In der virtuellen Welt gibt es keine Behinderung

Beine und Hände kann sie nicht mehr bewegen. Anik Muhmenthaler ist im Rollstuhl – seit sie 12 Jahre alt ist.

Anik Mumenthaler meistert den Alltag mit einem Joystick – und dank ihrem Hund Omega. (Valérie Chételat)

Anik Mumenthaler meistert den Alltag mit einem Joystick – und dank ihrem Hund Omega. (Valérie Chételat)

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Wenn sie vor dem Computer sitzt und den Kopf leicht hin und her bewegt, schreibt sie ein E-Mail. Dafür hat sie einen silbernen Punkt auf der Stirn, der die Funktion der Maus übernimmt. «Dass ich körperlich behindert bin, hat man schon immer gesehen», sagt Anik Muhmenthaler. Auch damals, als sie noch selbstständig gehen konnte. Mit 12 Jahren war es damit vorbei. Der Tumor im Nacken drückte auf die Nerven und auch die Operation am Rückenmark führte zu keiner Verbesserung. Zuerst sei sie hoffnungsvoll gewesen. «Aber irgendwann habe ich gemerkt, dass es nicht mehr geht.»

«Hatte fast keine Kollegen mehr»

Zwei Jahre später konnte sie auch ihre Hände nicht mehr bewegen. Es folgte eine weitere Operation, da das Atemzentrum in Gefahr war. Der Spezialist in New York konnte zwar einen Teil des Tumors entfernen, aber auch nach dieser Operation war ihr Zustand schlechter als zuvor. Seither kann sie weder Beine, Füsse noch Hände bewegen. Wenn sie erzählt, tut sie das ganz nüchtern, ohne Bitterkeit oder Selbstmitleid. Anik Muhmenthaler überlegt lange: «Doch, ich musste mich schon mit meiner Behinderung abfinden», sagt sie. Das sei ihr nicht leicht gefallen. Vor allem in der Schule, die sie damals als Sechstklässlerin besuchte, sei es schwierig geworden. «Ich hatte fast keine Kollegen mehr», erzählt sie, und es fehlte ihr an Wissen im Umgang mit ihrer Behinderung.

«Raus zu kommen, tut schon gut»

Erst als sie 2002 ins Schulungs- und Wohnheim Rossfeld kam, habe sie angefangen, ihre Behinderung zu akzeptieren. Hier hat sie Freunde gefunden und konnte ihren Bildungshunger stillen. Nach einer vierjährigen KV-Lehre, die sie intern im Rossfeld absolvieren konnte, hat sie berufsbegleitend noch die Berufsmatura gemacht. «Da bin ich manchmal an meine Grenzen gekommen», sagt Muhmenthaler. Aber sie sucht immer wieder die Herausforderung. Neben ihrer Tätigkeit in der Treuhandabteilung im internen Bürozentrum macht sie eine Weiterbildung in politischer Selbstvertretung für Menschen mit einer Behinderung. «In der Schweiz ist die Behindertenbewegung noch nicht weit», findet sie und hat im Rahmen der Weiterbildung auch gleich ein kleines Projekt lanciert.

Sie will bewirken, dass die Bedienungsknöpfe im Lift bei der RBS-Station Tiefenau weiter unten montiert werden, damit Menschen im Rollstuhl den Lift alleine benutzen können. Sonst sei man immer darauf angewiesen, dass man abgeholt werde. Sowieso müsse man einen Ausflug in die Stadt, ins Kino oder ins Restaurant gut planen. «Ich kann nicht einfach sagen, heute gehe ich noch schnell weg.» Aber manchmal muss es einfach sein. «Raus zu kommen, tut schon gut.»

Ihren Alltag meistert sie mit einem schwarzen Joystick, den sie durch Kopfbewegungen steuern kann. So kann sie den Elektrorollstuhl bedienen oder Radio und Fernsehen einschalten. SMS schreiben funktioniert allerdings noch nicht über den Joystick. Dafür nimmt sie einen Holzstab in den Mund, mit dem sie die Zeichen eintippen kann. Dieser dient ihr auch zum Blättern der Seiten. Auf diese Hilfsmittel möchte sie auf keinen Fall mehr verzichten.

Genauso wenig wie auf Omega, ihren Begleithund. Er ist ihr treuster Begleiter und unterstützt sie, wo es nur geht. Beim Türenöffnen, Sachen-vom-Boden-Aufheben und auch als liebevoller Freund, der nicht von ihrer Seite weicht. «Ich nehme ihn überallhin mit», erzählt sie. Er habe den gleichen Status wie ein Blindenhund und dürfe sie sogar ins Inselspital begleiten. Da muss sie zwischendurch zur Kontrolle hin. Im Moment sei alles gut, der Tumor wachse nicht. «Ich hoffe, dass das so bleibt», sagt sie.

Sport ist ihre Leidenschaft

Anik Muhmenthaler möchte lieber über ihre Leidenschaft E-Hockey (Elektrorollstuhl-Hockey) sprechen als über ihre Behinderung. Einmal in der Woche trainiert sie und schwärmt von ihrem Trainer: «Er ist einfach genial.» Ihre Mannschaft, The Rolling Thunder aus Bern, ist letztes Wochenende zum dritten Mal in Folge Schweizermeister geworden, erzählt sie stolz. Sie ist der Goalie und wünscht sich, dass sie in der Nationalmannschaft bleiben und im November an die Weltmeisterschaft nach Italien fahren kann.

Auch wenn sie im Rossfeld sehr zufrieden ist, möchte sie irgendwann etwas anderes sehen. Zum Beispiel extern arbeiten, sagt sie, das wäre spannend. Im Moment fehle ihr einfach die Energie, Bewerbungen zu schreiben. Was ihr auch vorschwebt, ist die Gründung einer Wohngemeinschaft mit anderen Menschen, die körperlich behindert sind. Bis dahin arbeitet sie fleissig weiter, hofft auf viele Aufträge und versucht den Umgang mit dem neuen Spracherkennungsprogramm bei ihrem Computer zu optimieren. Doch das E-Mail schreiben bleibt für sie weiterhin die wichtigste Kommunikationsform mit der Aussenwelt. Konzentriert wiegt sie den Kopf und taucht ein in die virtuelle Welt, in der man ihr die körperliche Behinderung nicht ansehen kann. (Der Bund)

Erstellt: 22.06.2010, 07:55 Uhr

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