«Zehn Minuten später sass ich in einer Klasse»

Vor 50 Jahren überrollten sowjetische Panzer die Tschechoslowakei. Zdenek Sulc flüchtete damals in die Schweiz. Sein Sohn und «Bund»-Redaktor Adrian Sulc fragt ihn, wie er in Bern aufgenommen wurde.

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Wo warst du, als am 21. August 1968 die Truppen des Warschauer Pakts in der Tschechoslowakei einmarschierten?
Ich war auf dem Land, bei der Hopfenbrigade.

Hopfenbrigade?
Im Sozialismus mussten alle Mittelschüler im Sommer bei der Hopfenernte helfen. Unser Lehrer weckte uns morgens um sechs und teilte uns mit, dass russische Panzer in der Nähe seien.

Du warst damals 15 Jahre alt. Wie hast du reagiert?
Niemand von uns Jungen konnte sich unter Okkupation etwas vorstellen. Der Lehrer meinte nur, dass es wohl so ähnlich sein werde wie unter den Deutschen im Zweiten Weltkrieg. Wir müssten also weiterhin zur Schule gehen – und wer nicht lerne, falle weiterhin durch. Die ganze Ernte wurde abgebrochen, und wir fuhren nach Hause. Erst später sah ich in Prag die ausgebrannten Panzer und Busse auf den Strassen.

Wie muss man sich das tägliche Leben im Kommunismus vorstellen?
Uns ging es materiell wohl etwas weniger gut als in der DDR, aber nicht schlecht. Es gab manchmal auch Bananen und Orangen. Man konnte innerhalb des Ostblocks oder nach Jugoslawien reisen. Aber ich spürte die Unfreiheit: Wir konnten nur schwer in den Westen reisen – und wir durften unsere freie Meinung nicht äussern.

Hast du vor dem sowjetischen Einmarsch etwas vom Prager Frühling – also vom Versuch, den Kommunismus zu reformieren – mitbekommen?
Ja, und wie. Zum Beispiel forderte ein Schriftsteller in einer Diskussionssendung im Fernsehen die Abschaffung der Zensur. Mir und vielen anderen wurde erst deshalb bewusst, dass wir eine staatliche Zensurstelle hatten. Es wurde zu einer öffentlichen Diskussion, und der Druck wurde so gross, dass die ­Zensur nach drei Monaten abgeschafft wurde. Plötzlich hatten wir freie Meinungsäusserung und eine freie Presse.

Materiell ging es euch ja nicht schlecht. Weshalb seid ihr eigentlich geflohen?
Aus Überzeugung. Meine Eltern hätten es wohl ausgehalten, im Land zu bleiben. Ich sagte mir schon vor dem Einmarsch der Russen, dass ich mit 18 das Land verlassen werde. Zudem wurde mein Bruder gewarnt, dass er als Mitglied einer unabhängigen Studentenorganisation auf einer schwarzen Liste stehe und ihm Verhaftung und Ausschluss vom Studium drohten. Er hatte ein Stipendium der Universität Bern erhalten und reiste bereits wenige Tage nach dem Einmarsch der Russen in die Schweiz.

Dann seid ihr wegen deines Bruders nach Bern gekommen?
Ja, sonst wären wir wohl nach Deutschland oder Österreich gegangen. Mein Vater erzählte uns bereits früher: Die Schweizer sind die fähigsten Leute. Sie haben keine Bodenschätze, aber sie importieren Stahl für eine Million, machen daraus Uhren und verkaufen diese für zehn Millionen.

«Ich habe mich ­gewundert, weshalb überall Konfetti herumlagen»

Wie hast du dir den Westen vorgestellt?
Ich wusste: Hier ist man frei, man kann tun, was man will. Mein Bruder hatte bereits vor dem Einmarsch der Russen Reisen in den Westen unternommen, dank ihm kannte ich die Beatles. Was mich dann aber überrascht hat, war die Selbstverantwortung, die man hier übernehmen muss. Man ist verantwortlich für seinen Verdienst, seine Versicherungen, die Steuern und so weiter. Wenigstens sprachen meine Eltern gut Deutsch. Ich hatte es in der Schule gelernt, konnte mich also rudimentär verständigen.

Eure Flucht war unspektakulär: ­Direktflug mit der Swissair von Prag nach Zürich. Gab es Probleme?
Nein, denn wir hatten eine Einladung von einer Schweizer Familie, die mein Bruder kennen gelernt hatte und die für uns bürgte. Dank dieser Einladung und Bekanntschaften meines Vaters und wohl auch dank etwas Schmiergeld haben wir eine Ausreisebewilligung erhalten.

Aber ihr hattet nur ein Ferienvisum.
Ja, entsprechend mussten wir unverdächtig packen: Dinge wie Schulzeugnisse, Winterkleider und Duvets mussten wir zu Hause lassen.

Gab es einen Moment der Erleichterung, als das Flugzeug abhob? Gar Jubel?
Überhaupt nicht. Die meisten der Passagiere waren nicht auf der Flucht – und das Flugzeug hätte ja noch umkehren können. Wir haben die Ausreise erst am Zürcher Hauptbahnhof gefeiert, bevor wir den Zug nach Bern nahmen: Wir kauften für teures Geld an einem Stand Wienerli und Brötchen.

Was war dein erster Eindruck von der Schweiz?
Ich wusste, dass die Schweizer ordnungsliebend sind. In Bern habe ich mich gewundert, weshalb überall Konfetti herumlagen. Was ich nicht wusste: Am Vortag war Zibelemärit.

Wo habt ihr am Abend übernachtet?
Mein Bruder hatte in Thörishaus bereits eine Wohnung für uns gemietet. Darin stand einzig ein alter Küchentisch, und am Boden lagen ein paar Matratzen. Am nächsten Tag gingen wir in Köniz zur Fremdenpolizei und beantragten Asyl.

Habt ihr schnell Arbeit gefunden?
Ja, es war Hochkonjunktur. Mein Vater erhielt eine Stelle als Direktionsassistent beim Kursaal, wechselte aber bald als Buchhalter zu einer kleinen Firma in Bümpliz. Meine Mutter fand eine Anstellung als Buchhalterin. Was ich jedoch erst später gemerkt habe: Sie arbeiteten jahrelang zu Tiefstlöhnen. Meine Eltern gehörten zur Kriegsgeneration, waren auf Sicherheit bedacht und froh, dass sie eine feste Stelle hatten.

Meine Mutter erzählte mir, in den 70er-Jahren seien ihre linken WG-Mitbewohner dir gegenüber recht skeptisch gewesen – weil du den Kapitalismus dem ­Kommunismus vorgezogen hast.
Ich ging Diskussionen mit diesen Leuten aus dem Weg. Ich konnte nicht glauben, dass sich hier im Westen jemand ernsthaft für die kommunistische Idee begeistern kann und dass es hierzulande eine kommunistische Partei gibt.

Du sprichst heute eine Mischung aus Hochdeutsch und Berndeutsch. Wie nehmen dich die Schweizer wahr?
Ich kann mich nicht erinnern, dass ich einmal angefeindet worden wäre – oder ich habe es verdrängt. Die Jahre in Bern nach der Flucht waren die schönsten. Überall wurde ich zuvorkommend behandelt, auch von den Behörden. Zuerst wollte ich eine Lehre machen, dann doch ein Studium. Mein Vater ging mit mir ins Büro des Rektors des Gymnasiums Bern-Neufeld – und zehn Minuten später sass ich in einer Klasse.

Hast du dich hier rasch integriert?
Ja, nach einem halben Jahr verstand ich Berndeutsch.

Aber mir fällt auf: Die meisten deiner Freunde hier in Bern sind Tschechen. Und du hast in zweiter Ehe eine Tschechin geheiratet.
Das ist halt der Weg des geringsten Widerstands: Wenn man in eine fremde Kultur kommt, tut man sich zusammen. Wir sind aber nicht alle zusammen ins gleiche Haus oder Quartier gezogen. Wir treffen uns einfach regelmässig zum Bier. Die Tschechen sind ein Kneipenvolk.

Die Tschechen haben dieses Jahr ihren populistischen Präsidenten im Amt bestätigt – wie erklärst du dir das?
Viele Leute haben sich seit Kommunistenzeiten mental nicht gross bewegt. Sie sind nicht an Fremde gewöhnt, und sie sind sehr auf ihre Unabhängigkeit und Freiheit bedacht. Präsident Milos Zeman weiss dies auszunutzen.

Ich beobachte aber auch in deinem tschechischen Freundeskreis in Bern immer wieder: Da sind einige deutlich rechter als die SVP . . .
Ja . . . Wer die Position vertritt, dass islamische Einwanderung schlecht für die Schweiz ist, steht automatisch dort. Ich glaube aber nicht, dass die Mehrheit der tschechischen Emigranten rechts der SVP steht.

Der Widerspruch ist doch offensichtlich: Einst waren sie selbst Flüchtlinge – und nun hetzen sie gegen diese.
Die Tschechen betrachten sich nicht als Flüchtlinge, da sie aus dem gleichen Kulturkreis stammen. Sie sind stolz darauf, dass sie sich hier angepasst und Verantwortung für sich übernommen haben. Die Haltung der Populisten kommt bei ihnen gut an.

Du bist seit Jahresbeginn pensioniert, und man hat das Gefühl, du bist öfters in Prag als in Bern. Denkst du daran, wieder auszuwandern?
In Prag bekomme ich mehr für mein Geld, ich verstehe die Sprache – und ich kehre immer wieder gerne dorthin zurück, wo meine Kindheitserinnerungen sind. Wo ich meine Papiere habe, ist eigentlich egal – mit dem Auto liegen Bern und Prag nur sieben Stunden auseinander.

Hast du es mal bereut, in die Schweiz gekommen zu sein?
Nein, nie.

Gar nie?
Gar nie. Im Gegenteil: Ich schrieb meiner alten Klasse in der Tschechoslowakei, dass mich der Einmarsch der Russen heimlich freue – da ich sonst nicht in die Schweiz gekommen wäre. Später erfuhr ich, dass die Lehrerin damals den Brief der Klasse vorgelesen hatte und deswegen fast ihre Stelle verloren hätte. (Der Bund)

Erstellt: 21.08.2018, 06:34 Uhr

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Zdenek Sulc

Zdenek Sulc wurde 1952 in Prag geboren und wuchs in verschiedenen Ortschaften in der Tschechoslowakei auf, da sein Vater als Hoteldirektor arbeitete. Nach der Flucht nach Bern und der Matura studierte er an der ETH Elektrotechnik und arbeitete danach als Programmierer, die letzten 15 Jahre für die MST Systemtechnik AG in Belp. Er wurde 1984 eingebürgert. Sein Vater starb bereits 1971, seine Mutter lebt heute in einem Pflegeheim bei Bern.

Für viele ein prägendes Erlebnis

Der Einmarsch der sowjetischen Truppen in der Tschechoslowakei warf auch in Bern hohe Wellen: Bereits am 21. August veranstalteten Schüler vor der sowjetischen Botschaft am Brunnadernrain einen Sitzstreik. Am Tag darauf fand auf dem Bundesplatz eine überparteiliche Grossdemonstration gegen die Besetzung statt. Gemäss Polizeirapport nahmen daran rund 20'000 Menschen teil. Hauptreferent war Stadtpräsident Reynold Tschäppät.

Unter den Teilnehmern fand sich auch Stadtpräsidenten-Sohn Alexander, damals Schüler am Gymnasium Kirchenfeld. Alexander Tschäppät hatte ein Megafon aus dem Fundus der Stadtverwaltung mitgenommen. «Nach der offiziellen Kundgebung rief er dazu auf, auszuscheren und Richtung sowjetische Botschaft zu marschieren», heisst es in der 2016 erschienenen Biografie über die Familie Tschäppät. Es kam zu Ausschreitungen, Tränengaspetarden flogen durch die Luft.

Wimpel und «Dubcek, Svoboda!»

Neben den «Dubcek, Svoboda!»-Rufen an den Kundgebungen - die Namen der beiden tschechoslowakischen Reformer - sind vielen, die damals dabei waren, auch die Wimpel in den tschechoslowakischen Farben Blau-Weiss-Rot in Erinnerung geblieben. «Der Einmarsch in Prag war das prägende Erlebnis vieler damals 16- bis 25-Jähriger», sagt Rita Jost, Mitautorin des Buches «Revolte, Rausch und Razzien».

Mindestens 130'000 Menschen verliessen die Tschechoslowakei nach der Niederschlagung des Prager Frühlings. 11973 von ihnen kamen in die Schweiz. «Die offene Asylpolitik war einerseits Ausdruck des Antikommunismus in der Schweiz der Nachkriegszeit, andererseits konjunkturbedingt», heisst es im «Historischen Lexikon der Schweiz».

Von den Flüchtlingen verfügten 56 Prozent über einen Hochschulabschluss. Unter den tschechoslowakischen Emigranten befanden sich viele Kulturschaffende. Nach Bern kamen etwa der Plastiker, Grafiker und Konzeptkünstler Vaclav ­Pozarek und der Theaterregisseur und Komponist Jiri Ruzicka.

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