Und als Rennleiter des Skiweltcup Adelboden kennt er jeden Stein am Chuenisbärgli – und jede Veränderung daselbst.

Ausweichpiste gibt es nicht mehr

Hans Pieren zeigt hinauf zum Wildstrubel. Die Klimaerwärmung zeigt sich nicht nur am Rückgang des Gletschers, die Klimaerwärmung ist die wohl grösste Herausforderung, die Pieren und sein Team in den letzten 20 Jahren bewältigen mussten. «Es gab sicher schon immer warme Winter, aber die Häufigkeit hat zugenommen. Die Schneesicherheit ist durch diese klimatischen Bedingungen schwieriger geworden und wird permanent noch schwieriger. Ohne Beschneiungsanlagen könnten wir die Durchführung der Rennen heute deshalb nicht mehr garantieren», sagt Pieren. Noch bis 1993 konnten die OK-Verantwortlichen des Weltcups bei schlechten Schneebedingungen jeweils auf die höher gelegene Ersatzpiste auf der Tschentenalp ausweichen. Doch seit die Regeln des Weltcup-Reglements vorschreiben, dass die Veranstalter der Rennen mit dem Wettkampf ins Dorf und damit möglichst nahe zu den Zuschauern müssen, existiert die Ausweichvariante nicht mehr.

Hans Pieren ist jedes Mal glücklich, wenn die Pistenpräparation auch unter schwierigen Bedingungen gelingt. «Diese Erlebnisse gehören mitunter zu den schönsten in den letzten 20 Jahren», sagt Pieren. Gleichzeitig kann er sich aber auch darüber ärgern, wenn just diesen Bemühungen Unverständnis entgegenschwappt. Meistens aus dem «Unterland». «Ich habe wirklich Mühe damit, wenn man unsere Bemühungen, eine Piste auch unter schwierigen Bedingungen und mit Kunstschnee zu präparieren, infrage stellt.» Am Ende seien es dann just die Unterländer, die den Weltcup nicht nur am Fernseher oder vor Ort verfolgten, sondern etwa auch nach Österreich oder ins Südtirol zum Skisport fahren würden, «weil dort durch modernste Kunstschneeanlagen Schneesicherheit geboten wird.»

Die Piste auch bei unwirtlichen Bedingungen rechtzeitig in Schuss zu kriegen, beschäftigt Pieren und sein Team mitunter denn auch mehr als etwa die fehlenden Leistungen der Schweizer Athleten in den letzten zwei Jahren. Im Vergleich zu seinem früheren Leben als Skiprofi empfindet Pieren den Druck, der auf ihm als Rennleiter lastet, «ganz anders». «Als Athlet war ich auch maximal belastet, doch wenn ich einen Fehler gemacht hatte, war eine kleine Welt wütend darob, und ich musste die Konsequenzen alleine tragen. Wenn ich heute als Funktionär einen Fehler begehe, dann sind die Auswirkungen viel grösser. Der Druck kann deshalb schon immens hoch sein.»

«Mit dem Druck umgehen»

Hans Pieren hat in den letzten 20 Jahren gelernt, mit diesem Druck umzugehen. Für Pieren ist nicht nur das Team wichtig, sondern die Bereitschaft des ganzen Dorfs, diesen Anlass mitzutragen. Das ist in den Augen Pierens längstens keine Selbstverständlichkeit mehr. «In der heutigen Zeit, da jeder meint, er brauche den anderen ja eigentlich nicht, finde ich das grossartig.» Dies, auch wenn er sich in den letzten zwei Jahrzehnten ein paar Mal geärgert hat über die «Trittbrettfahrer» im Dorf. Kritik am Weltcup-Zirkus kommt im Ort, in welchem jeder jeden kennt, nicht immer gut an. «Mit negativen Rückmeldungen oder Änderungsvorschlägen habe ich keine Mühe, wenn sie fundiert sind», sagt Pieren. «Wenn aber einzelne sagen, sie hätten vom Weltcup nichts, dann ärgert mich das schon. Gerade wenn es Gewerbler sind. Denn das Rennen ist wirtschaftlich trotz Defizit sehr wichtig. Es kommt nicht nur Adelboden und der Region zugute, sondern dem Alpen- und Skiland Schweiz. Ohne Spitzensport gibt es keinen Breitensport und gerade von den Breitensportlern leben wir ja in den Tourismusregionen.»

Mit seinem Versandgeschäft, in welchem er Spezialwerkzeuge für die Skipräparation, Skiwachse sowie Bekleidung und Accessoires für den Winter anbietet, lebt Pieren selber von den Breitensportlern. Der ganze mittlere Stock seines Elternhauses ist ein einziger Lagerraum. An den Wänden stapeln sich Kisten mit Skihelmen, Skibrillen und anderen Utensilien. Der neuste Katalog geht nächstens raus. Noch hat Pieren Zeit, sich auch um den Versandhandel zu kümmern. Im neuen Jahr dann aber ist er froh, auf seine Frau zählen zu können. Nach den Weltcup-Rennen im Januar wird er im Februar nach Sotschi an die Olympischen Winterspiele reisen. Irgendwann wird die hektische Zeit indes ganz vorbei sein. Dann, wenn er als Rennleiter zurücktreten wird. «Noch einmal zwanzig Jahre mache ich das sicher nicht», sagt er und lacht. Er sucht deshalb bereits jetzt nach einer jungen, belastungsresistenten Nachfolge. Die Suche wird nicht einfach werden. (Der Bund)

Erstellt: 08.10.2013, 16:05 Uhr

Pieren fürchtet weiteren Leistungsabbau

Acht Wochen lang dauert der Auf- und Abbau der Infrastruktur für das Weltcup-Rennen in Adelboden. Aktuell unterstützt die Armee das Rennen mit 700 Manntagen, der Zivilschutz mit 3300 Manntagen.

Bei einem fiktiven Stundenansatz von rund 30 Franken während eines Achtstundentags erbringen Armee und Zivilschutz Leistungen von rund 960'000 Franken. «Diesen Betrag könnten wir nie und nimmer selber bezahlen», sagt Hans Pieren. Das Budget des OK beträgt aktuell 4,8 Millionen Franken, die Helferentschädigung der zivilen Personen 200'000 Franken.

Pro Helfertag und Helfer bezahlt das OK zwischen 60 und 80 Franken. Das Geld der Helfer fliesst in der Regel in die Kasse des Vereins, in dessen Namen die Helfer während des Weltcups tätig sind.

Als Swiss-Top-Sport-Anlass (Vereinigung der 22 bedeutendsten Sportveranstaltungen der Schweiz) kann der Weltcup weiterhin auf die Unterstützung von Armee und Zivilschutz zählen. Das signalisiert man zumindest seitens des Departements für Verteidigung, Bevölkerungsschutz und Sport VBS.

Pieren ist sich da weniger sicher: «Die verantwortlichen Politiker müssen je länger je mehr Rechenschaft ablegen über die Einsätze, welche die Armee noch leistet. Ich weiss deshalb nicht, wie lange die Armee uns wirklich noch unterstützen wird.» Er habe ja auch Verständnis für gewisse Vorbehalte: «Wenn die Verantwortlichen von KMU sehen, dass ihre Männer, die in den WK müssen, an einem Sportanlass sind, dann fragen sie sich wohl, was das soll und stellen ihrerseits Fragen an die Politik.»

Dabei werde ein Wehrmann nur sehr selten zu einem solchen Einsatz aufgeboten. Die Soldaten indes könnten gerade dort den Ernstfall üben. «Wenn wir wie vor zwei Jahren eine unmögliche Witterungssituation haben, dann braucht es eine unglaubliche Flexibilität der Armee- und Zivilschutzleute. Zwar ist dies nicht eine Ausbildung an der Waffe, aber ein solches Ereignis zu meistern, mitten in der Nacht aufzustehen und auf der Piste herumzurutschen, ist eine riesige logistische, körperliche Herausforderung.» Der Leistungsabbau der Armee habe seit längerem kontinuierlich zugenommen.

Ein Beispiel: «Früher war bei der Bereitstellung der Armeefahrzeuge der Treibstoff inbegriffen, heute bezahlen wir diesen selber, dazu gekommen ist auch noch die LSVA.»

Lieber drei Wochen als drei Tage

Den Haupteinsatz leistet in Adelboden aber eigentlich der Zivilschutz. «Darüber sind wir glücklich. Aber organisatorisch sei das eine Herausforderung für das Zivilschutzkader und das OK. Denn ein Zivilschutzeinsatz dauert zwischen drei und fünf Tagen.

Ein Armee-WK dagegen drei Wochen. Der häufige Wechsel der Helfer ist für alle nicht einfach zu ‹handeln›.» Auch deshalb sei der Einsatz der Armee für den Weltcup wichtig.

Artikel zum Thema

Startrampe für die Stars von morgen

Neun Konzerte in zwölf Tagen: Das Swiss Chamber Music Festival macht Adelboden von 26. September bis 7. Oktober zum Magneten für Kammermusikfreunde. Mehr...

Die grosse Party am Chuenisbärgli

Die Party ist am Skiweltcup in Adelboden mindestens so wichtig wie der Sport. Die Veranstalter kämpfen gegen Alkoholexzesse. Beim Jugendschutz aber hapert es. Mehr...

«Am Freitag ist Grosskampftag»

Peter Willen steht als OK-Chef von Adelboden wegen des Sturms Andrea unter Hochdruck. Der heftige Schneefall gefährdet den Riesenslalom vom Samstag. Mehr...

Werbung

Immobilien

Kommentare

Blogs

Zum Runden Leder Der Karren in der Krise

History Reloaded Die Schweiz, ein Land der Streiks

Werbung

Volltreffer! Die Fussballkolumne.

Grädel schreibt über Fussball und die Welt. Wenn einer in Bern und Umgebung echten Fussballsachverstand hat, dann er.

Die Welt in Bildern

Kein Ball aber viel Rauch: Der Fussballer Tyler Roberts von Wales steht beim Spiel gegen Dänemark in Cardiff im Dunstkreis von einer Fan-Fackel. (17. November 2018)
(Bild: Matthew Childs) Mehr...