Bern ehrt Finnlands vergessenen Kriegshelden

General Karl Lennart Oesch (1892–1978) stoppte 1944 die Rote Armee an der finnischen Grenze. Lange blieb er im Schatten. Nun ehrt auch Thun den «Retter der Unabhängigkeit». Ungern erinnert man sich indes an die Hilfe aus Nazideutschland, sagt Historiker Willy Schenk.

Feldmarschall Carl Gustav Mannerheim und General Karl Lennart Oesch bei einer Lagesbesprechung.

Feldmarschall Carl Gustav Mannerheim und General Karl Lennart Oesch bei einer Lagesbesprechung.

(Bild: zvg)

36 Jahre nach seinem Tod bekommt der finnisch-schweizerische General Karl Lennart Oesch in seiner Berner Heimatgemeinde einen Gedenkstein. Wofür wird er geehrt?
Als im Sommer 1944 die finnische Front auf der Karelischen Landenge zerbrach, der wichtigsten Verbindung zwischen Petersburg und Helsinki, erlitt der damalige Feldmarschall und spätere Präsident Carl Gustav Mannerheim, ein alter Mann, einen Nervenzusammenbruch. Auf Rat eines hohen Generals übergab er Oesch den Oberbefehl über die finnischen Truppen.

Wie reagierte Oesch?
Er zögerte nicht. Ich bin mir sicher, dass er auf diese grosse Chance gewartet hatte. Er war es gewohnt, für Mannerheim einzuspringen, wenn alles schief­lief. Militärisch gut ausgebildet und strategisch geschickt, gelang es Oesch ­tatsächlich, die Rote Armee zurückzuschlagen.

Nach dem Waffenstillstand zwischen Finnland und der Sowjetunion wurde er aber nicht als siegreicher Feldherr gefeiert. Er kam gar ins Gefängnis.
Die Verurteilung von Kriegsverbrechern durch ein Sondergericht war eine der Bedingungen Stalins, damit Finnland nicht besetzt wurde. Das oberste Gericht reduzierte dann zwar die Strafe von zwölf auf drei Jahre Gefängnis, doch rehabilitiert wurde Oesch erst nach dem Ende des Kalten Kriegs.

Der finnische Botschafter in Bern sagte kürzlich in einer Rede, Oesch sei unschuldig gewesen und aus politischen Gründen verurteilt worden.
Als Armeechef war er verantwortlich dafür, dass elf russische Kriegsgefangene erschossen worden waren. Mit der grossen Masse von Gefangenen bestanden Überforderung und Sicherheitsprobleme, weshalb er eine Massnahme anordnete, welche die unmittelbare Erschiessung von Gefangenen erlaubte. Aus heutiger Sicht ist natürlich keiner unschuldig, der auf Kommando Leute erschiessen liess. Aber die Verurteilung von Oesch war eine Farce und geschah auf Befehl Stalins. Interessanterweise wurde Mannerheim nicht verurteilt, weil Stalin ihn für den Seitenwechsel Finnlands brauchte. Wenn man jemandem die Schuld geben muss, dann der finnischen Regierung, die Oesch ans Messer lieferte.

Ist das der Grund, warum die ­finnische Regierung noch lange nach Kriegsende eine offizielle Anerkennung von Oeschs militärischen Leistungen verweigert hat?
Der Druck aus der Sowjetunion war gross. Das war noch 1978 gut zu spüren, als ich in Nordeuropa als Berichterstatter arbeitete. Niemand traute sich, ­öffentlich etwas Positives über Oesch zu sagen. An seiner Beerdigung war kein einziges Mitglied der finnischen Regierung vertreten. Es brauchte das Ende des Kalten Krieges. 1998 brachte schliesslich eine Biografie – zugegeben voll der Lobhudelei – den Stein ins Rollen. Seither haben vermehrt Publikationen, Filme und Ausstellungen betont, dass Oesch die entscheidende Rolle in der Schlacht von Tali-Ihantala hatte. Dies ist in den letzten Jahren ins öffentliche Bewusstsein gelangt. Für die meisten Finnen ist jedoch immer noch der berühmte Mannerheim der Retter der finnischen Unabhängigkeit und der Nationalheld des Zweiten Weltkriegs.

Den Mythos der tapferen ­Unabhängigkeitskämpfer haben die Schweiz und Finnland gemeinsam.
Stimmt, wobei die beiden Länder heute ein unterschiedliches Verständnis dieses Begriffs haben. Während Ueli Maurer und seine SVP Unabhängigkeit von der EU meinen, bedeutet Unabhängigkeit für Finnland vor allem grösstmögliche Eigen­ständigkeit bezüglich Russland. Die unterschiedlichen Antworten auf die Frage des EWR- und EU-Beitritts führten denn auch zu Spannungen in den schweizerisch-finnischen Beziehungen. Mit General Oesch hat man nun wieder ein gemeinsames Thema gefunden.

Warum wird der in Finnland geborene General in der Schweiz ­verehrt, obwohl er Zeit seines Lebens hier offenbar nur sechs Besuche machte?
In den Sechzigerjahren hielt Oesch Reden vor militärischem Publikum in der Schweiz. In diesen Kreisen war er schon damals bekannt. Einige seiner Nachkommen leben noch hier, in der Gemeinde ist man stolz auf ihn. Zudem war Finnland ein Hoffnungsträger. Im Zweiten Weltkrieg war es eines der weniger nicht besetzten Länder, das nicht besetzt worden war. Als die Schweizer hörten, dass die Finnen sich gegen die Rote Armee gewehrt hatten, war das ein grosser Aufsteller. Hierzulande ging ebenso die Angst vor einem Einfall um. So ist im Kontext dieser geistigen Verbrüderung auch die Gründung der finnisch-schweizerischen Offiziersgesellschaft zu sehen.

Finnland war aber auch der einzige Verbündete von Hitler-Deutschland in Europa.
Das wird offiziell nicht an die grosse ­Glocke gehängt. Bis heute machen nationale Darstellungen des Zweiten Weltkriegs den Fakt gerne klein, dass Finnlands Behaupten gegen die Sowjetunion ohne Waffen und Verpflegung aus Deutschland nicht möglich gewesen wäre. Was mir finnische Bekannte etwa nur ungern erzählen: In der Schlacht von Tali-Ihantala 1944 schickte die SS-Armeeführung über Nacht 70 Kampfflugzeuge und eine Ladung ­Artilleriemunition an die Front. Selbst finnische Historiker tun manchmal so, als hätte Oesch ganz alleine alle Entscheidungen gefällt und gewonnen. Mit einem Verlierer will niemand verbündet gewesen sein.

Mit Nazis auch nicht. Hat sich Oesch zur Kollaboration mit Deutschland in persönlichen Schriften geäussert?
Nein. Überhaupt hielt er sich mit politischen Äusserungen zurück. Wenn man ihn auf Fotos sieht, wirkt er auch nicht wie ein «offiziersmässiger» Offizier. Er war ein kleines, kettenrauchendes Männlein, bescheiden und ein erfolg­reicher Militärsmann.

Mannerheim soll dem Faschismus nicht abgeneigt gewesen sein.
Vor allem die kommunistische Partei in Finnland hat das propagiert. Ob es stimmt, ist mir nicht bekannt. Aber da Mannerheim in der Armee des russischen Zaren gedient hatte, war es für ihn klar, dass er die «Ausbreitung des Kommunismus» bekämpfen wollte. Hitler und Stalin waren angetan von Mannerheims autoritärem Führungsstil. Hitler wollte Mannerheim für einen finnischen Angriff gegen Leningrad gewinnen. Mannerheim lehnte ab mit dem Argument, dass er als ehemaliger Höfling in Petersburg nicht diese Stadt bekämpfe.

Der Bund

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt

Loading Form...