Wenn Ferienwohnungen zu Puffs werden

Immer mehr Sexarbeiterinnen in Bern bieten ihre Dienstleistung nicht mehr in bewilligten Etablissements an, sondern mieten dafür Ferienwohnungen oder Hotelzimmer.

Rotlicht in der Berner Rathausgasse? Fachleute stellen beim Sexgewerbe eine Verschiebung in private Wohnungen fest.

Rotlicht in der Berner Rathausgasse? Fachleute stellen beim Sexgewerbe eine Verschiebung in private Wohnungen fest. Bild: Adrian Moser

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Derzeit werden in der Stadt Bern 28 bewilligte Bordelle betrieben. Das sind erneut weniger als im Vorjahr, wie aus dem Jahresbericht der Kommission für das Prostitutionsgewerbe hervorgeht. Auch neu geplante Bordelle stossen bei der Bevölkerung auf grossen Widerstand, das hatte sich diesen Sommer in der Aarbergergasse gezeigt. Gegen das geplante Freudenhaus gingen über 100 Einsprachen ein.

Die rückläufige Tendenz bewilligter Etablissements hat eine Kehrseite. Immer mehr Sexarbeiterinnen bieten ihre Dienstleistungen in privaten Wohnungen oder Hotelzimmern an. Dafür werden oft auch Ferienwohnungen via Airbnb oder Wgzimmer.ch angemietet. Im Berichtsjahr von April 2017 bis April 2018 wurde der Kantonspolizei rund ein Dutzend solcher Fälle gemeldet. Im Vergleich zu den Vorjahren entspricht das einer Verdoppelung, die Dunkelziffer ist hoch.

Weniger Arbeitsplätze

«Wir stellen im Sexgewerbe grundsätzlich eine Verschiebung von bewilligten Etablissements in private Wohnungen fest», bestätigt Alexander Ott, Leiter des Polizeiinspektorats und Vorsteher der Fremdenpolizei. Zwar bezeichnet er diese Verschiebung als «nicht signifikant», dennoch ist sie im Escort-Bereich festzustellen. Indem Prostituierte in privaten Wohnungen arbeiten, können unliebsame Kontrollen der Polizei umgangen werden. «Frauen, die privat arbeiten, verfügen vielfach nicht über die nötigen Aufenthalts- und Arbeitsbewilligungen», sagt Ott.

Ein weiterer Grund für die Verschiebung ist aber auch das Prostitutionsgesetz selbst. Durch die Bewilligungspflicht für sexgewerbliche Betriebe geht deren Anzahl zurück. Die verbleibenden Plätze sind mit höherem administrativem Aufwand für die Betreiber verbunden. Das bekommen auch die Arbeiterinnen zu spüren. «Arbeiten wird für sie teurer. Auch deshalb bieten sie ihre Dienstleistung vermehrt in privaten Wohnungen an», bestätigt Christa Ammann, Leiterin der Fachstelle für Sexarbeit Xenia und Grossrätin (AL, Bern). Im Jahresbericht schreibt die Fachgruppe von Zimmermieten in Etablissements in der Höhe von 100 bis 150 Franken pro Tag. Auf Airbnb sind in der Stadt Bern Dutzende Wohnungen verfügbar, die für weniger als 100 Franken pro Nacht gemietet werden können. So gibt es Hinweise auf sexgewerbliche Tätigkeiten in der Berner Rathausgasse. In zwei Wohnungen, die via Airbnb gemietet werden können, sollen immer wieder Prostituierte ihre Dienste anbieten.

«Das Prostitutionsgesetz bietet keinen Mehrwert»
Christa Ammann?Leiterin der Fachstelle für Sexarbeit Xenia in Bern und Grossrätin (AL, Bern)

Grenzen des Gesetzes

Airbnb und Wgzimmer.ch reagierten auf Anfrage überrascht auf die Aussagen im Jahresbericht der Kommission für das Prostitutionsgewerbe. Man habe keine entsprechende Meldungen von lokalen Behörden erhalten.

Die Verlagerung der Prostitution in Privatwohnungen läuft dem eigentlichen Ziel des Gesetzes zuwider. Die Prostituierten sind in ihren eigenen vier Wänden nicht vor Missbrauch und Ausbeutung geschützt. In privaten Wohnungen sind keine anderen Prostituierten zugegen, und an Nachbarn können sie sich im Notfall auch nicht wenden, weil diese von der Tätigkeit ja nichts wissen. «Wenn sie auffliegen, verlieren sie nicht nur ihre Wohnung, sondern auch ihren Arbeitsplatz», sagt Christa Ammann. Die teureren Zimmermieten in Bordellen, welche die Entwicklung vorantreiben, verlagern das Sexgewerbe ausserdem wieder zurück in Wohnzonen. Dies wollte das Gesetz aber genau vermeiden.

«Bei Privatwohnungen stösst das Gesetz an seine Grenzen», bestätigt Christoph Lerch (SP), Regierungsstatthalter Bern-Mittelland und Vorsitzender der Kommission. Ohne Hinweise finden die Behörden die Privatbetriebe nicht.

Solche Hinweise kommen laut Alexander Ott vor allem aus der Nachbarschaft, die Verdacht schöpft. Diesen Hinweisen gehe man nach und führe wenn nötig polizeiliche Kontrollen vor Ort durch. «Das Problem ist meistens, dass der Betrieb nicht zonenkonform ist und dass die nötigen Aufenthaltsbewilligungen fehlen oder das Meldeverfahren nicht eingehalten wurde.»

Unterschiedliche Bilanz

Trotz der Zunahme von Prostitution in Privatwohnungen halten Lerch und Ott am Prostitutionsgesetz fest. Ott spricht von einer «absoluten Beruhigung der Situation» durch das Gesetz. Das Gesetz habe das Sexgewerbe stabilisiert und nicht zuletzt auch im Bereich der Hygiene Verbesserungen herbeigeführt, so Ott. Auch Lerch betont die positiven Aspekte des Gesetzes. «Der grosse Mehrwert des Gesetzes ist die Vernetzung.» Durch die enge Zusammenarbeit der Behörden habe man einen guten Überblick über das Gewerbe, die Zuständigkeiten seien geklärt und die Kontrollen institutionalisiert.

Christa Ammann steht dem Gesetz kritischer gegenüber. Sie fordert grundsätzlich eine Entkriminalisierung des Sexgewerbes. Die Existenz des Gesetzes alleine sorge für eine zusätzliche Stigmatisierung des Gewerbes. «Es soll für das Sexgewerbe keine Sonderregelungen geben.» Ausbeutung, Zwang und Diskriminierung seien bereits verboten, den Rest brauche es nicht. «Das Prostitutionsgesetz bietet keinen Mehrwert.» Deshalb fordert die Fachstelle Xenia im Jahresbericht der Kommission eine unabhängige, wissenschaftliche Überprüfung der Wirksamkeit des Prostitutionsgesetzes. (Der Bund)

Erstellt: 27.09.2018, 06:56 Uhr

5 Jahre Prostitutionsgesetz

Das Gesetz über das Prostitutionsgewerbe ist seit April 2013 in Kraft. Zeitgleich mit dem Inkrafttreten wurde die Kommission für das Prostitutionsgewerbe ins Leben gerufen. Sie soll dem Regierungsrat als beratendes Fachorgan zur Seite stehen und die Auswirkungen des Gesetzes regelmässig evaluieren.

Das Gesetz will einen besseren Schutz der Sexarbeitenden vor Missbrauch und Ausbeutung. Zudem soll auch die Bevölkerung geschützt werden vor «mit der Prostitution einhergehenden störenden Begleiterscheinungen», wie es im Gesetz heisst. Hierfür wurde unter anderem eine Bewilligungspflicht für prostitutionsgewerbliche Betriebe eingeführt.

Die Kommission vermeldet im Jahresbericht, die Umsetzung des Prostitutionsgesetzes sei institutionalisiert und verlaufe grundsätzlich positiv. Insbesondere Massnahmen zum Schutz der Bevölkerung vor dem Sexgewerbe hätten erfolgreich umgesetzt werden können. Im Bereich der Schutzmassnahmen der Prostituierten konnten jedoch bisher keine zählbaren Ergebnisse verzeichnet werden.

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