Zukunft der Fahrenden liegt vielleicht im zweiten Stock

Ein neue Idee belebt die Debatte: Vielleicht lässt sich die Platznot auf dem Standplatz für Jenische und Sinti durch Aufstockungen lösen.

Beim Standplatz Bern-Buech wird über eine Aufstockung nachgedacht. Somit würde sich die Platznot lösen lassen.

Beim Standplatz Bern-Buech wird über eine Aufstockung nachgedacht. Somit würde sich die Platznot lösen lassen.

(Bild: Adrian Moser)

Marc Lettau

Es fühlte sich am Sonntag an wie eine Feckerchilbi im Taschenformat: Der Rauch des Lagerfeuers vermischte sich mit dem Duft von Raclette und Apfelküchlein. Und der Musik gelang es ziemlich gut, das Grundrauschen der nahe gelegenen Autobahn zu übertönen. Kurz: Der von Sinti Schweiz deklarierte Tag der offenen Tür auf dem Standplatz für Jenische und Sinti beim Weiler Buech war eine durchaus sonnige Sache – sowohl in meteorologischem wie auch in übertragenem Sinne.

Entschärfte Spannungen

Das Stimmungshoch war allerdings nicht allein auf die zahlreichen Neugierigen zurückzuführen, die am Sonntag ihr Interesse am Standplatz zeigten. Ein Anflug von Euphorie macht sich unter den Jenischen und Sinti derzeit auch breit, weil ein mögliches Ende des Konflikts mit Immobilien Stadt Bern (ISB) in Sicht ist respektive ein Ansatz zur Entschärfung der akuten Platznot im arg überbelegten Winterquartier der Fahrenden.

Bislang drohten die ISB, per Zwangsräumung gegen die in der Siedlung fortschreitende Verdichtung vorzugehen. Im Hinblick auf den Tag der offenen Tür machte sich aber Gemeinderat Alexandre Schmidt (FDP) – ihm ist ISB unterstellt – erstmals selber vor Ort ein Bild der Lage, was die Buech-Gemeinschaft als Tauwetter interpretiert.

Der Präsident der Radgenossenschaft, Daniel Huber, und der Präsident der Sinti Schweiz, Fino Winter, sagten am Sonntag übereinstimmend, Schmidt habe keineswegs die kompromisslose Position von ISB vertreten. Zu Winters grosser Verwunderung habe Schmidt vielmehr «konstruktive Übergangslösungen» skizziert.

Schmidt denkt ans Aufstocken

Neu ist etwa die Idee, künftig eine maximale Bauhöhe von fünf Metern zu erlauben. Das zöge die Möglichkeit nach sich, einige der Bauten auf dem Standplatz aufzustocken und jungen Familien so eine zumindest provisorische – und legale – Wohnmöglichkeit zu bieten. Zudem zeichnet sich entgegen den bisherigen Beteuerungen aus Schmidts Direktion die Möglichkeit für eine kleine Ausweitung des Standplatzes in Richtung Osten ab.

Für Fino Winter bleibt freilich der Kern des Problems, dass im ganzen Kanton Bern immer noch deutlich zu wenig Standplätze vorhanden seien. So verunmögliche man ausgerechnet den jungen fahrenden Familien, ihre Lebensweise weiterzuführen, obwohl die offizielle Schweiz stets vorgebe, genau diese Lebensweise schützen zu wollen.

Zankapfel Schulpflicht

Auf der Agenda der Jenischen und der Sinti in Buech steht die Platznot klar zuoberst. Auf der Prioritätenliste der Behörde figuriert hingegen das Stichwort «Schulbesuch» stets weit vorne. So zitierte die «SonntagsZeitung» in ihrer gestrigen Ausgabe die Berner Schulamtleiterin Irene Hänsenberger mit der Aussage, sie werde die Schulkommission anweisen, Jenische und Sinti, die ihre Kinder nicht zur Schule schickten, wieder zu sanktionieren.

Vor einem Jahr habe man sich entschieden, auf Bussen zu verzichten. Doch dieses Experiment sei gescheitert. Gleichzeitig glaubt Hänsenberger an die bessere Zukunft und propagiert ein neues Lernkonzept: Den Schulpflichtigen sollen kostenlos Laptops mit Internetzugang zur Verfügung gestellt werden: «Damit erhoffen wir uns, dass die Aufgaben konsequenter zurückgeschickt werden als bisher.»

Schulprobleme der anderen Art

Platzchef Fino Winter stellt nicht in Abrede, dass einige wenige Familien mit der Schulpflicht etwas zu nachlässig umgingen. Er sehe aber beim besten Willen nur «wenige Einzelfälle». Auf die Bitte, das viel zitierte «Schulproblem» der Jenischen und Sinti zu quantifizieren, bestätigte am Sonntag auch Schulamtsleiterin Hänsenberger: «Es geht um Einzelfälle.»

Gerade weil es keine generelle Schulverweigerung gebe, sei die Wiedereinführung von Bussen «keine gute Idee», sagt Winter. Bussen trügen nichts zur Motivation bei. Nötig sei ein sorgsamer Dialog und die gemeinsame Lösungssuche. Keck schlägt er vor, auf dem Standplatz selbst zu unterrichten, zumal Buech nicht an den öffentlichen Verkehr angeschlossen sei: Der Schulbesuch werde allein schon deshalb erschwert.

Aus der Sicht der Dachorganisation der Jenischen und der Sinti gehört das Thema Schule unbedingt auf den Tisch. Nur sehe er «Schulprobleme ganz anderer Art», sagt Daniel Huber. Das schweizerische Schulsystem ignoriere die Jenischen und die Sinti: «Sie kommen in dem von der Schule vermittelten Stoff nirgends vor.» Und die Schule vermöge auch nicht auf die Sprache der Jenischen und der Sinti einzugehen.

Das trage zu einem permanenten Distanzgefühl bei, das es zu überwinden gelte. Gar kein Problem hat Huber mit der Idee, Laptops einzusetzen. Besonders während der Reisemonate sei dies ein guter Ansatz: «Ein weit besserer, als Lehrkräfte auf Durchgangsplätze zu schicken.»

Der Bund

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