«Dann sind die Bilder wieder da»

Aus keinem Land kommen derzeit so viele Flüchtlinge zu uns wie aus Eritrea – auch Kinder und Jugendliche. 
Tsehay und Medhane haben es alleine ins Emmental geschafft. In der Nacht holt sie der Schrecken ihrer Flucht ein.

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Medhane, ein 16 Jahre alter Junge mit hübschem Gesicht, sitzt auf einem Sofa in einem Betonbau im emmentalischen Bärau und sagt: «Ich kann noch immer kaum glauben, dass ich es geschafft habe.» Neben Medhane sitzt die 15-jährige Tsehay und schaut an die Wand. Beide kommen aus Eritrea, aber sie haben sich erst hier kennen gelernt, im Zentrum für unbegleitete minderjährige Asylsuchende, wo er vor vier Wochen angekommen ist und sie eine Woche darauf. Medhane und Tsehay sind nicht ihr richtige Namen, die möchten sie nicht nennen.

Die beiden sind zwei von 252 Kindern und Jugendlichen, die in diesem Jahr ohne erwachsene Begleitung in die Schweiz geflüchtet sind. Und sie sind bereit, zu erzählen, wie es dazu kam, dass sie die gefährliche Reise ganz alleine auf sich genommen haben. Auch wenn es ihnen schwer fällt. Und obwohl sie es sich nicht gewohnt sind, offen sprechen zu dürfen, sie, die in einem Land aufgewachsen sind, in dem ein diktatorisches Regime das ganze Leben überwacht, in dem jeder ein Spitzel sein könnte und einen ein unbedachter Satz ins Gefängnis bringen kann.

Keine Zukunft im Sudan

Medhane stammt aus Enghela, einer Stadt in der Nähe der Grenze zu Äthiopien. Sein Vater ist im Militär wie fast alle Väter in Eritrea und schaut nur selten zu Hause vorbei. Der ältere Bruder lebt in Äthiopien, und deshalb lag es am 16-jährigen Medhane, etwas zu unternehmen, damit er seiner Mutter helfen kann, die drei jüngeren Geschwister durchzubringen – bevor auch er ins Militär eingezogen wird. Also machte er sich auf, zusammen mit drei Nachbarjungen, nach Äthiopien und dann in den Sudan und auf einem Pick-up durch die Wüste bis an die Küste Libyens.

Dort kam etwa um dieselbe Zeit auch Tsehay an. Vier Jahre zuvor war sie zusammen mit ihrer Mutter aus Eritrea geflüchtet, nach Khartum, in die Hauptstadt des Sudan. Die Mutter versuchte, mit dem Verkauf von Kaffee auf der Strasse ein Einkommen zu verdienen, obwohl sie als Eritreerin eigentlich nicht arbeiten durfte. Tsehay war meist zu Hause, eine Schule besuchen konnte sie nicht. Mehrmals nahmen die Militärs ihre Mutter fest und liessen sie erst wieder gehen, wenn sie irgendwo Geld aufgetrieben hatte. Irgendwann blieb auch die Mutter zu Hause, und Tsehay wusste: Hier gab es für sie keine Zukunft.

Gefangen an der libyschen Küste

«Ich gehe nach Libyen und dann nach ­Europa», sagte sie nun immer öfter zu ihrer Mutter, aber die entgegnete, sie sei zu jung und die Reise zu gefährlich. «Sie hätte mich nie gehen lassen», sagt Tsehay. Eines Nachts, als die Mutter schlief, vor drei Monaten etwa, machte sie sich auf. In einem Lastwagen verliess sie Karthum, nach tagelanger Fahrt durch die Wüste erreichte sie die libysche Küste. Dort wurde sie in einem grossen Gebäude in ein Zimmer gesteckt, zusammen mit 50 anderen Flüchtlingen, «wir mussten im Sitzen schlafen, damit alle Platz hatten».

Die 15-Jährige wurde gezwungen, ihre Verwandten anzurufen, um die 1600 Dollar für die Bootsfahrt aufzutreiben. Tsehays Tante, die in Kanada lebt, schickte das Geld, als sie hörte, dass ihre Nichte in Gefahr ist. «Wenn du kein Geld auftreiben kannst, bleibst du dort», sagt Tsehay. Und dort bleiben, das wollte sie auf keinen Fall. «Die libyschen Schlepper machen, was sie wollen», sagt sie. Sie hätten nicht nur die Frauen vergewaltigt, sondern auch Männer.

«Für die Schlepper hat ein ­eritreisches Leben keinen Wert», sagt auch ­Medhane, der ebenfalls tagelang eingesperrt war. Danach gefragt, woran er sich aus dieser Zeit vor allem erinnert, streckt er Zeige- und Mittelfinger aus und hält sie sich an die Schläfe. Die Schlepper hätten ihn mit der Waffe bedroht und knapp an seinem Kopf vorbeigeschossen, um ihn zu verängstigen, erzählt er. Manche Flüchtlinge hätten sie fast zu Tode geprügelt und einfach liegen gelassen. Und sie beide, Medhane und Tsehay, wurden sie auch geschlagen? Die Frage sorgt bei den beiden Jugendlichen für Erstaunen. «Natürlich», sagt Tsehay, «das ist normal, das gehört dazu», sagt Medhane.

Als Tsehay ihre Reise bezahlt hatte, kam irgendwann ein Mann in das Zimmer voller Menschen und sagte: «Jetzt geht ihr aufs Meer.» Zu Fuss liefen sie in der Dunkelheit zu einem kleinen Boot, das sie auf ein grösseres brachte. Sie nahmen Kurs nach Italien, doch nach zwanzig Stunden war der Motor kaputt. Bald entdeckte sie die italienische Marine, griff sie auf und brachte sie nach Sizilien. Die Geschichte, die Medhane erzählt, klingt ähnlich.

Und auch auf die Frage, warum sie in der Schweiz gelandet seien, sagen beide dasselbe: Sie hätten in Italien Landsleute kennen gelernt und von diesen erfahren, in der Schweiz gebe es die besten Schulen. Tsehay möchte rasch eine gute Ausbildung machen, um dann Geld verdienen und ihrer Mutter helfen zu können, die immer noch in Karthum festsitzt und mit der sie hie und da telefoniert. Wie geht es der Mutter? «Es geht» sagt Tsehay. Dann schweigt sie, und Wasser tritt in ihre Augen.

«Immer noch im Stress»

Hier, im Zentrum Bäregg, leben Tsehay und Medhane nun mit 48 anderen Kindern und Jugendlichen aus der ganzen Welt zusammen – und beginnen sich Gedanken zu machen, in welche Richtung ihr Leben gehen könnte. Medhane ist beeindruckt von den mächtigen Maschinen, mit denen die Bauern rund um die Bäregg ihre Felder bestellen. Er wünscht sich, Mechaniker zu werden. Tsehay möchte gerne Gitarre spielen lernen. Und rasch Deutsch lernen wollen sie. Vor allem aber, das sagen sie beide, seien sie froh, in Sicherheit zu sein.

In der Nacht aber, wenn es dunkel und ruhig ist, «dann sind die Bilder wieder da», sagt Medhane, dann habe er oft Albträume, und wenn er aufwache, wisse er manchmal nicht, ob er wirklich hier in diesem Zentrum auf diesem grünen Hügel im Emmental sei oder immer noch in einem Loch an der libyschen Küste. «Ich bin immer noch im Stress», sagt auch Tsehay. Geschlafen habe sie seit ihrer Ankunft noch kaum.

Der Bund

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