Weniger Psychotherapie für Migranten

Psychisch kranke Migrantinnen und Migranten können sich in einer speziellen Sprechstunde der Universitären Psychiatrischen Dienste Bern behandeln lassen. Aus Spargründen soll der Dolmetscherdienst für dieses Angebot jetzt allerdings reduziert werden.

Nordafrikanische Bootsflüchtlinge stranden auf Sizilien: Die Umstände der Migration können psychisch belastend sein.

Nordafrikanische Bootsflüchtlinge stranden auf Sizilien: Die Umstände der Migration können psychisch belastend sein.

(Bild: Keystone)

Seit über zehn Jahren gibt es die Migrationssprechstunde der ­Universitätsklinik für Psychiatrie und Psychotherapie in Bern. In dieser Sprechstunde werden psychisch kranke Migrantinnen und Migranten mit verschiedensten Beschwerdebildern ambulant beraten und behandelt. Therapeutinnen und Therapeuten bieten psychiatrische Abklärungen, ambulante Psychotherapie, Sozial­beratung, körperorientierte Therapien in Bewegungsgruppen und Gruppentherapie an. Die grösste Schwierigkeit dabei: die Verständigung. Psychotherapie funktioniert nämlich vor allem über die Sprache. Deshalb hat die Sprechstunde auch einen Übersetzungsdienst. Doch nun wird dieser reduziert. Das bestätigt der zuständige Mediensprecher Mike Sutter auf Anfrage.

Grosse Nachfrage, hohe Kosten

Die Nachfrage nach diesem Spezialangebot der Universitären Psychiatrischen Dienste Bern (UPD) sei gross, sagt Sutter weiter. Doch: Die Sprechstunde verursacht auch hohe Kosten, vor allem hohe Übersetzungskosten. Dies ist vor allem bei Patientinnen und Patienten mit ­einer längeren Behandlungsdauer der Fall. Weil die ­Migrationssprechstunde nicht im Leistungsauftrag der UPD enthalten ist und die Kosten für die Dolmetscherdienste nicht von der Kranken­kasse übernommen werden, sich in der Regel auch die Sozialdienste der Gemeinde gegen eine Kostenübernahme wehren und die Leistungen auch nicht wie in anderen Kantonen durch den Bund oder karitative Organisationen übernommen würden, müssten diese nun reduziert werden, so Sutter. Denn die UPD könne die Kosten nicht länger selber tragen.

Dass die UPD nach zehn Jahren Migrationssprechstunde auf einmal eine neue Kostenrechnung macht, hat einen Grund: Weil die drei psychiatrischen Kliniken des Kantons Bern per 1.Januar 2017 zu selbstständigen Aktiengesellschaften und aus der Verwaltung ausgegliedert werden, müssen sie im Hinblick auf diese Verselbstständigung eine neue strategische Finanzplanung einleiten. Das hat Regierungsrat und Gesundheitsdirektor Philippe Perrenoud (SP) angeordnet. Dadurch soll erreicht werden, dass die Betriebe als eigenständige ­Aktiengesellschaften möglichst ausgeglichene Erfolgsrechnungen erreichen. Denn: Der Kanton wird künftig keine ­Defizitdeckung mehr übernehmen können. Aus diesem Grund überprüfen die drei öffentlichen psychiatrischen Kliniken im Kanton Bern alle ihre Angebote. So hat die UPD beispielsweise auch entschieden, bestehende psychotherapeutische Angebote wie die Tagesklinik an der Laupenstrasse aufzuheben und künftig in einem Kompetenzzentrum für Psychotherapie auf dem Areal der Waldau zusammenzuführen

Es gibt noch drei Sitzungen

Die Sprechstunde wird künftig nun so organisiert sein: Migrantinnen und Migranten, die sich in psychosozialen Krisen befinden, haben noch Anspruch auf drei Sitzungen mit einem Dolmetscher oder einer Dolmetscherin. Dieses Angebot könne als «akute Krisenintervention via Notfall» oder auch «nach Anmeldung zur Konsultation» wahrgenommen werden, sagt Mediensprecher Sutter. Längere Therapien sind nur noch in geringem Umfang möglich. Und nur für Patientinnen und Patienten, die keine Übersetzungsdienste benötigen. Die Gruppentherapien blieben aber weiterhin als Spezialangebot bestehen. Migranten, die über die drei Stunden hinaus Therapie mit einem Dolmetscher benötigen, müssen die Dolmetscherdienste künftig selber bezahlen. «In der Regel werden sie die Kosten dafür allerdings kaum selber übernehmen können», sagt Sutter.

Stetige Zunahme der Patienten

Dass die UPD überhaupt ein solches Angebot hat, ist auf die seit rund zehn Jahren stetig ansteigende Zunahme von Patientinnen und Patienten mit Migrations­hintergrund im Kriseninterventionszentrum der UPD zurückzuführen. Dabei ist es mitnichten die Migration selber, die krankmacht, sondern es sind die Gegebenheiten im Heimatland und die Umstände der Flucht, die ­Belastungsfaktoren darstellen und das Auswandern zu ­einem gesundheitlichen Risiko machen können, wie das Bundesamt für Gesundheit in entsprechenden Unterlagen ­festhält.

In der heute existierenden Sprechstunde der UPD werden denn auch sämtliche psychiatrischen Krankheitsbilder behandelt – allerdings mit einem leichten Überhang bei den posttraumatischen Belastungsstörungen.

Der Bund

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