Nicht nur die Städte lehnten die Kürzung ab

Wie kam es zu dem überraschenden Nein zum Sozialhilfegesetz? Eine Analyse.

Bernhard Ott@Ott_Bernhard

Klar, die Stadt Bern hat gestern Nachmittag den Ausschlag gegeben. Die Gegner von Kürzungen in der Sozialhilfe haben in der Bundesstadt gut mobilisiert, was sich in einer vergleichsweise sehr hohen Stimmbeteiligung von 49,27 Prozent niederschlug. In absoluten Zahlen ausgedrückt, stimmten über 30'000 Stadtbernerinnen und Stadtberner gegen die Grossratsvorlage – das sind rund 18'800 Stimmen mehr, als die Befürworter der Vorlage erreicht haben. Diese Zahl liegt über dem kantonsweit erreichten Vorsprung der Kürzungsgegner von rund 15'600 Stimmen.

Aber die Gegner einer Kürzung der Sozialhilfe obsiegten nicht nur in der Stadt Bern und in der Sozialhilfehochburg Biel, sondern auch in den Agglomerationen und zum Teil sogar in ländlichen Gebieten.

Pendlergemeinden sagten Nein

Im Grossraum Bern muss auch der grösste Teil der Agglomeration dazugerechnet werden, wo es sehr deutliche Nein-Mehrheiten in Köniz, Ostermundigen, Zollikofen, Ittigen und Bremgarten gegeben hat. Aber sogar im wohlhabenden Vorort Muri war das Nein zu den Kürzungen relativ deutlich.

Betrachtet man die geografische Verteilung der übrigen Gemeinden mit einem überwiegenden Nein-Anteil fällt auf, dass viele von ihnen entlang von Pendler-Achsen wie dem Raum Bern-Solothurn, dem Worblental, dem Aaretal und dem Gürbetal liegen – bis hin zu ländlich geprägten Orten wie Seftigen und Burgistein. Aber auch die bürgerlich regierte Stadt Thun lehnte ab.

Die Ja-Mehrheiten finden sich schwerpunktmässig im Oberland, im Emmental und im Oberaargau, aber auch in regionalen Zentren wie Langnau, Langenthal, Lyss und den Bödeli-Gemeinden.

Stimmfaulheit auf dem Land

Auffallend ist zudem, dass der Berner Jura als Herkunftsregion von Fürsorgedirektor Pierre Alain Schnegg (SVP) dessen Vorlage knapp abgelehnt hat. Innerhalb des Jura wiederum ist eine Art Stadt-Land-Graben ersichtlich, dürften doch die Nein-Mehrheiten in den einstigen Industrieorten Moutier, Sonceboz und Tramelan sowie in La Neuveville den Ausschlag gegeben haben.

Die Befunde zur geografischen Verteilung spiegeln sich auch bei der Stimmbeteiligung der Verwaltungskreise wider. Hier liegt nicht nur die Stadt Bern, sondern auch der Vewaltungskreis Bern-Mittelland als Ganzes mit einer Beteiligung von 46,2 Prozent vorn. In der grossen Mehrheit der Gemeinden im Oberland, im Emmental und im Oberaargau, die der Grossratsvorlage deutlich zugestimmt hatten, lag die Stimmbeteiligung tiefer. Dies ist insofern erstaunlich, als auf nationaler Ebene mit der EU-Waffenrichtlinie ebenfalls eine Vorlage zur Abstimmung kam, welche die SVP-Anhänger hätte mobilisieren sollen.

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