Wie Kinder an ihrem Velo selber Hand anlegen können

Mit dem Veloflickbuch will Nora Ryser Kinder und Jugendliche ermuntern, ihre Velos selber zu warten – und bei Bedarf auch einmal ein Bremskabel zu ersetzen.

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Auf der vordersten Doppelseite des Veloflickbuches sind die blauen Velos alle kaputt, auf der hintersten perfekt in Schuss. Dazwischen, auf 40 Seiten, lernt man, wie ein Velo funktioniert, wie seine Bestandteile heissen, wie man die Kette ölt, einen Pneu wechselt oder ein Bremskabel ersetzt und wie man einen Gepäckträger, Lenkerkorb oder Anhänger anbringt. Der jungen Berner Illustratorin Nora Ryser ist ein schönes Buch gelungen. Gedacht ist es für Kinder und Jugendliche. «Nervt es dich auch, wenn dein Papa dir den Schraubenzieher aus der Hand nimmt, weil er denkt, dass er es besser kann oder weil er dir einfach nur helfen will?» So lautet die Frage, die im Begleittext formuliert ist.

«Technik hat nichts mit dem Geschlecht zu tun.»

Nora Ryser, Illustratorin

Dass das Buch ursprünglich für Mädchen konzipiert war, erkennt man noch. So zeigen die Illustrationen ausschliesslich weibliche Figuren. Sie habe sich aber dagegen entschieden, das Buch für eine geschlechtsspezifische Gruppe umzusetzen, sagt Ryser. Denn: Auch Buben sollten sich damit auseinandersetzen, «dass Technik nichts mit dem Geschlecht zu tun hat».

Reparieren statt wegwerfen

Feminismus sei ihr wichtig, sagt die 24-Jährige, die in Luzern Illustration studierte und nun wieder in Bern lebt. Themen der Selbstermächtigung und des Do-it-yourself beschäftigten sie seit langem. So gesehen versuche sie mit ihrem Buch ein klein wenig Kontra zu geben «gegen eine durch und durch kapitalismusorientierte Gesellschaft». Etwas selber in die Hände nehmen, statt es andere machen zu lassen, einen Gegenstand zu reparieren, statt ihn wegzuwerfen: Damit wolle sie nicht moralisierend auf ihre jungen Leserinnen und Leser einwirken. «Ich möchte das unterstützen, was schon da ist.» Und wer einen Schlauch selber flicken könne, tue nicht nur seinem Selbstwertgefühl Gutes, sagt sie: «Man spart dabei auch Geld.»

Aufs Thema kam Nora Ryser nicht von ungefähr. Ihre Eltern seien fleissige Alltagsfahrer, sagt sie, die Grossmutter sei noch mit 90 aufs Velo gestiegen, und ihr Bruder habe Rennen bestritten und sei ein Tüftler. Er war es, der ihr beim Buchprojekt technisch zur Seite stand.

Ihr Velo habe sie schon vorher selber gewartet und – so weit es ging – auch repariert. Allerdings gehen die Anleitungen nicht allzu weit. Das Schwierigste ist das Ersetzen eines Bremskabels. Bei der Schaltung habe sie eine Grenze gezogen. «Da wird es für Kinder und Laien zu kompliziert», findet sie. Ausserdem möchte sie gar nicht, dass am Ende alle Velofahrerinnen und Velofahrer ihre Fahrzeuge selber flicken. Gerade die unabhängigen Reparaturbetriebe verdienten Unterstützung.

Illustrieren: Wesentliches zeigen

Der Stil des Veloflickbuches hebt sich ab von anderen Mechaniker-Büchern, die in den Buchhandlungen aufliegen. Sind jene mit unzähligen Fotos bestückt, die einem einen Reparaturvorgang Schritt für Schritt erläutern, enthält Nora Rysers Buch schlichte Illustrationen. Die Bauteile, um die es geht, sind orange eingefärbt, ebenso das Werkzeug, das Verwendung findet. Mit Zeichnungen sei es einfacher, Wesentliches und Charakteristisches hervorzuheben, sagt sie. Mit Fotografien sei das nur bedingt möglich. «Da werden die Augen nicht durch das Bild geführt.» Darum sei es sehr anstrengend, solche Schritt-für-Schritt-Bilderserien anzuschauen.

Um Klarheit herzustellen, hat sie ihre Zeichnungen inhaltlich stark reduziert; bei einem Rad hat sie zum Beispiel nur einen kleinen Teil der Speichen gezeichnet. Und dort, wo sie zeigt, wie eine Kette zu ölen ist, kommt sie mit wenigen Strichen aus: zwei drei Kettenglieder, ein Fläschen – und ein Tropfen Öl. Ergänzt werden die Zeichnungen durch Text und kleine Kästchen mit Tipps. «Nimm die Ventildeckel während des Pumpens in den Hosensack», steht da etwa.

Nora Ryser arbeitet gegenwärtig Teilzeit im Chinderbuechlade in Bern. Bereits hat die Illustratorin ein nächstes Projekt. «Es wird wieder etwas sein für Kinder», verrät sie, «aber kein Sachbuch.» Und was für ein Velo fährt eigentlich sie? Ein Rennvelo, antwortet Ryser. Aber grad dieser Tage habe sie beim Drahtesel im Liebefeld ein weiteres Velo geholt. Sie brauche noch «irgend einen Göppel, den ich überall abstellen kann».

Samstag, 5. Mai: Nora Ryser führt mit dem Drahtesel in der Kornhausbibliothek Bern von 13 bis 15 eine Bilderbuchlesung mit Werkstatt durch.

Nora Ryser: Veloflickbuch, Verlag Werd & Weber Verlag, Thun 2018. 40 Seiten, 128 Illustrationen, 29 Franken. (Der Bund)

Erstellt: 14.04.2018, 08:03 Uhr

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