«Wir kämpfen für den guten Ruf der Insel»

Pierre Alain Schnegg (SVP) will, dass sich Berns Inselspital für den Wettbewerb besser positioniert. Der Betrieb habe sich zu sehr mit sich beschäftigt. Daher habe der Kanton interveniert.

Das Berner Inselspital steht unter neuer Führung – und vor grossen Herausforderungen.

Das Berner Inselspital steht unter neuer Führung – und vor grossen Herausforderungen. Bild: Adrian Moser

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Herr Schnegg, gemäss «Bund»-Recherchen haben Sie sehr früh im letzten Jahr im Inselspital Probleme entdeckt und darauf gedrängt, den ehemaligen Chef des Pharmaunternehmens CSL Behring, Uwe Jocham, im Inselspital zu installieren. Richtig?
Der Kanton Bern ist Eigentümer verschiedener Spitäler. Er trägt damit die Verantwortung. Da ist es wichtig, sich regelmässig damit zu befassen, ob es Probleme gibt. Wenn wir Handlungsbedarf sehen, müssen wir unterstützend eingreifen. Gouverner, c’est prévoir. Regieren bedeutet, frühzeitig hinzuschauen. Dazu gehört, bezogen auf die Insel, alle möglichen Optionen zu analysieren.

Es war also Ihr Plan, die Führung bei der Insel auszuwechseln und mit Herrn Jocham neu zu besetzen?
Wir haben Optionen analysiert. Wenn Sie das als Plan bezeichnen wollen, bitte. Klar ist: Seit meinem Antritt als Gesundheits- und Fürsorgedirektor habe ich eng verfolgt, was im Inselspital passiert. Anfang Sommer des letzten Jahres haben wir zur Kenntnis genommen, dass Herr Jocham seinen Posten bei der CSL Behring abgibt. Da haben sich meine Regierungskollegen Bernhard Pulver, Christoph Ammann und ich entschieden, uns mit Herrn Jocham für ein Gespräch zu treffen. Immerhin ist Jocham eine Person, die sich während Jahren stark für den Wirtschaftsstandort Bern engagiert hat. Dies war der Ausgangspunkt, der schliesslich zum Entscheid geführt hat, Herrn Jocham als Verwaltungsratspräsidenten zu wählen.

War es für Sie auch von Anfang klar oder zumindest eine Option, dass Herr Jocham zugleich operativer Chef (CEO) der Insel werden soll?
Wie ich schon der «Berner Zeitung» sagte, habe ich Herrn Jocham nie als CEO gewählt. Nur der Verwaltungsrat kann das. Und ich hatte diesbezüglich nie Kontakt mit dessen Mitgliedern.

Nun ist Herr Jocham aber CEO der Insel geworden und hat, zumindest vorübergehend, ein heikles Doppelmandat. Ist Ihnen das wichtig?
Nein. Das ist gar nicht der Hauptpunkt. Wichtig ist für mich, dass wir in der Insel eine starke Führung bekommen. Jocham wird nicht Präsident bleiben. Jetzt wird diskutiert, wie wir einen neuen Präsidenten finden können. Dafür gibt es einen Prozess im Regierungsrat. Wir haben Jocham den Auftrag gegeben, uns bis Ende März eine Analyse vorzulegen. Diese wird auch hilfreich sein, wenn es darum geht, das Anforderungsprofil für das neue Verwaltungspräsidium festzulegen. Es braucht eine starke Führungspersönlichkeit, die gute Kenntnisse in verschiedenen Bereichen hat: Management, Spitallandschaft, Bauwesen, Universität. Gerade Letzteres ist wichtig, weil die Spitäler eng mit der Universität verknüpft sind. Wenn es zugleich eine Berner Persönlichkeit sein könnte, wäre das aus meiner Sicht optimal, auch wenn es nicht das entscheidende Kriterium sein kann. Denn die Identifikation der Bernerinnen und Berner mit dem Inselspital hat in den letzten Jahren abgenommen.

Herr Jocham könnte aber auch nur einfaches Verwaltungsratsmitglied werden. Auch dies wird von Politik und Gesundheitsexperten kritisiert. Wie stehen Sie dazu?
Einerseits hat eine solche Doppelfunktion Nachteile, andererseits aber auch Vorteile. Der Regierungsrat wird das entscheiden.

Aber was ist Ihre Meinung dazu?
Ich habe noch keine. Es wird aber auch davon abhängen, was Herr Joacham in seiner Analyse feststellt. Auch müssen wir berücksichtigen, wie sich der Verwaltungsrat künftig zusammensetzten wird. Die Situation ist daher eine völlig neue als noch im letzten Jahr.

Was ist in der Insel so problematisch, dass es die Intervention des Regierungsrats braucht?
Wenn eine Institution sich mehr um interne Abläufe kümmert statt um das Externe, wenn sich ein Gremium mehr mit sich selber beschäftigt, dann ist das ein Zeichen für mich, dass eventuell etwas nicht stimmt.

Was meinen Sie damit?
Es gab ja diese Episode mit dem Pflegebereich der Insel, der nicht mehr auf Direktionsebene hätte vertreten sein sollen. Hier wurde zu Recht kritisiert, dass ausgerechnet das grösste Team von Entscheidungen ausgeschlossen würde. Solche internen Diskussionen kann sich ein Betrieb nicht leisten. Zudem hat man gemerkt, dass die Fusion immer noch stark belastend auf die Leute wirkt. Es braucht einen grundsätzlichen Wechsel. Auch haben gewisse Zahlen gezeigt, wie die Insel im Vergleich zu anderen Universitätsspitälern dasteht. Für mich waren das Warnzeichen.

Steht das Inselspital im Vergleich zu anderen Spitälern nicht gut da?
Um die hoch spezialisierte Medizin gibt es harte Auseinandersetzungen. Noch steht die Insel gut da. Aber wir können nicht abwarten. Die Insel gehört in die Topliga und muss auch dort bleiben.

Muss sich das Inselspital mehr spezialisieren?
Vielleicht ja. Das kann ich aber nicht vom Regierungstisch aus beurteilen.

Was glauben Sie persönlich?
In der Herzmedizin hat das Inselspital sehr gute Leute und einen sehr guten Leistungsausweis. Vielleicht könnte es noch mehr machen in diesem Bereich. Es ist auch sehr gut in der Neurochirurgie und auf anderen Gebieten, aber auch auf Feldern, die auf den ersten Blick weniger prestigeträchtig sind. Ich denke da an die Palliativpflege und die Geriatrie. Hier gibt es wichtige Herausforderungen, deren sich auch das Inselspital verstärkt annehmen sollte.

Dann soll sich die Insel in diesen Bereichen spezialisieren?
Das sage ich nicht. Aber wir müssen uns bewegen, wenn wir unsere Position halten wollen. Die anderen machen uns keine Geschenke. Wenn der Bund im schweizerischen Medizinalbereich weiter konzentrieren will, habe ich nichts dagegen. Dann müssen wir in Bern aber von dieser Konzentration profitieren. International hat die Insel einen ausgezeichneten Ruf. Ausgerechnet in Bern wird sie oft kritisiert. Wir müssen weiter für den guten Ruf der Insel kämpfen.

Und das macht nun Herr Jocham?
Er ist eine starke Führungspersönlichkeit mit grosser Erfahrung. Er hat ein breites Beziehungsnetz, insbesondere auch im Pharmabereich. Ich denke, er hat seine Firma gut geführt. Und er ist ein Motivator, der für seine Mitarbeiter schaut. Mit ihm haben wir für das Inselspital und den Kanton eine starke Persönlichkeit gewonnen. Jetzt müssen wir vorwärts gehen, damit wir den Medizinalstandort Bern stärken können – auch im Interesse der Patientinnen und Patienten.

(Der Bund)

Erstellt: 29.01.2018, 20:04 Uhr

Der Bernjurassier Pierre Alain Schnegg ist seit 2016 Regierungsrat des Kantons Bern und Chef der Gesundheits- und Fürsorgedirektion.

Politiker kritisieren «Machtkumulation»

Die Vorgänge an der Spitze des Inselspitals sorgen bei Gesundheitspolitikerinnen und -politikern für Irritation. Zwar wird der neue Direktionspräsident Uwe E. Jocham als Führungskraft reihum geschätzt. Keine der angefragten Personen stellt seine Wahl zum CEO infrage. Doch dass er derzeit gleichzeitig auch Verwaltungsratspräsident ist und womöglich nach seinem Rücktritt von dieser Funktion als einfaches Mitglied im Verwaltungsrat bleiben will, wird von links bis rechts kritisiert.

«Eine solche Machtkumulation wäre ein absolutes No-Go», sagt etwa Grossrätin Barbara Mühlheim (GLP). Sie appelliert an den Regierungsrat, «eine weise Entscheidung» zu treffen. Sprich: Jocham aus dem Verwaltungsrat abzuwählen, sobald ein neuer Verwaltungsratspräsident gefunden ist. Sie kritisiert auch den Verwaltungsrat: Dass dieser ein Verbleiben Jochams im Verwaltungsrat «nicht selbstbedingend ausschliesst», lasse sie daran zweifeln, dass das Gremium «der Aufsicht über die operative Ebene genügend Gewicht beimisst».

Auch Elisabeth Striffeler (SP) und Hans-Peter Kohler (FDP) halten die «Gewaltentrennung» zwischen Direktion und Verwaltungsrat für wichtig.

Anders äussert sich Peter Brand (SVP). Er sagt: «Jocham sollte das Verwaltungsratspräsidium abgeben. Wenn er aber als einfaches Mitglied im Verwaltungsrat bleiben sollte, wäre das kein Problem.» Das Inselspital lasse sich nicht mit börsenkotierten Unternehmen wie Grossbanken vergleichen, wo solche Ämterkumulationen in der Vergangenheit zu Problemen geführt hätten.

Das Interview zur Recherche

In der Ausgabe vom Samstag hat der «Bund» in einer Recherche aufgezeigt, dass Regierungsrat Pierre Alain Schnegg sehr früh im letzten Jahr darauf gedrängt hat, den ehemaligen Chef des Pharmaunternehmens CSL Behring, Uwe E. Jocham, zum neuen starken Mann im Inselspital zu machen. Schnegg verzichtete am Freitag trotz «Bund»-Anfrage auf eine ausführliche Stellungnahme, war aber am Montag bereit, Antworten zu geben.

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