Biel setzt bei der Integration auf Freiwillige

Die Stadt Biel sucht Patinnen und Paten, die Kindern aus bildungsfernen und sozial benachteiligten Familien bei den Hausaufgaben helfen, mit ihnen die Freizeit gestalten oder sie bei der Lehrstellensuche unterstützen. Mittelfristig soll dies die Sozialhilfequote senken.

Freiwillige Patinnen und Paten sollen nun in Biel Kinder zwischen fünf und zwölf Jahren mindestens zweimal pro Monat besuchen, mit ihnen Hausaufgaben oder einen Ausflug machen.

Freiwillige Patinnen und Paten sollen nun in Biel Kinder zwischen fünf und zwölf Jahren mindestens zweimal pro Monat besuchen, mit ihnen Hausaufgaben oder einen Ausflug machen. Bild: Adrian Moser

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Der Bieler Sozialdirektor Beat Feurer (SVP) steht derzeit gehörig unter Druck. Parteien von links bis rechts und gar seine Gemeinderatskollegen fordern, er solle griffige Vorschläge zur Senkung der rekordhohen Sozialhilfequote und -kosten präsentieren. Gestern hat er nun zwar nicht das spektakuläre Massnahmenpaket aber immerhin ein kleines, aber feines Projekt ­vorgestellt.

Feurer will bei den Kindern ansetzen. In Biel leben 20 Prozent der Minderjährigen von Sozialhilfe, überproportional viele stammen aus Migrationsfamilien. Viele haben ausserhalb der Schule kaum Kontakt zu einheimischen Kindern oder Erwachsenen. Sie beginnen ihre Schullaufbahn mit schlechten Voraussetzungen, finden keine Lehrstelle und landen später allzu oft selber auch in der Sozialhilfe.

Freiwillige Patinnen und Paten sollen nun in Biel helfen, diesen Teufelskreis zu durchbrechen. Sie sollen die Kinder zwischen fünf und zwölf Jahren mindestens zweimal pro Monat besuchen, mit ihnen Hausaufgaben oder einen Ausflug machen, ihnen bei der Lehrstellensuche oder der Vorbereitung auf ein Bewerbungsgespräch helfen und bei Bedarf auch mal den Eltern beistehen, wenn diese beispielsweise Mühe bekunden, das Schweizer Schulsystem zu durchschauen.

«Mir liegt es sehr am Herzen, die Zukunftsperspektiven der Kinder zu verbessern», sagt Sozialdirektor Beat Feurer. Er selber kümmert sich seit Jahren privat um eine tamilische Flüchtlingsfamilie.

Ähnliche Initiativen gibt es bereits in den Kantonen Luzern, Zürich und Basel-Stadt. Die Stadt Biel lanciert nun das Projekt «ensemble» zusammen mit der GAD-Stiftung. Als Pate oder Patin können sich Personen zwischen 18 und 75 Jahren melden, die gegenüber anderen Kulturen und Religionen offen sind und während mindestens eines Jahres genügend Zeit aufbringen können. Als Spesenentschädigung erhalten sie 400 Franken pro Jahr.

Um keine «Überraschungen» zu erleben, prüft die GAD-Stiftung die potenziellen Paten. Sie verlangt einen Straf­registerauszug sowie Referenzen und lädt Interessierte vorab zu einem Einzelgespräch ein. Sie bietet aber auch Unterstützung an: Vier- bis sechsmal pro Jahr werden Weiterbildungs- und Super­visionstreffen stattfinden. «Dass Patinnen und Paten bei Problemen mit Hilfe rechnen können, soll helfen, die Angst vor einem solchen Engagement zu überwinden», sagt Rolf Schwab, Geschäfts­leitungsmitglied der GAD-Stiftung.

«Respekt für andere Werte»

Franziska Moser weiss, was es heisst, Patin von Flüchtlingskindern zu sein. Die Primarlehrerin kümmert sich seit 15 Jahren aus persönlicher Motivation um zwei Familien in ihrer Nachbarschaft. «Wir machen uns keine Vorstellung davon, wie armselig einige Kinder in unserem Land aufwachsen», sagt sie. Manchmal hätten sie nicht mehr als den Fernseher und ein paar McDonald’s-Spielzeuge zur Unterhaltung. Die Eltern seien oft so mit ihren eigenen Problemen beschäftigt, dass sie sich kaum um die Kinder kümmern könnten.

Als wichtigste Voraussetzung, um Patin oder Pate sein zu können, nennt Moser «Respekt für andere Wertesysteme» und «Verständnis für die Schwierigkeiten bei der Integration». Das Engagement als Patin gebe ihr aber auch sehr viel zurück: «Die Freude der Kinder, zum Beispiel über einen Ausflug auf den Bielersee, ist unbeschreiblich.»

Die Stadt Biel beteiligt sich mit einem Startbeitrag von maximal 20'000 Franken am Projekt. Vom Kanton wird ebenfalls ein Beitrag erwartet. Den Grossteil der Kosten tragen laut GAD-Stiftung jedoch private Stiftungen. Ob das Projekt ein Erfolg wird, hängt vor allem davon ab, wie viele Paten sich melden. «­Kinder, die sich über eine Patin oder einen Paten freuen würden, gibt es genug», sagt Feurer, «Zweifel habe ich jedoch, ob wir genügend Patinnen und Paten finden.» (Der Bund)

Erstellt: 17.10.2014, 14:36 Uhr

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