Berner Goldgräber sucht sein Glück in Amerikas Abfallberg

Porträt

Aus Deisswil in die USA: Der Projektleiter von System-Alpenluft, Manuel Wyss, wirbt diese Woche in Boston für sein neues Abfallsammelkonzept.

Bald Exportgut für die USA? Manuel Wyss und der Alpenluft-Container.

Bald Exportgut für die USA? Manuel Wyss und der Alpenluft-Container.

(Bild: Valérie Chételat)

Wer von bahnbrechenden Entwicklungen spricht, denkt heutzutage nicht an Deisswil bei Stettlen, sondern beispielsweise an asiatisches Hightech oder das Silicon Valley in den USA. Übermorgen jedoch wird nicht irgendeine ausländische Neuerung in der Schweiz eingeführt. Vielmehr fliegt Manuel Wyss von der Firma System-Alpen­luft AG mit weiteren Wirtschaftsvertretern in die USA, um an den durch Bundesrätin Doris Leuthard eröffneten Swiss-USA Energy Innovation Days in Boston sein neues Abfallsammelsystem vorzustellen.

Dieses System, das seit zwei Jahren in Zermatt im Einsatz steht, benötigt 80 Prozent weniger Energie, um den Hauskehricht einzusammeln. Dafür erhielt die System-Alpen­luft AG zusammen mit der Gemeinde Zermatt vor zwei Jahren auch den Watt d’Or, eine Auszeichnung für Bestleistungen im Energiebereich, die durch das Bundesamt für Energie verliehen wird.

Es lässt sich «massiv» Energie sparen

«Dass wir selber in die USA expandieren, ist im Moment zwar eher unwahrscheinlich», sagt Manuel Wyss lachend. Denn das von Matthias Schwendimann von der gleichnamigen Münchenbuchser Entsorgungsfirma gegründete Start-up befindet sich selber noch immer in der Aufbauphase. «Unsere Idee würden wir aber natürlich gerne einem Lizenznehmer verkaufen», ergänzt Wyss.

Und dafür, so kommentiert der Alpenluft-Projektleiter die Goldgräberstimmung, sei die Zeit reif, befinde sich die Recyclingbranche doch seit ein paar Jahren in einem massiven Umbruch: «Nebst der Wirtschaftlichkeit erhalten auch Energie­effizienz und Lärmemissionen im Service public immer mehr Bedeutung. Und genau dafür haben wir die Antwort mit unserem System, das nur noch ein Fünftel der Energie einer herkömmlichen Abfallentsorgung benötigt.» Ein normaler Alpenluft-Press­container fasst nämlich das Volumen von 28 herkömmlichen Abfallcon­tainern.

Und da sieht Manuel Wyss auch Potenzial in den USA: «In Ballungszentren, wo viel Abfall auf engem Raum anfällt, können wir massiv Energie sparen, wenn der Kehricht bereits bei der Sammelstelle gepresst wird.» Der Lastwagen kommt seltener zum Einsatz. Und wenn, dann fährt er umso effizienter und emissionsfrei.

Nebst tieferen Kosten bringe das System-Alpen­luft den Bürgern auch im Alltag viele Vorteile, wirbt der Verkaufsprofi: Weniger Fahrten. Und die Elektrostapler, welche die Container aufladen und an die Umladeplätze bringen, sind viel leiser. Damit werde es möglich, den ­Abfall auch nachts aus Innenstädten zu entsorgen, um das Altstadtbild von herumliegenden Abfallsäcken zu befreien. Und Wyss ergänzt: «Bei den Presscon­tainern können Sie die Säcke jederzeit einwerfen, sie stinken also nicht auf dem Balkon vor sich her.»

Alpenluft international

Australien, Frankreich oder Norwegen: Bereits haben Interessenten aus aller Welt angeklopft. Doch noch kam kein Auslandengagement zustande. Zu langsam mahlten vielerorts die Mühlen von Politik und Verwaltung, kommentiert Manuel Wyss. Zu gross erscheine der radikale Systemwechsel von der Entsorgung vor der Haustüre auf Sammelplätze in Quartieren. «Auch in der Schweiz sind wir bereits mit einer Stadt im Gespräch», sagt Wyss. Dafür stehen Alpenluft-Container seit über einem Jahr auf dem Jungfraujoch: «Jetzt muss die Jungfraubahn nicht mehr täglich einen Abfallzug einsetzen, sondern nur noch alle drei bis fünf Tage.»

Südamerika kennt Manuel Wyss von privaten Reisen. In den USA war er jedoch noch nie. Dass er nun für seinen Chef geschäftlich in die Staaten fliegt, davon hätte der gelernte Automechaniker noch vor kurzem nie geträumt. Denn der Einstieg bei System-Alpenluft war Zufall: «Matthias Schwendimann und ich trafen uns in einer Garage, als ich nach einer längeren Reise einen neuen Job suchte.» Die Herausforderung, ein komplett neues System aufzubauen und dieses unter den rauen Zermatter Umgebungsbedingungen umzusetzen, reizte Manuel Wyss. Nach seinem Studium an der Fachhochschule und Engagements in einem Robotik-Projekt besucht der 32-Jährige nebenbei auch heute noch eine Weiterbildung in Marketing und Unternehmensführung: «Nur wer mit wachen Augen durch die Welt geht, sieht, wie man es besser machen könnte.» Darum freut sich Manuel Wyss nebst dem Lobbying für sein Abfallentsorgungssystem Alpenluft in den USA auch auf den Austausch mit den übrigen ­Erfindern.

DerBund.ch/Newsnet

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