Das Schloss mit Glamour-Faktor

Stars der Film- und Musikwelt waren in Gstaad zu Gast. Geschäftsleute wickelten verschwiegene Deals ab. Das Palace ist ein Luxushotel, das nicht jedem Trend hinterherhechelt, aber auch nicht verstaubt sein will.

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Eine Prise Neuschwanstein: Das Palace in Gstaad ist heute 100-jährig.

(Bild: zvg)

Markus Dütschler

Die Chromstahlküche ist in Plastikfolien verpackt. Im Keller streichen Maler die Wände. Einige Zimmer und Suiten werden renoviert und neu eingerichtet. Im Haus ist es kalt. Das Palace ist im Endspurt: Die Wintersaison mit dem Tag der offenen Tür beginnt heute – genau 100 Jahre nach der Eröffnung des Luxushotels. Andrea Ernst Scherz, der Direktor, gibt auf einem Sofa in der Hotelhalle Interviews.

Das Fernsehen ist da. Der schlossartige Bau, den heute keine Baubehörde so bewilligen würde, prägt den Ferienort seit einem Jahrhundert.

Dorfbrand und Eisenbahn

Das ist nicht selbstverständlich. In den 1890er-Jahren stehen im Oberbort einige Scheunen. Dann brennt 1898 das halbe Dorf Gstaad nieder. Der bäuerliche Weiler mit hundert Einwohnern muss sich neu orientieren – und setzt auf den Tourismus. Genau im richtigen Augenblick erreicht 1904 die Montreux-Oberland-Bahn das Dorf, was einen Bettenboom auslöst. 1913 kommt das Palace hinzu, ein Luxushotel. 70 von 165 Zimmern verfügen über ein eigenes Bad – damals weit herum eine Sensation.

Die Belle Epoque findet mit dem Ersten Weltkrieg ein jähes Ende. Auf die kurze Blütezeit der 1920er-Jahre folgen die Jahre der Weltwirtschaftskrise und der Zweite Weltkrieg. 1938 übernehmen Ernst und Silvia Scherz, die Grosseltern des heutigen Direktors, den schwierigen Direktorenposten. Die Schweizerische Bankgesellschaft (heute UBS) richtet im Keller eine Art Reduit für Geld und Akten ein. Eine schwere Metalltür erinnert an diese Zeit. Heute befindet sich dort ein rustikales Fondue-Restaurant, die Fromagerie. Die Grosseltern, nicht aus reichen Familien stammend, sind inzwischen Aktionäre. Sie müssen ihr Haus gegen Spekulanten verteidigen und jeden Franken auf die Seite legen, um investieren zu können. Doch wie bringt man zahlungskräftige Prominenz in ein Oberländer Dorf? Ernst Scherz setzt auf grosse Namen. 1960 spielt Louis Armstrong im Hotel. Die Gage ist astronomisch, und Silvia Scherz sagt ihrem Mann, nun sei er total verrückt.

Doch der Magnet wirkt: Alle wollen den berühmten Jazzer «Satchmo» aus nächster Nähe sehen. Im Publikum sitzt unter anderen König Bhumibol von Thailand. Marlene Dietrich tritt später ebenfalls hier auf, Charles Aznavour, Gilbert Bécaud, Mireille Mathieu und viele mehr. Der Schah von Persien steigt im Hotel ab, Liz Taylor bringt ihre Ehemänner mit, und Roger Moore – ganz James Bond – löscht mit einer Tischdecke mutig eine Stichflamme, als ein Kellner am Nebentisch das Filet flambé au Whisky etwas zu grosszügig begiesst.

Inspektor Clouseaus Diamanten

Im Film «Der rosarote Panther kehrt zurück» von 1975 soll Peter Sellers, der schusselige Inspektor Clouseau, im Palace einen Diamantendieb verhaften. Das Hotel im Film ist echt, doch die Interieurs – Zimmer mit Sauna – gibt es nur im Filmstudio. Kinozuschauer fragen beim nächsten Besuch danach und müssen enttäuscht werden, was selten vorkommt. So finden Stammgäste in ihrem Zimmer selbst nach einer Renovation mit Neumöblierung ihre alte Lieblingskommode vor, die extra aus dem Speicher geholt wird. Lange bevor die Spa-Welle über die Branche schwappt, hat das Hotel ein grosses Hallenbad. Das eigene Freibad, noch heute für die Öffentlichkeit zugänglich, stammt gar von 1928.

Stört es die Hotelgäste nicht, wenn sich hier das Volk tummelt? Andrea Ernst Scherz, der heutige Direktor, verneint. Älteren Herrschaften sei das Freibad oft zu kühl, sie bevorzugten das Hallenbad. Familien mit Kindern schätzten es, wenn diese mit den Dörflern Freundschaft schlössen. «Es sind oft diese persönlichen Beziehungen, die dazu führen, dass die Gäste wiederkommen.» Er selber ist froh, dass er in Gstaad eine normale Kindheit verbrachte und mit Bauernkindern im Stall spielen durfte.

Neues Geld sucht «bling»

In den 1970er-Jahren steigen im Nachtclub des Hotels wilde Partys. Noch heute verströmt das GreenGo den Charme jener Zeit: orange Lampen und grüne Teppiche, die die Wände hochgehen. Die grünen Aschenbecher sind wegen des Rauchverbots verschwunden, doch der Raum ist Kult. «Don’t touch our GreenGo», sagen die Stammgäste.

Und doch: Die Zeiten wandeln sich. Arabische Ölscheichs kommen mit Gefolge, Russen und Vertreter der neuen Geldschicht Chinas oder Indiens. Sie gelten in der Branche oft als schwierig. Dann etwa, wenn sie selbstbewusste Schweizer Hotelfachangestellte mit Sklaven oder Kulis verwechseln. Diese Fälle gebe es, sagt Scherz, aber selten. Zwischen dem «alten Geld», also Leuten mit comment, Manieren und understatement, und Neureichen gebe es Unterschiede. Erstere kleideten sich bescheiden, die anderen präsentierten ostentativ den teuren Pelzmantel oder Schmuck. Doch das regle sich, denn Gäste orientierten sich nach dem Umfeld. Ein Russe, der eine Woche bleiben wollte, habe nach wenigen Tagen ausgecheckt mit der Begründung: «It’s not bling enough.»

Für manche ist der «Bling»-Faktor zu hoch. So scheuen sich Unternehmen, Firmenanlässe in Fünfsternhäusern durchzuführen, besonders nach einem Sparprogramm mit Entlassungen. In einigen Institutionen sind Kongresse in dieser Kategorie gar untersagt, da es nach Bestechung aussehen könnte.

Glücklich mit dem Plumpsklo

Andere haben in ihrem Leben «bling» à gogo, etwa der gestresste New Yorker, der im Hotel Ferien macht. Eine Nacht verbringt er in einer Hütte auf der Alp Walig, die das Hotel als besonderes Erlebnis anbietet: rustikale Einfachheit mit Plumpsklo. «Nach diesem intensiven Naturerlebnis war der Mann wie verwandelt», erinnert sich Scherz.

Das Segment der Luxus-Gäste ist hart umkämpft. Einen Steinwurf vom Palace entfernt haben ein Gstaader Immobilien-König und ein Zuckerbaron für 300 Millionen Franken ein Luxushotel erstellt, The Alpina – das fünfte Fünfsternhaus am Platz. Dazu sagt Scherz nur: «Die Kuchenstücke für das einzelne Hotel werden nicht grösser.»

Der Vater hätte sein Hotel fast verloren, weil Bankkredite gekündigt wurden, der «Meister der Überbrückungskredite», wie Scherz senior zu sagen pflegt. Mehr als einmal steht das Haus vor der Pleite. Dennoch hat der heutige Direktor Grund zur Zuversicht. Die Résidence, ein Neubau mit 21 Wohnungen, spült 1980 Bargeld in die Kasse. 1996 bringen die bewirtschafteten Ferienwohnungen Les Chalets du Palace liquide Mittel. Kredite werden zurückbezahlt – und wie sein Vater achtet Andrea Ernst Scherz darauf, sein Haus à jour zu halten. «Wer mit Renovationen zuwartet, holt den Rückstand nie mehr auf.»

Interessierte können das Palace in Gstaad heute und morgen besichtigen. Zum Jubiläum ist ein sorgfältig recherchierter und gestalteter Bildband voller historischer Reminiszenzen erschienen: 100 Jahre Gstaad Palace, Orell Füssli, 2013, ISBN 3-280-05420-6, 98 Franken.

Der Bund

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