Eine Freundschaft, die fast «auf der Strecke» blieb

Ein kritischer Zeitungsartikel im «Bund» über den deutschen Kaiser Wilhelm II. löste 1888 ein Dramolett um Johannes Brahms und Josef Viktor Widmann aus. In den Nebenrollen treten auf: Gottfried Keller, Franz Schubert, Ludwig van Beethoven, Richard Wagner sowie nachgeborene Forscher aus Europa, Amerika und Japan.

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«So übt man eben Kritik über alles, was aus Deutschland kommt, die Deutschen selbst aber gehen darin voran.» Der Satz mag aktuell klingen, wurde indessen 1888 geschrieben: Der schon damals berühmte Komponist Johannes Brahms «bedauerte» damit eine «Auslassung» Josef Viktor Widmanns, die er als «dreist» tadelte. Der «Bund»-Redaktor, der als Literat eine gewisse Anerkennung über die Landesgrenzen hinaus genoss, hatte sich über eine martialische Äusserung des jungen deutschen Kaisers Wilhelm II. «ausgelassen». Und so seine langjährige Freundschaft mit Brahms in Gefahr gebracht.

Man schrieb das «Dreikaiserjahr» 1888. Mit 29 Jahren kam Wilhelm II. am 15. Juni auf den Thron. Kurz nacheinander waren sein Grossvater Wilhelm I. und sein Vater Friedrich III. gestorben. Am 16. August gedachte er mit einer Rede in Frankfurt an der Oder der Schlacht von Vionville (Lothringen) von 1870 im deutsch-französischen Krieg, der zur deutschen Eroberung Elsass-Lothringens führte. Es folgte 1871 die Gründung des Deutschen Reichs, das als Monarchie bis zur Absetzung Wilhelms II. 1918 am Ende des Ersten Weltkriegs Bestand haben sollte. Ein Telegramm aus Frankfurt, das der «Bund» am 18. August 1888 abdruckte, gab den Kern der kaiserlichen Rede so wieder: «Man werde lieber achtzehn Armeekorps und zweiundvierzig Millionen Deutsche auf der Strecke liegen lassen, als nur einen Stein vom Errungenen sich nehmen lassen.»

Des Kaisers «Menschenverachtung»

Am folgenden Tag erklärte Feuilleton Redaktor Widmann in einer Randspalte dem weidmännisch unbeschlagenen Teil seiner Leserschaft den Ursprung der Redensart «auf der Strecke bleiben» und erinnerte an die jägerische Vergangenheit des Kaisers: «Jetzt, da er eines möglichen Krieges gedachte, sah er seine Völker genau so ,auf der Strecke liegen‘ wie seiner Zeit auf dem Platze vor dem Jagdschlosse die Reihen der niedergeknallten Hirsche und Rehe. Wir gestehen, dass uns diese Gedankenassoziation im Geiste des jungen Herrschers und dieser Ausdruck einen tieferen Blick in sein Wesen eröffnet hat (. . .) Der junge feurige Mann, der gegenwärtig die Deutschen regiert, spricht aus dem Vollen heraus, wie er fühlt und denkt, und offenbart demgemäss eine Menschenverachtung, wie sie vielleicht für einen Soldatenkaiser das Richtige ist.»

Der damals 46-jährige Redaktor schlug einen Bogen zum berühmt-berüchtigten Anfeuerungsruf Friedrichs des Grossen an seine «im Kartätschen-Feuer wankenden Grenadiere»: «Ihr Hunde! Wollt Ihr denn ewig leben?» Dass Wilhelm II. eine ähnliche «Brutalität» in einen Trinkspruch legte, inspirierte den zum Lehrer und dann Redaktor gewordenen Theologen Widmann beinahe zur Blasphemie: «Uns würde es in diesem Augenblick vorgekommen sein, als ob der Trank im Becher sich uns in Blut verwandelte.»

Musikalischer Theologe und Lehrer

Der 1842 bei Brünn als Sohn von Wiener Eltern geborene und in Liestal aufgewachsene Pfarrerssohn Josef Viktor Widmann bekam Musik und Theologie quasi in die Wiege gelegt. Seine Mutter Charlotte Wimmer hatte als junges Mädchen mit ihrem Klavierspiel das «Wohlgefallen» Ludwig van Beethovens gefunden, und nach dessen Tod erwarb ihr Vater «den im Sterbezimmer stehenden Grafschen Flügel»; das Instrument sollte die Familie nach Liestal und mit Josef Viktor nach Bern begleiten, bis dieser es «1896 dem Bonner Beethoven-Museum stiftete».

Diese Schilderung der Herkunft stammt vom Brahms-Biografen Max Kalbeck (siehe Quellen-Box). Vater Josef Otto Widmann wiederum hatte als Chorknabe musikalische Förderung durch Schulmeister Schubert erfahren und laut der Familien-Überlieferung auch durch dessen Sohn Franz. Nach einem Zwischenspiel als Zisterziensermönch wandte er sich der Ehe und dem evangelischen Pfarramt zu; er vertrat die damals «in der Schweiz blühende ,Reformtheologie‘». Der Sohn Josef Viktor folgte zunächst seinen Fussstapfen, studierte Theologie und wurde Pfarrhelfer, nicht aber Pfarrer: «Seine philosophische Weltanschauung, die noch freier war als die seines Vaters, gestattete ihm nicht mehr, dem geistlichen Berufe zu folgen.»

1868 wechselte Widmann ins Lehramt und wurde Vizedirektor, später Direktor der Einwohnermädchenschule Bern. Bald trat er auch literarisch in Erscheinung, mit Gedichten, Erzählungen, Dramen. Darüber schreibt «Bund»-Autor Charles Linsmayer : «Was Widmann dichtete, wurzelte in einer biedermeierlich verflachten antiken Kulturwelt. Der frühere Töchterschuldirektor hatte eine Vorliebe für griechische Backfische und einen Hang zur Idylle. Von Hause aus Theologe, bekehrte sich der Liestaler Pfarrerssohn zu Schopenhauer, doch nimmt man dem leutseligen Lebenskünstler den tragischen Pessimismus, auf den hin seine bekanntesten Werke, die ,Maikäferkomödie‘ und ,Der Heilige und die Tiere‘, angelegt sind, nicht ab.»

Beim «Dämon des Journalismus»

Widmann wurde 1880 als Schuldirektor nicht wiedergewählt, laut dem Schweizer Lexikon «aus weltanschaulichen Gründen». Der seit 1850 erscheinende «Bund» berief ihn zum Feuilletonredaktor und leitete damit eine Epoche der unermüdlichen Literaturförderung durch Widmann ein. 1902 beklagte sich dieser in einem Brief an Carl Spitteler: «Ich bin Hebamme und Kindermädchen bei allen möglichen Schriftstellern und Dichtern im ganzen Land herum und weit darüber hinaus; den eigenen Kindern aber muss ich Stiefvater sein und sie in halbfertigen Wämsern herumlaufen lassen.»

Auch für Widmanns eigenes literarisches Schaffen lauerte laut Kalbeck höchste Gefahr: «Der Poet schien sein Schicksal besiegelt zu haben, als er seine Dichterseele dem Dämon des Journalismus verschrieb. Doch wenn dieser Oberherr vieler sauberen und unsauberen Geister ihm nichts von dem Adel der Gesinnung, von der Anmut und Kraft des Gemütes, von dem Stolz des über jedes Vorurteil erhabenen Mannes zu rauben vermochte, so ist dies dem Berner ,Bund‘ ebenso zur Ehre anzurechnen wie dessen ,literarischem Redaktor‘.»

Freunde, von Beethoven beflügelt

Den 1833 geborenen, also neun Jahre älteren Brahms lernte Widmann 1874 an einem Zürcher Musikfest kennen, dessen Ehrengast der Komponist war. Ein gemeinsamer Bekannter hatte den Berner Schuldirektor und Literaten eingeladen: «Widmann galt jetzt für einen, der mitreden durfte, und bewies es sofort als hitziger Opponent in dem theologischen Tischgespräch, das Brahms aufs Tapet brachte.» Der Musiker nahm ihm das vehemente Eintreten für die Reformtheologie nicht übel, sondern erkor ihn – immer nach Kalbeck – zum «ständigen Begleiter während der Züricher Musiktage», besuchte ihn auch in Bern und probierte den Beethoven-Flügel, wählte fürs Hauskonzert aber doch «ein anderes, besser spielbares Instrument».

Erst nach einem Wiedersehen 1877 in Mannheim wurde aus der Bekanntschaft allmählich Freundschaft, folgte ein intensiver Briefwechsel, gab es gegenseitige Besuche und im Frühjahr 1888 die erste gemeinsame Italienreise. «Er ist eigentlich fast ganz Zeitungsschreiber geworden, aber wenn Sie ihn als solchen, wie ich, eingehender kennten, Sie würden ihn nicht bloss für den liebenswertesten seiner Gilde halten, Sie würden auch höchste Achtung und Sympathie für solche Art Tätigkeit empfinden», schrieb der Komponist an eine Bekannte. Das war noch vor der Kaiserschelte.

«Ohne Achtung und Sympathie»

Seit 1886 verbrachte Brahms die Sommermonate jeweils in Thun, mit meist wöchentlichen Visiten in Bern, für Gespräche mit Widmann und auch, um sich aus dessen Bibliothek eine neue Portion Bücher auszuleihen. Die drei Thuner Sommer gehören für den Biografen Kalbeck «zu den glücklichsten und fruchtbarsten Schaffenszeiten des Meisters, und Widmann darf sich das Verdienst zuschreiben, Brahms bei guter Laune erhalten, vielfältig angeregt und gefördert zu haben».

In diese Idylle also platzt Widmanns Abkanzelung des jungen Kaisers. Am nächsten Tag schreibt Brahms dem «lieben Freund» aus Thun: «Als ich die kaiserliche Rede neulich las, blätterte ich still um und wünschte, es möge nicht gerade jedes Wort gesprochen oder genau wiedergegeben sein.» Nach dem Exkurs über die Kritik an allem, «was aus Deutschland kommt», knüpft der Musiker wieder bei den kaiserlichen Worten an: «Ein junger Mann von noch nicht dreissig Jahren sprach sie, das Glas Wein in der Hand. Der Wortlaut steht nicht sicher, nur der Sinn, und hinter diesem steht unter Umständen das ganze Volk.» Er hält Widmann vor, dieser habe den «blutjungen neuen Kaiser des deutschen Volkes, der gewiss ernst und würdig für sein hohes und schweres Amt sich bereitete, (. . .) dreist geschildert ohne eine Spur von Achtung und Sympathie – auf Grund und mit dem Beweis eines einzigen flüchtigen und unsicheren Wortes.»

Wo sich liberale Geister scheiden

Ob sich der Redaktor gegenüber dem Musiker je schriftlich dazu äusserte, ist nicht bekannt. Seine Briefe fanden sich zwar nach Brahms’ Tod 1897 im Nachlass und wurden «dem Absender von Gerichts wegen zugestellt». Doch in den Papieren, die Widmann selber – er starb, bis zuletzt beim «Bund» tätig, 1911– hinterliess, fanden sich die Briefe nicht; Kalbeck nimmt an, dass er sie vernichtet hat.

Überliefert ist dagegen Widmanns Klage aus dem Oktober 1888, er «fühle, dass zwischen uns ein Eisblock liegt, und das ist seine über alle Vorstellung deutsch-chauvinistische Gesinnung».

Diesen Brief zitiert die amerikanische Musikhistorikerin Styra Avins in einer Buchbesprechung. Brahms’ Reaktion auf den Zeitungsartikel wurde, so schreibt Avins, traditionellerweise «von Biografen als klares Zeichen seiner allgemein konservativen politischen Ansichten aufgefasst, die sie im Einklang mit dem ,Konservatismus‘ seiner Musik sahen». Indessen gelte diese Musik heute nicht mehr als konservativ, und (politisch gesehen) habe Widmann allen Anlass gehabt, «über die Heftigkeit des Briefs von Brahms und seines darauffolgenden Verhaltens äusserst bestürzt zu sein, denn in so vieler Hinsicht hatte Brahms in harmonischer Übereinstimmung mit seinem Freund gestanden, der so viele liberale Werte hochhielt; Widmann vertrat aktiv das Bildungs- und das Stimmrecht der Frauen, verfocht Menschenrechte und war ein Begründer der aufkeimenden Naturschutzbewegung. Auch war er gegenüber der Geistlichkeit ebenso zynisch wie Brahms selber.»

Im Buch «Brahms and the German Spirit» von Daniel Beller-McKenna, das Avins bespricht, geht es im Kern darum, wie «deutsch» Brahms und seine Musik waren – und damit verknüpft, wie religiös: «Beller-McKenna verbindet Brahms’ Nationalgefühl mit dem in seiner Jugendzeit anschwellenden Ruf nach der deutschen Einheit und trägt Material zusammen, das Brahms’ Gefühlsausbruch von 1888 gegenüber Widmann endlich einen Sinn verleiht. In (der) Darlegung der national-liberalen Werte, die Brahms und andere Liberale vertraten, die auch die deutsche nationale Identität förderten, achtet er auf die Unterscheidung zwischen dieser Bewegung des frühen und mittleren 19. Jahrhunderts und dem zunehmend schrillen, religiös intoleranten und chauvinistischen Nationalismus am Ende des Jahrhunderts und darüber hinaus, der den Kult des Volksgeists hervorbrachte.»

Deutschtum betont, dann verdrängt

Entsprechend wurde im Lauf der deutschen Brahms-Deutungen das Deutschtum, das zunächst vor allem die Wagnerianer in Abrede gestellt hatten, immer stärker betont. Nach dem Zweiten Weltkrieg aber wurde es auch in Deutschland zugunsten eines absoluten und übernationalen Musikverständnisses verdrängt. Beller-McKenna und Avins – die 2001 das Buch «Johannes Brahms: Life and Letters» herausgegeben hat – suchen eine neue Balance und finden sie in differenzierten Betrachtungsweisen, die dem Nationalen Rechnung tragen. Das Deutsche Requiem steht damit wieder als «wesensmässig deutsches Werk» da; das nach der deutschen Einigung viel gespielte, «offen nationalistische» Triumphlied von 1871 aber bleibt eine Ausnahme in Brahms’ Werk.

Dem Zusammenhang zwischen Zeitgeist und musikalischem Werk spürt auch Nobuo Tsuchiya nach – ein japanischer Amateur-Historiker, dessen Bitte um Widmanns Artikel den «Bund» überhaupt auf dieses Thema gebracht hat. Der Doktor der Metallurgie war Forschungsdirektor eines Stahlkonzerns und hat sich nach seiner Pensionierung namentlich Brahms zugewandt. Besonders interessiert ihn dessen «konservative und nationalistische, aber nicht chauvinistische» Einstellung. Zu den Werken, an denen Brahms damals arbeitete, schreibt er dem «Bund», es habe sich vor allem um die Lieder op. 104 - 107, die Violinsonate Nr. 3 (op. 108) und die Fest- und Gedenksprüche (op. 109) gehandelt. Letztere könnten als Echo auf das Dreikaiserjahr verstanden werden, wenn auch mit weniger starken patriotischen Gefühlen als das Triumphlied.

«Zurück mit dem Elsass»

Wie sehr Brahms die deutsche Einheit am Herzen lag, zeigte er auch in seinem Brief über den «Bund»-Artikel: Er griff bitter ironisch die französische Forderung «Zurück mit dem Elsass» auf, die – auch noch so kriegerisch vorgetragen – in der Presse Applaus finde. Und er fragte Widmann, ob dieser es je anders gehalten habe. Laut dem Biografen Kalbeck, der Brahms noch persönlich kannte, bekam der Komponist damals keine Antwort – aber schon vier Tage später meldete er seinen nächsten Besuch so an: «Ich möcht’s doch auch einmal wieder gut haben, und so denke ich Sonntag 12 Uhr 24 über Ostermundingen zu kommen.» Widmann hatte 1888 am Kleinen Muristalden «ein neugebautes Haus mit Garten gekauft» und es als «gute Vorbedeutung» gesehen, dass Brahms als erster Gast dort schlief.

Die Fortsetzung der Besuche «half die vorübergehend erschütterte Freundschaft von neuem befestigen und wirkte in den beiden Männern wohltätig nach, so dass mit der Zeit der letzte Schatten der Missstimmung verschwand», schreibt Kalbeck. Zwar könne sie dazu beigetragen haben, dass Brahms nicht wieder nach Thun kam, aber der Hauptgrund dafür sei gewesen, «sich vor der Unverschämtheit Fremder, namentlich der reisenden Engländer, zu retten». Es folgten zwei weitere gemeinsame Italienreisen; bei der letzten 1893 habe sich Brahms «rührend» um den verunfallten Freund gekümmert.

Die Forscherin Styra Avins wirft Kalbeck vor, er vermenge Fakten und Meinungen – gerade auch was die Fortsetzung der Freundschaft zwischen Brahms und Widmann betreffe: «Tatsache ist, dass ihre Freundschaft nach dem Kaiser-Zwischenfall nie mehr ganz die alte Wärme zurückgewann, obwohl sich beide darum bemühten», schreibt sie dem «Bund» und beruft sich auf Widmanns Tagebuch, das sie im Dichtermuseum Liestal eingesehen habe.

Gottfried Kellers Rat befolgt

Öffentlich hat sich Widmann zehn Jahre später bedauernd über die Auseinandersetzung geäussert. Bei den ersten paar Wiedersehen hätten sie sich «in zwecklose Discussionen über Vortheile und Nachtheile monarchischer und republikanischer Staatsform verbissen», es aber bald bleiben lassen: «In stillschweigender Uebereinkunft vermieden wir auf längere Zeit hinaus politische Gespräche, nachdem wir einmal erfahren hatten, wie heiss unsere Köpfe dabei werden konnten. Der Humor trat wieder in sein Recht, dies bald so sehr, dass kleine Sticheleien, die der Eine oder der Andere in Bezug auf unseren Hader riskirte, gerade dadurch, dass wir sie nicht scheuten, die Herzlichkeit des wiedergewonnenen Einverständnisses bewiesen.»

Von Widmann zurate gezogen, hatte Gottfried Keller empfohlen, Brahms nicht weiter zu reizen. Auch tadelte der Zürcher Schriftsteller und Alt-Staatsschreiber den Berner Redaktor, er sei «dem Redner von Frankfurt gegenüber in Unrecht». Diese Kritik machte sich Widmann 1898 beinahe zu eigen, als er auf den Artikel zurückblickte, den er «in vorübergehender Stellvertretung des politischen Redacteurs des ,Bund‘» geschrieben hatte. Er sei damals «durch Aufdeckung von gewissen Missständen in einer Armenanstalt in eine erbitterte Zeitungsfehde und theilweise auch in Kampf mit den betreffenden Behörden gerathen» (siehe Seite 3 unten), wodurch sich «eine gewisse Gereiztheit» herausgebildet und auch im Artikel über die Kaiserrede niedergeschlagen habe.

Brahms als «Wagnerianer»

So lautete Widmanns Fazit: «Muss ich nun, nach Jahren, selbst zugeben, damals über das Ziel hinausgeschossen zu haben, wie dies übrigens einem Dilettanten auf dem heiklen Gebiet des politischen Journalismus leicht begegnen kann, so hatte der Vorfall wenigstens das eine Gute, eine schriftliche Aeusserung von Brahms über Richard Wagner’s Werke hervorzurufen, die durch die darin

implicite

ausgesprochene hohe Werthung der Wagner’schen Opern den Beweis leistet, wie unrichtig es ist, zu glauben, Brahms habe, bei allem Antagonismus der gegenseitigen Kunstprincipien, die enorme Bedeutung Wagner’s nicht begriffen oder nicht gewürdigt.»

Brahms hatte nämlich in seinem Brief die Klage über die allgemeine Kritik an Deutschland so eingeleitet: «Wenn das Bayreuther Theater in Frankreich stände, brauchte es nicht so Grosses wie die Wagnerschen Werke, damit Sie und Wendt und alle Welt hinpilgerten und sich für so ideal Gedachtes und Geschaffenes begeisterten.» Für Widmann war das «ein werthvoller Ausspruch des einen deutschen Meisters über den anderen. Bleibt auch die Thatsache, dass Brahms als Vertreter der absoluten Musik für seine Kunstausübung ganz andere Grundsätze als die Wagner’schen befolgte, selbstverständlich unerschüttert», so habe Brahms doch Wagners Werke für etwas Grosses gehalten, «auf das Deutschland stolz sein sollte». Ja, er habe sich sogar als «den besten Wagnerianer» bezeichnet, als er mit Widmann in dessen «noch vom Nachtthau feuchten Garten» spazierte.

Prophetischer Blick auf WilhelmII.

Für die heutigen Forscher ist Widmanns Artikel nicht nur wegen Brahms’ Aufbrausen bemerkenswert, sondern durchaus auch für sich selbst genommen: «Widmann bemerkte des neuen Kaisers Übereinstimmung mit der Militärfaktion in Deutschland, und fürchtete für die Zukunft. Sein Essay im Berner ,Bund‘ war der harscheste und weitsichtigste, der irgendwo in der europäischen Presse» erschienen sei, schreibt die zur Musikwissenschaft hingezogene Cellistin Styra Avins in ihrer Buchbesprechung über «Brahms und der deutsche Geist». Wie prophetisch er gewesen war, bekam der vor dem Ersten Weltkrieg gestorbene Widmann nicht mehr vollends mit.

Der zum Musikhistoriker gewordene Metallurg Nobuo Tsuchiya schreibt dem «Bund» in einem E-Mail: «Widmann had an insight into the ,WESEN‘ of the Kaiser» – und er habe diesen Einblick schon zwei Monate nach der Thronbesteigung gehabt. «Das ,WESEN‘ des Kaisers umfasste Imponiergehabe, Grossmannssucht and Parvenütum, wie von Marion Gräfin Dönhoff in ,Preussen, Mass und Masslosigkeit‘ beschrieben. Brahms dagegen hatte keinen solch durchdringenden Einblick; seine blinde Unterstützung für den Kaiser dürfte seinen nationalistischen Gefühlen zuzuschreiben sein.» Tsuchiya meint aber, es könnte mehr dahinterstecken; das sei noch zu erforschen. Man darf auf seine Studie gespannt sein. Allerdings sagt der 70-Jährige, er werde dafür wohl noch mehrere Jahre brauchen.

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