Wo die Musik nicht mehr spielt

Wegen Lärmbeschwerden muss die Brasserie Lorraine die «Sommerkonzerte» ins Innere verlegen. Selbst die Stadtbehörden hadern mit ihrem Ruf als Kulturverhinderer.

Im Garten der Brasserie Lorraine gibt es ab sofort keine Sommerkonzerte mehr.

Im Garten der Brasserie Lorraine gibt es ab sofort keine Sommerkonzerte mehr. Bild: Franziska Rothenbühler

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Er hat es schon in mehrere Reiseführer geschafft: Der «Garten» der Brasserie Lorraine. Im Schatten der beiden Kastanienbäume lässt sich gut plaudern, jassen und auf das Servicepersonal warten. Rappelvoll ist er jeweils montags, wenn die «Sommerkonzerte» stattfinden. Oder besser: stattfanden. Denn obwohl die Konzerte (fast) immer pünktlich um 22 Uhr endeten, haben die Behörden der Veranstaltungsreihe nun – acht Jahre nach Beginn – den Stecker gezogen. Aufgrund von Lärmbeschwerden aus der Nachbarschaft müssen die weiteren, bereits gebuchten Bands im wenig sommerlichen Inneren der Beiz auftreten.

Die Betreiberschaft der Brasserie ist konsterniert. «So zerfällt das Konzept, im Freien unter den Bäumen und den Lichterketten Musik zu geniessen», teilt das Kollektiv in einer Stellungnahme mit, was gerade den Charme der Konzerte ausgemacht habe. Das Betreiber-Kollektiv betont zudem, dass die Brass im Quartier gut verankert sei und sich das Publikum der Sommerkonzerte aus «allen Altersstufen und sozialen Gruppen» zusammensetzte. Dies nicht zuletzt, weil für die Konzerte keinen Eintritt verlangt wird. Wer will, kann mit einer freiwilligen Spende der Band zu einer kleinen Gage verhelfen.

Arbeitsfrust bei Behörden

Auslöser für das neue Regime war laut Brasserie ein Konzert, das erst um 22.20 Uhr endete: «Das war wohl ein gefundenes Mahl für diejenigen, die endlich ‹Ruhe und Ordnung› im Quartier walten lassen wollen.» Allerdings: Wie Norbert Esseiva, Leiter Orts- und Gewerbepolizei Stadt Bern, auf Anfrage ausführt, waren auch die pünktlich endenden Open-Air-Konzerte gar nie bewilligt worden und somit nicht regelkonform. «Wir haben erst wegen der jüngsten Beschwerden Kenntnis von diesen Veranstaltungen erhalten», sagt er.

Dass es für solche Konzerte unabhängig der Uhrzeit überhaupt eine Bewilligung bedarf, hat das «Brass»-Kollektiv nach eigenen Angaben erst aufgrund der jüngsten Episode von den Behörden erfahren. Ein Bewilligungsgesuch wäre jedoch auch nicht die Lösung gewesen. Denn für Veranstaltungen in bestuhlten Aussenräumen erteilt die Orts- und Gewerbepolizei einem Gastrobetrieb in der Praxis höchstens einmal jährlich eine Bewilligung, «etwa für eine Jubiläumsfeier», wie Esseiva sagt.

Kulturleichen im Keller

Die Brasserie Lorraine ist kein Einzelfall. Immer wieder sorgen Lärmkonflikte für Diskussionen. Am letzten Donnerstag musste kurz nach 19 Uhr ein Konzert im Rahmen des Parkonia-Festivals im Kocherpark beendet werden. Die Veranstalter überlegen sich nun, den Bettel hinzuschmeissen. Auch vor der Fussball-WM sorgte eine Weisung der Orts- und Gewerbepolizei für Empörung, welche den Beizen verbot, die Spielanalysen mit Ton zu übertragen. Unvergessen bleibt die Episode um das Sous-Soul, welches 2011 aufgrund Lärmbeschwerden einer zugezogenen Nachbarin schliessen musste – und mit ein Auslöser für das erste grosse «Tanz dich frei» war, das Tausende Jugendliche auf die Strasse lockte.

Als Kulturverhinderer möchte die Orts- und Gewerbepolizei trotzdem nicht gelten. «Wir müssen die Gesetze anwenden, die andere machen», sagt Esseiva – und lässt durchblicken, dass er selber einer Lockerung der Bestimmungen nicht abgeneigt wäre. Auch die Betreiber der Brasserie schreiben, dass sie die Behörden als «respektvoll und sogar wohlwollend» erlebten. «Zum Teil schienen sogar die einzelnen Kontaktpersonen selbst unzufrieden mit ihrer Aufgabe, jegliches Lebenszeichen in der Stadt zum Schweigen zu bringen.»

Lorraine als Start-up-Wüste

Das ungute Gefühl einzelner Mitarbeiter der Behörde ändert indes nichts an den Rahmenbedingungen. Jedoch beschäftigt die Thematik auch die Politik. Im Berner Stadtrat sind mehrere Vorstösse hängig, die eine liberalere Gangart mit Kulturveranstaltungen fordern. Allzu grosse Hoffnungen dürfen sich Veranstalter und Publikum aber nicht machen. Die meisten restriktiven Vorgaben fussen auf Kantons- oder Bundesgesetz und lassen sich auch vom Stadtparlament nicht einfach ändern.

Das «Brass»-Kollektiv sieht pessimistisch in die Zukunft. «Bald wird das Lorrainequartier in eine Wüste von Start-up-Unternehmen, Exklusiv-Lädeli, Luxuswohnungen, Kunstgalerien und In-Beizli verwandelt sein», heisst es in der Stellungnahme. Das sei eine «logische Konsequenz der Aufwertungspolitik der letzten Jahre» und betreffe nicht nur die Lorraine, sondern ganz Bern «wie auch die anderen rot-grün-regierten Städten der Schweiz». (Der Bund)

Erstellt: 03.08.2018, 06:42 Uhr

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