«Die wahre Grenze liegt im Kopf»

Dieses Wochenende werden 2500 Radbegeisterte beim Volksrennen Alpenbrevet mit sich selber ringen. 
Frauen stehen bei diesem Anlass nur wenige am Start. Die Hindelbankerin Marlen Reusser ist eine von ihnen.

Pedalen ohne Unterlass: Am Samstag werden Marlen Reussers Muskeln brennen.

Pedalen ohne Unterlass: Am Samstag werden Marlen Reussers Muskeln brennen. Bild: Adrian Moser

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Noch vor sechs Jahren war sie ein Sportmuffel – heute hat sie sich an das Gefühl gewöhnt, dass die Muskeln irgendwann «nicht mehr zu brennen aufhören». Während sie in Begleitung des «Bund» an ihrem Hausberg Lueg im Emmental das letzte Mal vor dem Radrennen ihre Beine aufwärmt, erzählt Marlen Reusser aus Hindelbank, was sie am Radrennen Alpenbrevet so reizt: «Ich will mich selber herausfordern, will spüren, was bei mir drin liegt.» Mit 13 Stundenkilometern fährt Reusser die zwölfprozentige Steigung hoch, rechts das Alpenpanorama, links die Aussicht auf das dunstige Mittelland. Ihre Atmung geht ruhig und gleichmässig – von Anstrengung keine Spur.

Anders wird es heute Samstag aussehen: Die 132 Kilometer und 3875 Meter Höhendifferenz will die Radrennfahrerin in weniger als sieben Stunden hinter sich bringen. Zwischen Start- und Ziellinie werden die Pässe Grimsel, Furka und Susten liegen – und vermutlich auch einige Tiefs, die mit den Abfahrten von den Pässen nichts zu tun ­haben. Weshalb quält man sich stundenlang im Sattel, drückt Energiegels in sich hinein, ohne sich eine Pause zu gönnen? Vor allem aber: Wie hält man das durch? «Es ist alles eine Frage des Willens», sagt die junge Frau. «Die wahre Grenze liegt im Kopf.»

Man braucht einen dicken Kopf

Die 22-jährige Sportlerin ist die jüngste Schweizer Teilnehmerin am Alpenbrevet. Nur 235 Frauen werden sich der Mehrpässefahrt stellen, gut 100 in ­Reussers Kategorie, welche drei Alpenpässe beinhaltet. Der Rennradsport scheint an den Schweizer Frauen vorbeizuziehen. Weshalb? Reusser schmunzelt: «Radfahren macht dicke Waden – das ­gefällt den Frauen kaum.» Wichtiger sei aber wohl die mentale Konstitution. «Man muss einen dicken Kopf haben, um richtig durchzubeissen.»

Diesen scheint die energische Frau zweifelsohne zu haben, denn die vergangenen Jahre waren für sie nicht nur Zuckerschlecken: Kaum hatte sie ihre Liebe zum Laufsport entdeckt – sie war damals am Gymnasium dazu verknurrt worden, am Grand Prix von Bern teilzunehmen –, folgte eine grosse Fussoperation. Reusser fehlt an beiden Füssen das untere Sprunggelenk, weshalb Joggen bald nicht mehr infrage kam. Nach der Operation konnte sie nicht still sitzen – deshalb begann sie zu schwimmen, später kam das Rennrad dazu. Heute trainiert sie im Berner Triathlonclub, beim STB, hat Teamwettkämpfe wie den Gigathlon oder Inferno-Triathlon hinter sich und fuhr vergangenen Sommer bei der S2-Challenge auf dem Rennrad die Bestzeit unter den Frauen. Was braucht es, damit man zu solch einer Leistung fähig ist? Man müsse beim Training mit sich selber auskommen, gerne alleine sein, sagt Reusser. Zudem, so fügt sie an, präge der Sport auch charakterlich: «Durch den Sport lerne ich, durchzubeissen, auch im Alltag.»

Politisieren auf dem Velo

Reusser ist in einer Bauernfamilie aufgewachsen. Was immer sie anpackt – sie tut es mit viel Engagement und Ehrgeiz: Bis sie sechzehn war, spielte sie leidenschaftlich Geige und konnte im Rahmen eines Förderprogrammes an der Hochschule der Künste in Bern studieren. Während des Gymnasiums amtete ­Reusser bei den jungen Grünen als Kantonalpräsidentin, bei der Abstimmung über den Kauf der Gripenflugzeuge stellte sie kurzerhand eine Aktionsgruppe auf, welche mit Plakaten gegen die Jets aus Schweden warb. Nun studiert sie im siebten Semester Medizin und steckt ihre Energie ins Triathlon­training. Musik, Politik, Sport: Reusser scheint in vielerlei Hinsicht begabt. «Ich bin ein vielseitiger Mensch, bin extrem wissbegierig, aber auch ehrgeizig», sagt sie. Wenn man mit einer gewissen Neugierde aus dem Fenster schaue, entdecke man tausend spannende Dinge.

Reusser hat sich mittlerweile aus der Politik zurückgezogen. Gedanklich aber politisiert sie weiter. Wenn sie alleine auf dem Rennrad durch die Schweiz kurve, manchmal tagelang, dann werde sie oft nachdenklich: «Wie wir Schweizer leben, ist purer Luxus.» Vor allem mache es sie traurig zu wissen, dass dieser Reichtum nur durch Armut anderer möglich sei. Beim morgigen Radrennen hoffe sie deshalb, den Kopf mal wieder abschalten zu können. «Während du unterwegs in der kargen Berglandschaft bist, bist du so weit weg von allem – das tut gut.»

Schub dank Fett und Proteinen

Zum zweiten Mal stellt sich Reusser der Herausforderung Alpenbrevet. Dieses Jahr wagt sie ein Experiment, das sie mehr als Medizinstudentin denn als Sportlerin interessiert: Sie ernährte sich in der Woche vor dem Wettkampf ausschliesslich von fettigen Speisen und Proteinen. «Fat loading» heisst die wettkampfvorbereitende Diät, die sie im Studium kennen gelernt hat. Reusser erhofft sich, dass Fettreserven in den Muskeln ihr während des Rennens möglichst lange Energie liefern werden. Kaum auf der Lueg angekommen, zieht es sie deshalb schon wieder weiter: in die Käserei Affoltern, wo sie sich ein halbes Kilo Emmentalerkäse kauft. Als letzte Vorbereitung für ein erfolgreiches Rennen sozusagen. (Der Bund)

Erstellt: 22.08.2014, 19:21 Uhr

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www.alpenbrevet.ch

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