Auf die Natur wartet viel Arbeit

Die Arbeiten für das Wasserbauprojekt des Kantons an der Aare in Kehrsatz und Belp sind weitgehend abgeschlossen. Ein Augenschein im umgemodelten Naturschutzgebiet Selhofenzopfen.

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Nähert man sich dem Selhofenzopfen von Belp her, so ist der erste Eindruck niederschmetternd. Ein kahler Damm mit einem breiten Kiesweg zieht sich in die Ferne. Noch ist der Weg offiziell gesperrt, die Eröffnung ist für Mitte Juli geplant. Rechts strömt die grüne Aare dahin, links plätschert die Giesse. Dazwischen nichts als Steine und Erde. Von der Stirne rinnt in der prallen Sonne der Schweiss. Die umfangreiche Rodung im Rahmen der Hochwasserschutz- und Renaturierungsmassnahmen ist es, die Peter Wittwer noch immer zornig macht – auch wenn die Bäume schon vor Monaten gefällt wurden. «Das war Natur pur», sagt der «Ur-Belper», wie sich Wittwer selber nennt. «Die schönsten Stücke des Auenwaldes sind weg.» Es werde Jahre, wenn nicht Jahrzehnte dauern, bis sich die Natur erholt habe. Für ihn sind die Massnahmen «völlig übertrieben». Er hofft, dass die «Vernichtung» der geschützten Auen in Belp nun ein Ende findet. «Sonst heisst es immer, man solle Sorge tragen zur Natur.»

«All die alten Bäume»

Auch ein anderer Belper, Walter Straub, schüttelt den Kopf. «Der Hochwasserschutz ist sicher berechtigt, aber ich kann nicht verstehen, warum man dafür all die alten Bäume opfern musste.» Es sei im Zuge der Bauarbeiten so viel «kaputt» gemacht worden, sagt Straub, der Präsident der IG Belpau ist. Als «Auenliebhaber» findet er die Umgestaltung «gruusig». Das Projekt, das den Flughafen Belp und zwei Trinkwasserfassungen vor Überschwemmungen schützen soll, kostet rund 21 Millionen Franken. Darin enthalten sind auch die Massnahmen auf der Muri-Seite, die bereits zu einem früheren Zeitpunkt ausgeführt wurden. Die IG Belpau wehrt sich gegen weitere Massnahmen des Projekts Aarewasser (siehe auch Kasten). Im Rahmen von Aarewasser ist zum Beispiel eine Aufweitung des Flusses auf der Höhe von Giessenbad und Flughafen Bern-Belp vorgesehen.

Für den Kanton «vertretbar»

Urs Känzig, Leiter der Abteilung Naturförderung im kantonalen Amt für Landwirtschaft und Natur (Lanat), sagt, dass die massiven Eingriffe «nicht unproblematisch, aber vertretbar» seien. «Für viele Besucherinnen und Besucher ist der Anblick sicher noch gewöhnungsbedürftig.» Der Weg durch den Selhofenzopfen ist breit und stabil genug, um im Falle eines Hochwassers auch von Baggern und Lastwagen befahren werden zu können. Durch den Abbruch des früheren Dammes kann sich die Aare auf einer Breite von mehreren Hundert Metern ausdehnen.

Hat man die offene und gerade Strecke nach einigen hundert Metern überwunden, so verändert sich der Eindruck zum Besseren. Der Weg beschreibt einen Bogen nach links. Rechts dehnt sich das Naturreservat Selhofenzopfen aus, das zu einem grossen Teil unverändert geblieben ist. Schief stehende Föhren ragen hoch auf, Schilf raschelt im Wind, ein Reiher stakst durch den Sumpf, eine Entenfamilie sucht, in der neu angelegten Giesse paddelnd, das Weite. Die Giesse verlief vorher parallel zur Aare, nun schlängelt sie sich auf der westlichen Seite des Naturreservats durch. Bevor sie in die kanalisierte Gürbe mündet, beschreibt sie eine Schlaufe, die bei hohem Wasserstand überspült wird. Im Wasser stehen Baumstrünke, am Ufer beginnt es wieder zu spriessen. Vereinzelt ist Mohn zu sehen. In der Nacht tummelt sich hier auch eine Biberfamilie, die in einen künstlichen Bau umgesiedelt werden musste. Die Natur hat noch viel Arbeit vor sich. Mit Aufforstungen soll sie unterstützt werden.

Der neue Weg führt durch das Naturschutzgebiet, für welches ein Betretungsverbot gilt. Der betreffende Beschluss des Regierungsrats stammt aus dem Jahr 1953. Naturschützer haben schon die Befürchtung geäussert, dass Flora und Fauna in Zukunft stärker gestört werden als früher. «Die Giesse bildete eine natürliche Barriere, nun schleust man die Besucherinnen und Besucher mitten durch das Gebiet», sagt Stefan Steuri, Obmann der Naturschutzaufsicht in diesem Gebiet. «Die Besucherlenkung wird nicht einfach sein.» Es sei darum wichtig, die Spaziergänger auf die geltenden Vorschriften aufmerksam zu machen.

Zahlreiche Interessen

Für Urs Känzig vom Amt für Landwirtschaft und Natur besteht ein Interessenkonflikt zwischen dem Naturschutz und dem Naherholungsbedürfnis von Abertausenden von Menschen. «Wir müssen beiden Interessen Rechnung tragen und nach einem Kompromiss suchen.» Nicht verboten ist für «Böötler» oder Schwimmende das Betreten des Uferbereichs der Aare. «Das eigentliche Ufer befindet sich nicht im Schutzgebiet», sagt Känzig. Wie der Kanton Bern mit dem gerade an warmen und sonnigen Sommertagen sehr hohen Besucherdruck umgehen will, ist noch nicht definitiv entschieden.

Für «Böötler» und Schwimmende hat sich auch das Erlebnis Aare gewandelt. Im Winter wurden auf der Höhe der Wehrliau Lenkbuhnen ins Wasser hinaus gebaut, um eine «eigendynamische Entwicklung des linken Ufers» zu unterstützen. Von Stromschnellen zu sprechen, wäre übertrieben, das Schaukeln auf dem Weisswasser erinnert aber unachtsame oder dösende Schlauchboot-Kapitäne daran, dass die Bodenacher-Fähre nicht mehr weit entfernt ist und dass man sich langsam auch der Ausstiegsstelle Eichholz nähert. (Der Bund)

Erstellt: 09.07.2015, 14:30 Uhr

Aarewasser

Der Kanton Bern will der Aare zwischen Thun und Bern mehr Raum geben und dabei die Interessen des Hochwasserschutzes, der Ökologie und der Naherholung miteinander in Einklang bringen. Ein bereits ausgeführter Eingriff ist die Umgestaltung und Verbreiterung bei Rubigen in der Hunzigenau, wo ein neuer Seitenarm angelegt wurde. Der Kanton bezeichnet die Pläne als «Generationenprojekt», das bis 2050 vollendet werden soll. Die Kosten werden auf etwa 100 bis 120 Millionen Franken beziffert. Durch Verbreiterungen und Seitenarme soll verhindert werden, dass sich die Aare zu stark in ihr Flussbett eingräbt. ?Die Sohlenerosion ist zum Problem geworden, weil die Aare durch Buhnen und Sporen im 19. Jahrhundert in ein enges Korsett gepresst wurde. Verschiedene Gemeinden zeigten sich bisher wenig begeistert. Wegen der Opposition verzögerte sich das Projekt, ursprünglich sollte die Genehmigung bereits 2013 erfolgen.
(wal)

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