Nun helfen sogar Zivis in der Schule aus

Seit diesem Jahr können junge Männer ihren Zivildienst an Schulen in der Stadt Bern leisten. Doch unterrichten dürfen sie nicht, die Lösung für den grassierenden Lehrermangel sind sie deshalb nicht.

Valerio Affolter hilft einfädeln, nähen und zeigt, wie ein Knoten geht.

Valerio Affolter hilft einfädeln, nähen und zeigt, wie ein Knoten geht.

(Bild: Adrian Moser)

Naomi Jones

Während der Bundesrat den Zivildienst einschränken will, ist der Zivi in vielen Institutionen nicht mehr wegzudenken. Junge Männer leisten ihren Dienst in Altersheimen, Spitälern oder Kindertagesstätten statt in der Armee.

Nun entdeckt auch die Schule die Zivildienstleistenden. Der 22-jährige Valerio Affolter ist einer der ersten in der Stadt Bern. Seit Anfang März leistet er seinen Dienst an der Schule Spitalacker. Pestalozzi, Tscharnergut, Marzili, Stapfenacker und Kleefeld haben Stellen ausgeschrieben. Denn seit Anfang dieses Jahres darf jeder Berner Schulkreis einen Zivildienstleistenden als Klassenhilfe beschäftigen. Die Stadt hat dafür 120'000 Franken budgetiert.

Hilfe an grossen Klassen

Valerio Affolter wird im Spitalacker vor allem an den beiden dritten Klassen eingesetzt. Sie sind mit je 28 Schülern und Schülerinnen besonders gross. Am Donnerstagvormittag hilft Affolter beim Werken mit. Die Hälfte der Klasse wird in technischem, die andere Hälfte in textilem Gestalten unterrichtet. Affolter wird dort zugeteilt, wo er gerade am meisten gebraucht wird.

Heute ist er bei Franziska Grob. Die Kinder nähen ein Stofftier. Einige sind schon bald fertig, andere benötigen noch etwas Hilfe. Ein Bub kommt zum Zivi, weil er keinen Knoten in den Faden machen kann. «Ach komm, das üben wir», antwortet Valerio Affolter und zeigt dem Knaben, wie es geht.

«Die Zivis sind keine Lösung gegen den Lehrermangel. Aber Leute, die helfen – das ist gut»Anna-Katharina Zenger, Bildung Bern

Danach steht er auf, geht von Kind zu Kind, lobt hier eines und bringt ein anderes dazu, den Platz seines Kameraden wieder freizugeben. Affolter bleibt ruhig, hilft einfädeln und nähen. «Die Kinder sind sehr angenehm», sagt er. Als er mal weg gewesen sei, hätten sie ihn bereits vermisst. «Das ist herzig.»

Seit zweieinhalb Jahren dürfen in der Schweiz auch Volksschulen Zivis anstellen. Im Kanton Bern leisten derzeit 40 Männer Zivildienst an Schulen. 8 von ihnen sind in der Stadt Bern. 90 weitere sind in der Kinderbetreuung, also an Tagesschulen, in Kitas oder in heilpädagogischen Schulen, im ganzen Kanton.

Der Zivi unterrichtet nicht

In der Werklektion im Spitalacker steht die Lehrerin, Franziska Grob, am Lehrerpult und näht dem Stoffäffchen eines Kindes rote Knopfaugen an. Um sie herum steht eine Traube weiterer Kinder, die ebenfalls auf Hilfe warten. Dabei beobachtet Grob, was im Raum geschieht. Sie trägt die Verantwortung für den Unterricht. Der Zivi ist ihr Assistent. «Denn beim Nähen mit 14 Kindern fehlen oft helfende Hände.» Zum Glück arbeite Affolter selbstständig und erkenne rasch, welche Kinder etwas nötig hätten. «Er entlastet mich sehr», sagt sie.

Allerdings ist der Einsatz von Zivildienstleistenden an Schulen ein zweischneidiges Schwert. Viele Lehrer und Lehrerinnen würden lieber an kleineren Klassen oder permanent zu zweit im sogenannten Teamteaching unterrichten. Denn Klassen mit mehr als 26 Kindern sind nicht mehr selten. Zudem werden Kinder mit besonderen Bedürfnissen in die Regelschule integriert.

Mit ein Grund für die grossen Klassen ist jedoch der Lehrermangel. Mitte Februar hat der Kanton Bern pensionierten Lehrern und Lehrerinnen einen Brief geschrieben und sie gebeten, wieder in den Beruf zurückzukehren. Ab August können Studierende der Pädagogischen Hochschule schon während der letzten Ausbildungsjahre in den Beruf einsteigen, und der Lehrerverband empfiehlt gar, zur Not Lektionen zu streichen.

«Zivis sind keine Lösung gegen den Lehrermangel», sagt Anna-Katharina Zenger vom Lehrerverband Bildung Bern entschieden. Denn die Zivis dürfen keine pädagogische Verantwortung übernehmen, geschweige denn unterrichten. «Aber Leute, die in die Schule kommen und helfen – das ist gut», sagt die Gewerkschafterin.

Männer an Primarschulen

Vor allem an der Unter- und der Mittelstufe sieht Zenger die Zivis als hilfreich. Dazu komme, dass der Zivildienst vor allem von jungen Männern geleistet werde. «Männliche Bezugspersonen sind gerade auf der Primarstufe erwünscht», sagt Zenger.

Auch Christina Urech, Schulleiterin in Schüpfen, betont den Genderaspekt: «In der frauendominierten Primarschule ist der Zivi für die Schüler lässig.» Er sei für die Kinder ein männliches Vorbild, das weder Lehrer noch Kumpel sei. Die Schule Schüpfen war eine der ersten im Kanton Bern, die vor zwei Jahren einen Zivi anstellten. Zurzeit arbeitet allerdings keiner mehr dort. «Wir klären ab, ob wir ihn wirklich brauchen und ob wir ihn uns leisten können», sagt Urech.

Nicht gratis

Denn Zivis sind nicht umsonst zu haben. Der Arbeitgeber zahlt dem Zivi ein Taschengeld und Spesen. Dem Bund muss er eine Abgabe zahlen. Das sind rund 20'000 Franken pro Jahr. Diesen Betrag übernimmt in der Regel die Gemeinde.

Für die Schulen bedeutet der Zivi Aufwand. Sie müssen ein Pflichtenheft erstellen und ihren Angestellten während 42 Stunden pro Woche beschäftigen. Der Unterricht deckt aber erst 28 Lektionen ab. In Schüpfen half der Zivi daher dem Abwart beim Frühlingsputz und der Gemeinde auf der Eisbahn. An anderen Schulen hilft er in der Tagesschule und im Sekretariat mit. Die Lehrer und Lehrerinnen müssen Aufträge für den Zivi vorbereiten, damit er überhaupt sinnvoll arbeiten kann.

Für die Schulleitung selbst fällt der Aufwand vor allem bei der Auswahl des Zivis an. Zudem muss sie seinen Einsatz planen. Schüpfen testete dabei verschiedene Modelle. Einmal war der Zivi einigen Klassen stundenweise fix zugeteilt. Das andere Mal konnte er von den Klassenlehrerinnen jeweils für eine Woche gebucht werden.

Im Spitalacker ist die Werklektion um. Die Kinder räumen auf und verabschieden sich: «Auf Wiedersehen, Frau Grob, adieu, Herr Affolter.» Valerio Affolter macht eine kurze Pause im Lehrerzimmer und zieht sich dann fürs Turnen um.

Am Mittag wird er in der Tagesschule aushelfen, und am Nachmittag hilft er der Drittklasslehrerin im Matheunterricht. Die Arbeit mit den Kindern ist anstrengend, aber sie gefällt ihm: «Jeder Tag bringt neue Herausforderungen, und man weiss nie zum Voraus, was geschieht.»

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