Der Blaue Pfeil fliegt bald wieder

Die BLS-Stiftung restauriert den letzten der noch erhaltenen Doppeltriebwagen, die als Blaue Pfeile in die Eisenbahngeschichte eingingen. Zum 100-Jahr-Jubiläum der BLS soll der BDe 4/6 erstmals der Öffentlichkeit gezeigt werden.

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Simon Wälti

Der Rote Pfeil ist den meisten heute noch ein Begriff. Aus dieser Ikone auf Schienen der SBB winkte im Jahr 1946, leutselig und siegestrunken, eingehüllt in Zigarrenrauch, der grosse Winston Churchill den Schweizern zu. Der Blaue Pfeil dagegen ist weniger bekannt, doch unter Eisenbahnfreunden gilt auch er als legendär. Die Chance, dass man einmal darin Platz genommen hat, ist zudem grösser als beim Roten Pfeil. Vor allem die einteilige Version des Roten Pfeils erwies sich für den Alltagsverkehr als zu klein und wurde dann für Ausflüge und Gesellschaften eingesetzt. Zudem kam es immer wieder zu Pannen.

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Derzeit wird ein Blauer Pfeil von der BLS-Stiftung restauriert: Im Juni zum 100-Jahr-Jubiläum der BLS soll der Zug der Öffentlichkeit erstmals präsentiert werden. Im nächsten Jahr soll der BDe 4/6 736 für Sonderfahrten wieder in Betrieb genommen werden und der BLS zu Werbepräsenz verhelfen. Der Doppeltriebwagen ist eine Zugkomposition der ehemaligen Bern-Neuenburg-Bahn, die von 1938 bis 1983 täglich im Einsatz stand. Danach fuhr der Zug noch bis 1999 für die Sensetalbahn - allerdings dann in den Farben Grün und Weiss. Weitere Blaue Pfeile verkehrten auch auf der Lötschberglinie, sie sind jedoch nicht mehr erhalten.

Aufwendige Restaurierung

Der Blaue Pfeil sei der «Urvater» der heutigen Regionalverkehrstriebzüge, sagt Kilian T. Elsasser, Geschäftsführer der BLS-Stiftung. Die Finanzierung sei relativ weit fortgeschritten. Im März sprach der Regierungsrat aus dem Lotteriefonds eine halbe Million Franken für die Restaurierung des Zuges. Damit seien nun drei Viertel der Gesamtkosten von 2,1 Millionen Franken gedeckt. Zu den Sponsoren gehören auch die Eisenbahnbauer Stadler Rail und Bombardier. In der Bombardier-Fabrik in Villeneuve, am oberen Ende des Genfer Sees, werden derzeit die Wagenkästen mit viel Aufwand und grosser Sorgfalt restauriert. Die Drehgestelle befinden sich in Samstagern bei der Südostbahn, die Motoren werden bei der Gebrüder Meier AG in Regensdorf revidiert.

Die beiden Wagen in Villeneuve sind weitgehend ausgeweidet: Auf Paletten stehen Fenster, Sitzbänke, Ablageflächen und Trennwände. Jedes Stück ist mit einer vielstelligen Nummer gekennzeichnet. Ein riesiges Puzzle: Nach vielen Jahrzehnten im Betrieb passen die Teile nur noch dort, wo sie auch montiert waren. «On voit la vie que a eu le wagon», sagt Patrice Doutaz von Bombardier. Man sehe das Leben, welches der Zug gehabt habe. In die Restaurierung habe man sehr viele Stunden investiert. «C’est énorme.» Eine Restaurierung sei spezieller als die Serienanfertigung neuer Wagen in hoher Stückzahl für die SBB oder die BLS, so Doutaz. Die Wagen glänzen wieder in den ursprünglichen Farben - blau und creme. Dem Fachmann gefällts: «C’est très jolie», sagt er.

Polster statt Holzklasse

Beim Blauen Pfeil, der im Laufe der Jahre mehrmals verändert und umgebaut wurde, sind zahlreiche Arbeitsschritte notwendig, bis er wieder auf dem Schienennetz verkehren kann. Auch ein neues Zugsicherungssystem wird eingebaut. Für Elsasser ist der Blaue Pfeil eine Pionierleistung der damaligen BLS, er lobt den «Bauhausstil» mit den eckigen Fenstern, die Leichtbauweise, «geschweisst und nicht genietet» und die grosszügige Anordnung der Abteile, die einen freien Blick durch die Längsachse und auf den Lokomotivführer ermöglicht.

«Die ganze Fläche stand für den Transport von Passagieren und Gepäck zur Verfügung. Die Transformatoren befanden sich auf dem Dach, die Motoren unter dem Wagenboden. Die Triebwagen brachten eine grosse Effizienzsteigerung, die Kosten pro Passagier sanken.» Trotzdem mussten die Passagiere nicht auf Komfort verzichten: die 3. Klasse war mit Polster versehen, es gab keine Holzklasse. Elsasser bezeichnet das als «revolutionär». Der Blaue Pfeil wurde 1939 an der Landi dem Publikum vorgeführt: als eines der Symbole für die technische Innovationskraft der Schweiz.

«Emotionalität des Zugfahrens»

Elsasser glaubt, dass der Blaue Pfeil im Markt der Nostalgiezüge seine Nische finden wird. Das hat auch praktische Gründe. «Mit einer Geschwindigkeit von 110 Stundenkilometern wird er nicht zu einem Verkehrshindernis wie ein Dampfzug.» Der Zug könne mit dem Normalverkehr auf dem Schweizer Eisenbahnnetz mithalten und werde darum nicht auf Nebengeleise verbannt. «Wir kommen damit überall hin. Auch die BLS-Bergstrecke ist möglich, weil der Blaue Pfeil relativ gut motorisiert ist.» Zudem müsse der Doppeltriebwagen nicht gewendet werden: Der Lokomotivführer spaziert einfach durch den Zug und nimmt in der anderen Kabine Platz. Elsasser hofft, dass der Zug gut zwanzig Mal pro Jahr für Geburtstage oder Firmenausflüge vermietet werden kann. «Damit kann die BLS die Emotionalität des Zugfahrens vermitteln», sagt der Geschäftsführer der BLS-Stiftung.

Nachdem der Wagenkasten und die Drehgestelle revidiert sind, wird der Zug ins Depot in Burgdorf geschleppt. Für den Innenausbau, zum Beispiel für die Montage der Sitzbänke, werden wieder Freiwillige zum Zug kommen. Eine besonders undankbare Aufgabe wird es noch zu bewältigen geben: Die Abfallbehälter aus Lochblech müssen gesäubert werden. Auf einer dicken schwarzen Kruste kleben Papierfötzeli und Kaugummi.

Der Bund

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