«Den Thorberg müsste man abreissen und auf grüner Wiese neu aufbauen»

Ehemaliger Thorberg-Direktor übt Kritik am Gefängnis. Für die Häftlinge sei es zu eng. Ein Neubau im Seeland schwebt gar dem Kanton vor.

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Sie rauchen, trinken Pulverkaffee, schauen fern, spielen ein Computerspiel oder warten einfach einen Sonntag lang auf eine Stunde spazieren im Hof. Die Häftlinge verbringen viel Zeit in ihren Zellen, am Wochenende circa 19 Stunden, schreibt der Regisseur des Dokumentarfilms Thorberg, Dieter Fahrer.

«Man müsste vorwärtsmachen»

Sein Film, der zurzeit in den Deutschschweizer Kinos läuft, bewegt – und bewegt auch solche, die den Strafvollzug auswendig kennen, zu erstaunlichen Aussagen. «Den Thorberg müsste man abreissen und auf grüner Wiese neu aufbauen», sagte der langjährige Thorberg-Direktor Hans Zoss anlässlich einer Filmmatinée im Beisein der Justizministerin Simonetta Sommaruga.

«Man müsste ganz klar vorwärtsmachen», sagt Zoss. Die Forderung, mit dem geschlossenen Strafvollzug den Thorberg zu verlassen, habe er schon früher formuliert, etwa vor einer Grossratskommission oder beim Kanton.

Folge des Sicherheitsbedürfnisses

Eines der Hauptprobleme auf dem Hügel oberhalb von Krauchthal scheint der Platz zu sein. Es gäbe in der ganzen Anstalt keinen freien Raum, sagt Zoss. So habe er vom Thorberg-Direktor Georges Caccivio erfahren, dass er den Laden für den internen Markt habe räumen müssen, weil er mehr Platz für den aufgestockten Sozialdienst benötigt habe.

Ebenso aus Platzgründen sei das Boxtraining für die Häftlinge gestrichen worden. «Die Freizeitgestaltung ist ein Riesenproblem», sagt Zoss. Für Sport stehe im Sommer lediglich der Spazierhof zur Verfügung. Der Hartplatz sei aber für Sport nicht geeignet. Daneben und im Winter bleiben den bis zu 180 Insassen lediglich ein paar Fitnessgeräte. «Die Insassen müssen sich bewegen können, um Dampf abzulassen», sagt Zoss.

Strafvollzug praktisch nur noch innerhalb der Mauern

Die Zahl der Insassen hat sich in den letzten Jahren nicht verändert, und trotzdem ist es enger geworden. «Das ist ganz klar eine Folge des erhöhten Sicherheitsbedürfnisses», sagt Zoss. Gesellschaft und Politik forderten den restriktiven Vollzug. Konkret heisst dies für den Thorberg etwa, dass der Landwirtschaftsbetrieb aufgegeben wird und die Gärtnerei bereits Ende 2011 geschlossen wurde. «Ich habe praktisch für keine Insassen mehr eine Bewilligung erhalten, im Landwirtschaftsbetrieb mitzuarbeiten», sagt Caccivio.

Im Gegensatz zu früher, wo jeweils am Morgen Dutzende Häftlinge die Gefängnismauern für landwirtschaftliche Arbeiten verlassen hätten. Heute finde der Strafvollzug auf dem Thorberg praktisch nur noch innerhalb der Gefängnismauern statt.

Vision: Berner Vollzugszentrum

Er habe eine Vision für den Strafvollzug, sagt Zoss, und dem Kanton Bern würde visionäres Denken auch gut stehen. Würde der Strafvollzug im Kanton Bern, zum Beispiel in Witzwil im Seeland, in einem Vollzugszentrum gebündelt, könnten viele Synergien genutzt werden. Bereits plant der Regierungsrat die Frauenstrafanstalt Hindelbank neben der offenen Vollzugsanstalt Witzwil neu zu bauen (siehe Kasten). Vor allem bei der Aus- und Weiterbildung – auf dem Thorberg gibt es heute einige Bildungsangebote aber keine Möglichkeit einer Berufsausbildung mit Abschluss – sieht Zoss Potenzial.

Für mehrere Anstalten an einem Ort würde es sich lohnen, die nötigen Ateliers zu bauen und Gewerbeschullehrer zu engagieren. Wenn zudem für einen Insassen der Wechsel von der geschlossenen Anstalt in den offenen Vollzug anstehe, hätte dies keine Auswirkungen auf eine allfällig laufende Berufsausbildung, weil örtlich alles nahe beieinanderliegen würde.

Kein Platz für Sport und Familie

Georges Caccivio, Thorberg-Direktor seit knapp einem Jahr, bestätigt die prekären Platzverhältnisse. «Es gibt keine geeigneten Örtlichkeiten für Spiel und Sport», sagt er. Moderne Anstalten wie das neue Regionalgefängnis Burgdorf verfügten über Sport- oder zumindest Mehrzweckhallen. Aus Platzgründen gebe es auf dem Thorberg auch kein Familien- oder Beziehungszimmer, wo insbesondere Insassen mit langjährigen Haftstrafen sexuelle Kontakte mit ihren Partnerinnen haben könnten. Die vergleichbaren Anstalten in Pöschwies (ZH) und Lenzburg (AG) hätten solche Einrichtungen.

«Ein Familienzimmer, wo Väter Zeit mit ihren Kindern verbringen könnten, würde ich gerne haben, aber ich weiss schlicht nicht, wo innerhalb des Sicherheitsgürtels», sagt Caccivio. Stattdessen scheint die Anstalt zum Improvisieren gezwungen zu sein, etwa bei den Arbeitsabläufen in den Werkstätten. «Wir versuchen so viel zu optimieren wie möglich, vom Idealzustand sind wir aber weit entfernt», sagt Caccivio.

Erweiterung ist fraglich

Vor allem für Zoss scheint klar, dass man aus diesen alten Strukturen ausbrechen sollte. Auch das neue Vollzugsgebäude aus dem Jahr 1997 rechtfertigt für ihn kein Bleiben. Bereits sei dieses Gebäude zwölf Jahre in Betrieb und weise zudem bauliche Mängel auf. Weil der Bau damals unter dem Kostendach abgeschlossen worden sei, sei er bereits wieder sanierungsbedürftig. Caccivio zweifelt hingegen daran, dass der Kanton das Geld für einen Gefängnisneubau auftreiben könnte. Für den Neubau des Frauengefängnisses rechnet der Kanton mit Kosten von 150 Millionen Franken.

Deshalb denkt der Gefängnisdirektor auch über eine Erweiterung auf dem nicht mehr benötigten Gärtnereiareal nach. Auf dem rund 800 Quadratmeter grossen Gelände könnte ein Gewerbegebäude zur Konzentration der Ateliers und Optimierung der Arbeitsabläufe gebaut werden. Doch ob sich ein solches Vorhaben mit den geforderten Grenzabständen, auf Sandstein als Untergrund und mit den Vorgaben des Heimatschutzes realisieren liesse, sei nicht sicher.

Neubau im Richtplan angedacht

Neue Anstalten mit mehr Platz und mehr Möglichkeiten dank Synergiegewinn scheinen denn auch dem Kanton ein Ziel zu sein. Im kürzlich aktualisierten Richtplan ist festgehalten: «Die Konkordatsanstalten für den Justizvollzug (Hindelbank, Thorberg, Witzwil und St. Johannsen) sollen aus ökonomischen Überlegungen langfristig im Seeland konzentriert werden.» Zu solchen strategischen Gedanken will sich Martin Kraemer, Vorsteher des Amts für Freiheitsentzug und Betreuung, nicht weiter äussern. Es gebe aber sicher im Strafvollzug allgemein einen Trend zur Konzentrierung. Kraemer bestätigt zudem, dass es auf dem Thorberg ein Platzproblem gibt.

Wie die Anstalten Hindelbank befinden sich die Anstalten Thorberg in historischen Gebäuden, weshalb grosse Erweiterungen nicht möglich seien. Nicht nur habe es zu wenig Platz für Arbeits- und Freizeitangebote, sondern «auch im geschlossenen Vollzug massiv zu wenig Plätze für Insassen mit therapeutischen Massnahmen», sagt Kraemer. Zwar ist im Sommer vor einem Jahr auf dem Thorberg eine Therapieabteilung in Betrieb genommen worden, aber die 24 Plätze reichten nicht. (Der Bund)

Erstellt: 08.10.2012, 06:41 Uhr

Hindelbank

Impuls Norwegen
Wie auf dem Thorberg befindet sich auch das Frauengefängnis in Hindelbank bei einem schützenswerten Schloss von nationaler Bedeutung. «Der Gesamtperimeter kann nicht erweitert werden», sagt Hindelbank-Direktorin Annette Keller. Und weil es im Strafvollzug so schwierig sei, langfristige Prognosen zu machen, könne heute nicht davon ausgegangen werden, dass die Anzahl Vollzugsplätze in zwei oder drei Jahrzehnten noch reichten. Zudem seien die Gebäude in Hindelbank sanierungsbedürftig und etwa die Wohngruppen mit 23 Personen zu gross und unübersichtlich. Im Rahmen der Neubaupläne für Hindelbank besuchte Keller kürzlich eine Vollzugsanstalt in Norwegen. Die Strafanstalt dort sei so gebaut, dass innerhalb von sicheren Mauern möglichst die realen Lebensverhältnisse gespiegelt würden. So seien Wohn- und Arbeitsort getrennt und die Insassen hätten einen Arbeitsweg. Aber auch sonst werde darauf geachtet, dass den Häftlingen alle Rechte – ausser der Freiheit – gewährt würden. So gebe es ein Bildungsangebot wie in der Freiheit.

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