«Ausgeschlossen, mit Ensi zu verhandeln»

BKW-CEO Suzanne Thoma begründet im Interview den Entscheid, das AKW Mühleberg 2019 vom Netz zu nehmen.

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Matthias Raaflaub

Suzanne Thoma, eigentlich stand 2019 als Abschaltdatum ja gar nicht zur Auswahl. Das Ensi sprach von einer Abschaltung 2017 oder Sicherheitsinvestitionen und dafür dem Weiterbetrieb bis 2027. Das Jahr 2019 steht im Vordergrund, weil wir mit geringeren Investitionen die gesetzlichen Vorgaben und die vom Ensi verlangte Sicherheitsmarge einhalten können. Daher ist dieser Entscheid logisch. 2022 war unsere ursprüngliche Planung. Danach wurden aber sehr hohe Sicherheitsanforderung vom Ensi gestellt. Wenn wir sie erfüllt hätten, hätte uns dies erlaubt, das Kernkraftwerk Mühleberg über 2022 hinaus zu betreiben. Die Investitionen für einen Langfristbetrieb hätte hohe Kosten zur Folge gehabt.

Der langfristige Betrieb bis 2026 hätte sich mit den geforderten Investitionen aber nicht gerechnet? Ja, das ist der Kern dieses Entscheids. Die Amortisation der Investitionen wäre in der restlichen Laufzeit der Anlage unsicher gewesen. Die Rechnung war aber nicht einfach. Denn es kommt immer darauf an, an welche wirtschaftliche Risiken man denkt. Wie entwickelt sich der Strompreis? Kommen nicht doch noch zusätzliche Sicherheitsauflagen durch neue Erkenntnisse?

Sie hatten die Möglichkeit, Mühleberg 2017 abzustellen und keine Investitionen zu tätigen. Theoretisch könnten wir allerminimalste Sicherheitsinvestitionen tätigen und bis 2017 am Netz bleiben. Auch unter dem Aspekt der Sicherheit ist dies weniger gut, als wenn wir jetzt zügig Zusatzinvestitionen tätigen und Mühleberg dafür noch zwei Jahre länger betreiben.

Aber auch eine Abschaltung im Jahr 2017 wäre mit den Ensi-Sicherheitsmargen möglich. Warum wollen Sie denn unbedingt mehr investieren? Weil dies eine wirtschaftliche Abwägung ist. Es lohnt sich wirtschaftlich, Mühleberg zwei Jahre länger bis 2019 weiterzubetreiben. Wir sind aber grundsätzlich immer über den Sicherheitsmargen des Ensi. Wir ritzen sie nie.

Das Ensi verlangt, dass Sie eine neue Nachrüstplanung vorlegen. Wir wissen genau, was wir bis 2019 umsetzen wollen. Das Ensi muss das noch prüfen. Wir hatten bisher ein Konzept für den Langfristbetrieb eingegeben. Die Massnahmen, die jetzt für einen Betrieb bis 2019 geplant sind, erreichen sicherheitstechnisch ähnliches oder dasselbe mit viel weniger Geld. Beispielsweise können wir bei der externen aareunabhängigen zweiten Wasserquelle eine deutlich günstigere Variante als der Zufluss der Saane realisieren. Die Lösung hält bestens für zwei Jahre, aber hätte nicht für zehn Jahre genügt.

Dann ist der jetzige Entscheid also nicht der Versuch eines Deals zwischen Ensi und BKW über eine längere Laufzeit? Es ist ausgeschlossen, mit dem Ensi zu verhandeln. Wir können dem Ensi Lösungen vorschlagen, nachher entscheidet man dort nach festgelegten Kriterien, ob nach Gesetz und den Vorgaben für die zusätzliche Sicherheitsmarge die vorgeschlagene Lösung den nötigen Sicherheitsgewinn bringt.

Sind die jetzt geplanten Investitionen von rund 15 Millionen in ausserordentliche Nachrüstungsmassnahmen nicht nur eine Alibi-Übung? Nein. Diese Investitionen für zwei Jahre auf dem ohnehin hohen Sockel der ordentlichen Investitionen auszugeben, ist keine Alibi-Übung. Zusätzlich geben wir 12 Millionen für die Sicherheit des Wohlenseestaudamms aus, das ist auch nicht wenig Geld.

Mühleberg verfügt über eine unbefristete Betriebsbewilligung. Es wäre möglich, dass die BKW auf den Entscheid zurückkommt und etwa 2018 plötzlich doch auf einen längeren Betrieb setzt. Das wäre zwar theoretisch schon möglich, ist aber völlig ausgeschlossen.

Weshalb? Für so einen Entscheid würde letztlich niemand die Verantwortung übernehmen wollen. Und wir werden uns nie gegen das Ensi stellen. Das Ensi sagt, ein Langzeitsbetrieb, 2022 oder 2026, ist nur möglich, wenn bis 2017 die geforderten Massnahmen umgesetzt sind. Das Ensi sagt nur nicht, dass wir diese Massnahmen auch umsetzen müssen, wenn wir bis 2019 gehen.

Ist das AKW Mühleberg für die BKW auch eine Frage der Glaubwürdigkeit geworden? Nein, so kann man das nicht sagen. Aber unsere Konzernstrategie umfasst neue Geschäftsmodelle und neue erneuerbare Energien. Diese sind natürlich mit dem nun getroffenen Entscheid noch mehr im Fokus. Der Entscheid gibt dem Veränderungsprozess, in dem sich die BKW befindet, einen noch stärkeren Schub.

Ist der Ausstieg aus der Atomkraft für die BKW ein «Point of no return» hinsichtlich der Strategie? Ja. In diesem Sinne ist es auch eine Botschaft an die Mitarbeitenden.

Welche Rolle hat in diesem Entscheid das politische Risiko gespielt? Die Abstimmung zur «Mühleberg vom Netz» steht noch an. Die hängigen Abstimmungen haben eine sehr untergeordnete Rolle gespielt. Wir gehen davon aus, dass sie erstens nicht angenommen werden und zweitens wären sie mit Schadenersatzforderungen von unserer Seite verbunden. Darauf hätten wir es sogar ankommen lassen können, aber das ist nicht unsere Art. Hingegen haben die regulatorische Risiken, eine nicht unerhebliche Rolle gespielt: dass weitere Abgaben, weitere Vorschriften kommen könnten, aufgrund neuer Erkenntnisse. Ein neuer Störfall, selbst wenn er nichts mit Mühleberg zu tun hätte, könnte zu weiteren Auflagen führen, die man heute noch nicht berücksichtigt.

DerBund.ch/Newsnet

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