Zerbrochener Schütze kehrt als Original zurück

Nach Debakel bei der Demontage des Schützenbrunnens in der Marktgasse zieht die Stadt Konsequenzen.

Bildhauer Richard Wyss mag «heikle Operationen»: Er setzt die 471-jährige Schützenfigur wieder zusammen.

Bildhauer Richard Wyss mag «heikle Operationen»: Er setzt die 471-jährige Schützenfigur wieder zusammen. Bild: Manu Friederich

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Aus den Beinen ragen dicke Eisenstangen. Auf dem Kopf, in einem Stahlgerüst festgezurrt, steht die entzweigebrochene Figur des Schützenbrunnens. Die abgebrochenen Füsse des 471 Jahre alten Schützen und die Bärenpfoten hängen an einer schweren Eisenkette im Atelier von Richard Wyss.

«Meine Spezialität sind heikle Operationen», sagt der Bildhauer. Doch schon bald wird der Venner wieder aufstehen. Die Figur des Schützenbrunnens kehrt in den nächsten Wochen als Original in die Marktgasse zurück und verschwindet nicht wie bisher kommuniziert im Museum.

Malheur bei Demontage

Die Figur hat schon einiges erlebt. Bei der Demontage des Schützenbrunnens brach im April 2013 die Skulptur des Venners wie auch der Bär entzwei, nur Füsse und Pfoten blieben auf dem Sockel zurück. Ironischerweise sollte der Brunnen damals entfernt werden, um ihn vor den Bauarbeiten der Marktgasse-Sanierung zu schützen. Die beiden Figuren des Bildhauers Hans Gieng stammen aus dem 16. Jahrhundert. Nach diesem Malheur liess die Stadt erst Monate später verlauten, dass bis Ende 2014 eine Kopie der Skulptur angefertigt werde und der reparierte Venner ins Museum komme.

In der Zwischenzeit haben die Verantwortlichen ihre Pläne geändert. «Die restaurierte Originalfigur kehrt auf den Brunnenstock der Marktgasse zurück, wir sehen von einer Kopie ab», sagt Jennifer Luginbühl von Hochbau Stadt Bern auf Anfrage. Umfangreiche Abklärungen von Steinbildhauern, Denkmalpflege und Restauratoren hätten ergeben, dass die Figur auch für die Aufbewahrung im Museum aufwendiger als zuerst angenommen hätte restauriert werden müssen. «Wir sehen zudem lieber Originale als Kopien auf den Brunnen­sockeln», sagt Denkmalpfleger Jean-Daniel Gross. Das dürfte auch die Steuerzahler freuen, denn eine Kopie hätte nicht weniger als 300'000 Franken gekostet. Die Kosten für die Restaurierung veranschlagt die Stadt lediglich auf etwa 25'000 Franken. Wer für den Schaden aufkommen muss, ist noch offen. «Die Verhandlungen zwischen den Versicherungen laufen noch», sagt Luginbühl.

Nach dem Zwischenfall hatte es Kritik gegen die damaligen Stadtbauten und die ausführende Baufirma gehagelt. «Die Demontage entsprach nicht professionellen Standards. Das ist ignorant gegenüber den Artefakten im öffentlichen Raum», sagte damals Bernd Nicolai, Direktor des Instituts für Kunstgeschichte an der Universität Bern. Auch Bildhauer Wyss spricht von einer «Verknüpfung einer Kette von grobfahrlässigen Fehler.

Stadt zieht Konsequenzen

Die Figur wurde damals mit einem Kran weggehoben, der auf einem Lastwagen montiert war. Dabei entstand zu viel «Zug», die Figur brach an der schwächsten Stelle entzwei. Die Stadt zieht Konsequenzen aus dem Debakel: «Bei Figurenbrunnen werden in Zukunft Firmen bevorzugt, die eine spezielle Vorrichtung zur Sicherung der Figuren vorweisen können», führt Luginbühl aus.

Damit bestätigt sie indirekt, dass die damalige Baufirma unsachgemäss ans Werk gegangen ist. «Der Schaden hätte leicht vermieden werden können, das tut mir weh», sagt Wyss. Eine Demontage erfordere viel Vorbereitungszeit und Fingerspitzengefühl. Der Bildhauer lässt jeweils ein Gerüst um die Brunnen aufstellen und hebt die Figuren von Hand mit einem Kettenzug an. «Das ist Millimeterarbeit», sagt der 59-Jährige.

Bis zur Hüfte gebohrt

Seit einem Monat steht das «Unfall­opfer» im Atelier des Bildhauers am Wohlensee. Um die Statik des Schützen zu verbessern, hat Wyss zusammen mit seiner Frau eine 100 Zentimeter lange gebogene Eisenstange in die Figur eingesetzt. «Mit einem Hohlbohrer musste ich dazu fast bis zur Hüfte vordringen. Da war ich natürlich schon etwas angespannt.» Für dieses Unterfangen musste er eigens einen Spezialbohrer anfertigen lassen.

Die Restaurierung des Venners sieht er aber nicht als besonders schwieriges Unterfangen, denn in den letzten 30 Jahren hat er in Bern diverse Altstadtbrunnen mitrestauriert, so etwa den Gerechtigkeits-, Zähringer-, Bärenplatz-, Simson-, Läufer- und Pfeiferbrunnen. Viele von ihnen hat ursprünglich der Bildhauer Hans Gieng geschaffen. «Ich hoffe nun, dass nicht nur der Schützenbrunnen für weitere 500 Jahre auf dem Sockel steht», sagt Wyss. Wenn der Fähnrich in den nächsten Wochen wieder in der Marktgasse steht, wird schon wieder ein Gerüst um ihn herum gebaut: Dann bekommt sein Kostüm einen neuen Farbanstrich. (Der Bund)

Erstellt: 24.07.2014, 07:05 Uhr

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Der Schützenbrunnen

Der Schützenbrunnen Malheur während der Marktgasse-Sanierung: Die Brunnenfigur des Schützenbrunnes wurde zerstört.

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