Zusammenfaltbare Flasche für Hahnenwasser ist «Kult»

Die Universität Bern erzieht die Studenten mit Kunststoffflaschen zum Trinken von Leitungswasser.

Bunt und beweglich: Rund 8000 Stück sind bereits verkauft.

Bunt und beweglich: Rund 8000 Stück sind bereits verkauft.

(Bild: Valérie Chételat)

Berner Studentinnen und Studenten leben während der Prüfungszeit nicht nur von Kaffee und Energydrinks. Wie ein Besuch auf dem Von-Roll-Campus der Universität Bern zeigt, gehört Wasser zur Standardausrüstung der Paukenden, die es sich in der Bibliothek und am Schatten gemütlich gemacht haben. Seit Februar sind an der Uni neben den Einwegflaschen auch bunte Flaschen aus dem Kunststoff Polypropylen zu entdecken, die sich zusammenfalten lassen. Zu einem reduzierten Preis für vier Franken stehen die wieder auffüllbaren Flaschen der Thuner Marke Squeasy in den Mensen zum Verkauf. Auf Twitter kursiert ein offizielles Bild von Rektor Martin Täuber mit einer solchen Flasche.

Im September 2013 verpflichtete sich die Universität Bern mit dem Zertifikat «Blue University» dazu, das Bewusstsein für den verantwortungsvollen Umgang mit Wasser zu fördern. Das Label stammt von Council of Canadian, einer kanadischen Organisation für soziale und ökologische Gerechtigkeit. Die Stadt Bern, die auch den Konsum von Leitungswasser in der Verwaltung fördert, wurde von der Organisation zur «Blue Community» ernannt.

Gruss mit der Flasche

«Wir sind überrascht vom Erfolg» sagt Doris Wastl-Walter vom Vizerektorat Qualität, welche die Flaschen an die Universität gebracht hat. Von den Studenten höre sie fast nur Lob. Es habe sich «unerwartet» ein Kult gebildet um die bunten Accessoires. «Wenn ich den Vorlesungssaal betrete, halten einige Studenten ihre Flasche in die Luft», so die Geografieprofessorin Wastl-Walter.

Die Studierendenschaft der Uni Bern (SUB) teilt mit: «Wir finden die Idee, mit den wieder auffüllbaren Flaschen den Verkauf von Flaschenwasser zu vermindern, einen guten Anfang.» Für die nachhaltige Entwicklung der Mensen brauche es aber weitere Initiativen, sagt SUB-Mitglied Luisa Jakob und verweist auf die aktuelle Debatte um vegane Menüs. Die SUB habe den Eindruck, dass das Angebot der Flaschen rege genutzt werde. Die Zahlen geben ihr recht. Wie die Uni Bern mitteilt, wurden seit Mitte Februar rund 8000 Stück verkauft.

Mineralwasserlobby bleibt gelassen

Die Mineralwasserunternehmen, die sich nach der Lancierung der «blauen» Wasserlabels in Bern öffentlich über eine angebliche «Verleumdungskampagne» beschwerten, geben sich jetzt gelassen. «Sowohl Mineral- als auch Leitungswasser haben ihre Daseinsberechtigung, sind aber zwei verschiedene Produkte», sagt Marcel Kreber, Generalsekretär des Verbandes Schweizerischer Mineralquellen und Soft-Drink-Produzenten (SMS).

Solange Leitungswasser nicht auf Kosten von natürlichem Mineralwasser «bessergeredet» werde, sehe er keinen Grund, zu protestieren. «Wir wollen nichts skandalisieren.» Der Kunde solle selbst entscheiden. Ihn stimme auch der 2013 leicht angestiegene durchschnittliche Pro-Kopf-Verbrauch von natürlichem Mineralwasser in der Schweiz zuversichtlich. Nach Angaben von SMS betrug dieser letztes Jahr 111 Liter.

Bald aromatisiertes Wasser?

Um eine Auswirkung auf den Verkauf von PET-Flaschen an der Universität Bern festzustellen, sei es noch zu früh, wie Marcus Moser, Leiter Kommunikation der Universität Bern, mitteilt: «Wir werden aber die Jahresstatistik 2014 der Betriebe analysieren.» Auf Nachfrage in einer der Unimensen gibt eine Mitarbeiterin an, dass im Frühlingssemester «schon ein Rückgang zu spüren» gewesen sei. Von den Uni-Flaschen würden jedenfalls jeden Tag mehrere verkauft.

An der Universität Bern prüfen derzeit verschiedene Stellen weitere Massnahmen zur Förderung der «Blue University». Zum Beispiel hat eine Gruppe von Studenten die Idee eingebracht, Automaten mit aromatisiertem Leitungswasser aufzustellen. «Die Idee wird geprüft; noch ist aber nichts spruchreif», so Moser.

Bei der Berner Stadtverwaltung ist man derweil zufrieden mit den Wasserkaraffen, die an internen Sitzungen und öffentlichen Anlässen zum Einsatz kommen. Regula Buchmüller, Leiterin der Abteilung Aussenbeziehungen und Statistik, berichtet, sie habe in den letzten Monaten an Sitzungen keine Mineralwasserflasche mehr gesehen. Verboten werden könne der Verkauf von Flaschenwasser zwar nicht, aber ein Bildungseffekt sei durchaus erwünscht. «Warum soll man für mit viel Energie transportiertes Mineralwasser bezahlen, wenn man gutes Leitungswasser trinken kann?», so Buchmüller. Kreber entgegnet: «Die Energiebilanz von Leitungswasser und natürlichem Mineralwasser als abgepacktes Lebensmittel lässt sich schlecht vergleichen.»

Nicht ewig haltbar

Ein Kritikpunkt an den Uni-Flaschen ist unbestritten: «Wegen der faltigen Oberfläche ist die Flasche schwierig zu reinigen», sagen mehrere Studenten. Marcus Moser verweist auf die Flaschen­etikette, auf der steht, dass die Flasche in der Geschirrspülmaschine gereinigt werden kann. Und wenn alles nichts hilft: Entsorgt wird die Kunststoff-Flasche am gleichen Ort wie Milchflaschen.

DerBund.ch/Newsnet

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