Oper, Jungkunst und Performance an der Stadtberner Peripherie

Das Hochhaus an der Ostermundigenstrasse öffnet am Freitag mit experimenteller Musik die Tore.

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Das Galgenfeld war noch nie ein In-Quartier der Stadt Bern. Im Mittelalter geschah dort Grässliches: Missetäter, welche gegen die göttliche Ordnung verstossen hatten, wurden dort aufgeknüpft – zur Abschreckung der Reisenden, die für den Markt in die Stadt Bern kamen. Heute vereint das Galgenfeld wenige Wohnungen, einen Friedhof, Industrie und Rotlichtmilieu auf engem Raum.

Doch in den nächsten Wochen soll auch das hippe Leben in das Quartier an der Grenze zu Ostermundigen ziehen. Grund ist die Zwischennutzung des ehemaligen Swisscom-Hochhauses an der Ostermundigenstrasse. Ab dieser Woche kehrt in das Mitte der 50er-Jahren gebaute Haus wieder Leben ein. Seit 2014 steht das Hochhaus nämlich leer – und das ist es bis heute.

Viele Interessenten für Büros

Drei der neunzehn Geschosse werden ab Mitte Dezember als günstige Büro- und Arbeitsflächen vermietet. «Die Nachfrage ist sehr gross», sagt Dierk Harte, Verwalter des Hauses. Bereits in der ersten Woche hätten sich über 85 Interessenten gemeldet. Es seien Selbstständige, Start-ups und auch Rentner von den Räumen mit Alpenblick angetan, sagt Harte. Für die Vermietung der rund 50 Büro-Räumlichkeiten auf Zeit ist das Unternehmen Interim zuständig. Ein 31 Quadratmeter grosses Büro kostet im denkmalgeschützten Gebäude 313 Franken im Monat, inklusive aller Nebenkosten.

Doch auch kulturell soll das Hochhaus belebt werden. Am Donnerstag schon wird das Haus mit experimenteller Musik für die Öffendlichkeit eröffnet. Das Musikprojekt «Pakt Bern» etwa organisiert im Lift des Hauses, auf der Dachterrasse und im Treppenhaus verschiedene «Interventionen». Die ehemaligen Kantine des Swisscom-Hauses, die von den Architekten Burckhardt+Partner AG entworfen wurde, wird an dem Abend zur Bar.

Im Januar dann organisieren die Studierenden der Hochschule der Künste eine Oper im Haus, und im März veranstaltet die Dampfzentrale im Untergeschoss eine Performance. «Der Keller liegt 21 Meter unter Boden und erinnert dank seiner Höhe eher an eine Kathedrale», sagt Ernst Jäggli von der Dampfzentrale. Es seien derzeit aber keine weiteren Anlässe der «Dampfere» im Haus an der Peripherie angedacht.

Ein Stock für Ausstellungen

Doch nicht nur einzelne Anlässe sind geplant; drei Geschosse sind explizit für die künstlerische Nutzung vorgesehen, und der Verwalter hat eigens eine Kuratorin angestellt, die sich um die Künstlerbetreuung kümmern soll: Georgina Casparis. Die junge Zürcherin, welche auch als Koordinatorin der europäischen Wander-Biennale für zeitgenössische Kunst Manifesta 11 arbeitete, ist zuständig für die kostenlose Ateliervermietung im 8. Stock. «In den nächsten zwei Jahren soll hier im Gebäude möglichst viel laufen, was genau, können wir jetzt aber noch nicht sagen», sagt Casparis am gestrigen Medienanlass.

Auf 550 Quadratmetern sollen aber im Frühling bis zu zehn Ateliers gratis für junge Künstler zur Verfügung gestellt werden. Musik, bildende Kunst oder Film: Gewünscht seien Künstler verschiedenster Sparten, sagt Casparis. Noch müsse sie aber die Richtlinien ausarbeiten, welche Anforderungen die Jungkünstler erfüllen müssten. Das 7. Stockwerk des Hauses ist derweil als Ausstellungsraum reserviert.

Künstler bleiben bis zum Umbau

Weiter verfügt das Hochhaus auch über ein Auditorium, einen Vorlesungssaal. Die Swisscom schulte dort in der Vergangenheit ihre Mitarbeiter. Auch dieser Raum soll künftig für kulturelle Veranstaltungen zugänglich gemacht werden. Ebenso ein Kunst-am-Bau-Projekt sei angedacht. Einen Club oder eine Beiz werde es im Haus aber keine geben.

Während der Zwischennutzung wird die Planung für den Umbau vorangetrieben. Die Eigentümer gehen davon aus, dass die Planungs- und Baueingabezeit bis zu drei Jahre dauert. Der Auszugstermin ist derzeit auf den 31. Oktober 2019 geplant, dann sollen die Künstler und Start-ups zahlungskräftigen Mietern weichen. Die Eigentümer planen auch künftig eine Mischnutzung: Im oberen Teil sind die Wohnungen, in der unteren Hälfte des Hauses Büros, Ateliers und Praxen. «Die Künstler können natürlich bleiben, wenn sie sich eine solche Wohnung oder ein Atelier leisten können», sagt der Verwalter des Hauses. (Der Bund)

Erstellt: 06.12.2017, 20:33 Uhr

(Bild: zvg)

Kultur im Hochhaus

Gearbeitet wird zwar nicht mehr im 19-stöckigen Swisscom-Gebäude, das nun kulturell zwischengenutzt werden darf. Und doch hält die Arbeit für eine Nacht wieder in die Baulichkeit Einzug. Der Musiker Felix Kubin (Bild, 20.30 Uhr) wird zusammen mit drei Perkussionisten sein Projekt «Takt der Arbeit» zur Aufführung bringen, ein apart getakteter Soundtrack zur Vertonung alter 16-mm-Filme zum Thema Arbeit. Und auch sonst wird im Hochhaus an diesem Abend viel Experimentelles zu bestaunen sein.

Das Epizentrum bildet die ehemalige, von den Architekten Herzog & de Meuron gestaltete Kantine im 6. Stock, wo neben Kubin die norwegische Radikal-Vokalistin Maja Ratkje (22 Uhr) auftreten wird, die in ihren Vorträgen gerne zwischen Oberton-Gesang, Laptop-Noise und mulmigem Gezische changiert.

Ausserdem trifft das saxofone Konus Quartett (19 Uhr) auf den experimentierwilligen Wiener Schlagarbeiter Martin Brandlmayr. Zwischen den Konzerten ist ein Ausflug in den siebten Stock empfohlen, wo unter anderem das bernische GingerEnsemble sich des bruitistischen Werks «The Wolfman» von Robert Ashley aus dem Jahr 1964 annimmt (21.30 Uhr). Oder man begebe sich aufs Dach, wo aus einer Gondelkabine Gesänge von Franziska Baumann erklingen, während einem im Personenlift Maru Rieben eine Klangmassage angedeihen lässt.

Ehemaliges Swisscom-Hochhaus (Ostermundigenstr. 93 – Bushaltestelle Schosshaldenfriedhof), Freitag, 8. Dezember, ab 18 Uhr.

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