Der Geruch von Wurst und Weihrauch

Krönung einer Kirchweihe: Der Patriarch aus Belgrad bei den Serbisch-Orthodoxen in Belp.

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Eine Kirche in einem Industriegebiet? Das klingt nicht idyllisch, doch bei Veranstaltungen wie an diesem Sonntag ist es praktisch: Die Autos, die Gläubige zum Belper Gotteshaus bringen, werden von Verkehrsposten auf leere Parkflächen der benachbarten Unternehmen gelotst. Nur eine Limousine darf vor den Eingang fahren. Die Türen gehen auf und Seine Heiligkeit, der Patriarch von Serbien, entsteigt dem Wagen. Begleiter setzen ihm die Mitra aufs Haupt und drücken ihm den Bischofsstab in die Hand. Der 88-jährige Irenej weiht die Kirche ein, die nach Kyrill und Method benannt ist. Diese Glaubensboten aus dem heutigen Nordgriechenland brachten den Völkern im Osten jene Schrift, die kyrillisch heisst und in Serbien und Russland verwendet wird.

Dreimal um die Kirche

Zwar gab es 2008 eine kleine Weihe für den Neubau, doch erst jetzt, mit dem «Chef» aus Belgrad, ist die Kirchweihe vollständig. Zudem werden an diesem Sonntag Reliquien in den heiligen Tisch gelegt, wie der Ortspfarrer Stanko Markovic dem «Bund» erklärt. Ein ganzer Zug von Geistlichen, darunter der zuständige, in Wien residierende Bischof Andrej, umschreitet auf dem roten Teppich dreimal die Kirche – die Gläubigen folgen nach. Mit Weihrauch und Weihwasser wird die Kirche gesegnet. Ein Mann nähert sich einem Geistlichen, bückt sich und küsst dessen Ring. Frömmigkeit ist hier keine verkopfte Angelegenheit, sondern eine sinnliche mit Prachtentfaltung und Inbrunst.

Die Kirche ist brechend voll. «Nema schanse», raunt ein älterer Mann seiner Frau zu: keine Chance, hineinzukommen. Die Leute stehen auf der Treppe, die von den Flaggen der Schweiz und Serbiens flankiert wird. Im Funkgerät eines Ordners knackt es: «Das sy Usnahmezuschtänd», meint er zu den sich drängenden Menschen. Jene, die es geschafft haben, hören die liturgischen Gesänge, sehen das Kirchenoberhaupt und den Chor der Geistlichen. Und sie können die Heiligen betrachten, die mit dem sprichwörtlichen heiligen Ernst mit grossen Augen auf sie herabblicken: Kunst nach den formalisierten Regeln der Byzantinik. Einige Frauen tragen Kopftücher, was der orthodoxen Tradition entspricht, doch hier tut es nur eine Minderheit – anders als etwa in Russland.

Orthodoxe Liturgien dauern lange. Es braucht Sitzleder, wobei dies der falsche Ausdruck ist, denn es gibt keine Bänke, so haben mehr Gläubige Platz. Selbst noch im grössten Gedränge schaffen es viele, an gewissen Stellen der Liturgie niederzuknien. Wer keinen Platz gefunden hat, kann an der Aemmenmattstrasse 12 A eine Kerze anzünden, in der runden Kappelle nebenan. Das verschont die Hauptkirche vor Russ.

Es gibt ein Festzelt, das viel mehr Menschen fasst. Der Gottesdienst wird auf einem Bildschirm übertragen. Ein Kind auf dem Schoss der Mutter gähnt: Für jene, die sich (noch) nicht gut auskennen, scheint sich die Liturgie zu wiederholen. Man sieht, wie in der Kirche Weihrauch aufsteigt. Im Zelt riecht man ihn nicht, dafür Zigarettenrauch und den Duft von Plieskavica (Hacksteak) oder Domaca kobasica (Hausmacherwurst).

Manchmal zoomt die Kamera näher an die Geistlichen heran. Man erkennt Hans Gerny, bis 2001 Bischof der Schweizer Christkatholiken. In dessen Kirche Peter und Paul neben dem Rathaus waren die Serbisch-Orthodoxen zu Gast, als sie noch kein Gotteshaus besassen. Vor der Kirche vertreiben sich Kinder und Jugendliche, die Trachten tragen, die Zeit vor ihrem Tanzauftritt. Um 9 Uhr haben die Festlichkeiten begonnen, jetzt ist es 13 Uhr. Orthodoxie dauert. (Der Bund)

Erstellt: 03.09.2018, 07:00 Uhr

Über Serbien hinaus

Zur Serbisch-orthodoxen Gemeinde Belp zählen etwa 2000 Familien, mehrheitlich aus den Kantonen Bern und Solothurn stammend. Sie umfasst laut Ortspfarrer Stanko Markovic nicht nur Serben, sondern auch Gläubige aus anderen Staaten im vormaligen Jugoslawien: Bosnien-Herzegowina, Kroatien oder Mazedonien. An den Gottesdiensten nehmen auch Menschen aus der Ukraine, Griechenland oder Eritrea teil. Finanziert wird die Gemeinde durch Spenden der Mitglieder, laut Markovic erhält sie keine Zuschüsse aus Belgrad, sie sei ein Verein nach Schweizer Recht. Zu anderen orthodoxen Gemeinden (russisch, rumänisch, griechisch) bestehen freundschaftliche Bande. Die Gemeinde arbeitet in der Arbeitsgemeinschaft der Kirchen im Kanton Bern (AKB) mit und beteiligt sich an ökumenischen Veranstaltungen. (mdü)

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