«Was jetzt erzählt wird, ist unter aller Sau»

Hans Merki hat 1997 die Markthalle gegründet. Ihre Schliessung und der Einzug des Media-Markts sind ihm aber weitgehend egal: Er habe in seinem jahrelangen Kampf für die Halle so viel einstecken müssen, dass er nun ausgeblutet sei.

Markthalle-Gründer Hans Merki kritisiert den Gemeinderat. Sie hätte die Markthalle zu wenig unterstützt.

Markthalle-Gründer Hans Merki kritisiert den Gemeinderat. Sie hätte die Markthalle zu wenig unterstützt.

(Bild: Manu Friederich)

Martin Erdmann@M_Erdmann

«Wer so etwas schreibt hat keine Ahnung von Wirtschaft und der Wahrheit.» Hans Merki kann nur noch den Kopf schütteln, wenn er im Internet die Reaktionen über die Vermietung der Markthalle an den Media-Markt liest. «Das ist unter aller Sau. Ich ertrage das fast nicht.»

Dass die Besitzerin der Markthalle, die Markthalle Cityhof Bern AG, und deren Verwaltungsratspräsident René Huber an den Pranger gestellt werden, schmerzt Merki. Der Liegenschaftsbesitzerin wird im Internet vorgeworfen, aus reiner Profitgier die Markthalle geschlossen zu haben. Huber hätte sogar Briefe erhalten, in denen ihm den Tod gewünscht wird. «Ich bin enttäuscht von der Berner Bevölkerung», sagt Merki. Denn die «wahre Geschichte» wieso die Markthalle schliessen musste, würde niemanden interessieren. Gegenüber DerBund.ch/Newsnet erzählt er sie.

Euphorischer Start

Alles begann 1997. Es war das Geburtsjahr der Markthalle. Die Idee eines Ortes, an dem Bauern ihre frischen Produkte anbieten können und Bars das Einkaufen gemütlich machen, faszinierte Merki so stark, dass ihn an der Realisation niemand hindern konnte. Als Neuling im Gastrogewerbe war das Projekt für ihn ein schwieriges Unterfangen. «Von der Bank gab es natürlich kein Geld.» Investoren wurden gesucht – und gefunden. Neben mehreren Kleinanlegern, wurde ein Grossinvestor an Land gezogen, dessen Namen Merki jedoch für sich behält.

Am Anfang herrschte grosse Euphorie, die aber nicht lange dauerte. «Es wurden konzeptionell zu viele Fehler begangen», sagt Merki. Die Kosten gerieten ausser Kontrolle. «Es kam teurer als wir es uns gedacht haben.» Zum Beispiel die Sicherheit. In ihrer Anfangszeit patrouillierte in der Markthalle noch kein Sicherheitsdienst. Die Folge: «Im Winter waren die Toiletten voller Drogensüchtigen.» Ebenso wurden die Kosten für Reinigung und Unterhalt unterschätzt. Die ersten drei Betriebsjahre endeten so mit herbem Verlust. Ein Verlust, von dem sich die Markthalle nie mehr erholen sollte.

Das Laden-Flickwerk

Das Bauern-Konzept scheiterte. Plötzlich stand das ganze Untergeschoss leer. «Es wurde schlecht gearbeitet. Die Halle wurde schlecht verkauft und präsentiert», sagt Merki. Die Fehler dafür nimmt er auf seine Kappe. Aufgeben kam für ihn aber nicht in Frage. Notfallmässig vermietet er Ladenflächen an Gastro- und Takeawaybetriebe. «Die Markthalle sah aus wie ein Flickwerk.» Die spontane Umstrukturierung funktionierte. Plötzlich stellte sich der Erfolg ein.

Doch schon warteten die nächsten Probleme auf Merki. «Die Halle war nicht auf Gastronomie ausgerichtet. Es fehlten zum Beispiel entsprechende Lüftungen.» Nichtsdestotrotz sei der Betrieb in der Markthalle plötzlich super gelaufen – zumindest aus sicht der Ladenbetreiber. «Alle waren glücklich, es wollte niemand mehr raus», sagt Merki.

Kaum Gewinn

Der Erfolg spielte sich jedoch nur vor den Kulissen ab. Dahinter sah es düster aus. «In den ersten drei Jahren machten wir Millionenverluste. Das spürte man immer noch deutlich.» Und weil die Markthalle nun ausschliesslich auf Gastronomie setzte, stiegen die Kosten weiter an. Zum Beispiel wegen der Hygiene: «Bern leidet an einer Mäuse- und Rattenplage. Um die Lage nicht ausufern zu lassen, muss Geld investiert werden», erklärt Merki.

Dadurch entstand eine merkwürdige Situation. «Obwohl die Halle immer voll war, schrieben wir nur Gewinne im tiefen fünfstelligen Bereich.» Die Markthalle hätte praktisch nur die Selbstkosten gedeckt.

Letztes Jahr, 15 Jahre nach der Eröffnung zeichnete sich das Ende der Markthalle ab. Grund: Die Liegenschaft musste saniert werden. Bauarbeiten in Millionenhöhe standen an. Aber wer sollte diese bezahlen? «Die Mieter reklamierten über jede Mietzinserhöhung, obwohl ihre Geschäfte gut liefen und die Investoren wollten doch nicht Geld in ein Unternehmen pumpen, das kaum Profit abwirft», sagt Merki. Die Aussichten seine chancenlos gewesen.

Kritik an der Stadt

Dabei hätte alles ganz anders kommen können, ist Merki überzeugt. «Hätte uns die Stadt nicht immer Steine in den Weg gelegt, würde es die Markthalle heute noch geben.» Merkis Vorwürfe richten sich hauptsächlich gegen die ehemalige Gemeinderätin Regula Rytz und Stadtpräsident Alexander Tschäppät. «Beide haben mich angelogen.»

Merki sei versprochen worden, auf dem Trottoir vor der Halle ein Strassencafé eröffnen zu dürfen. So weit kam es jedoch nie. «Plötzlich hiess es, dass der Abstand der Tische und Stühle zu den vorbeifahrenden Bussen zu gering sei.» Statt eines Strassencafés wurde der Asphalt vor der Markthalle dann für Veloabstellplätze, einen Betontransformer und eine Bushaltestelle genutzt.

Doch schon zuvor sei Merki von der Stadt zurückgehalten worden. «Uns wurde keine Möglichkeit geboten unsere Einnahmequellen auszubauen.» Ein Beispiel aus den Anfangszeiten: «Wir durften keine Stände vor der Markthalle aufbauen. Genauso wenig durften wir Lieferungen über den Vordereingang entgegennehmen.» Die Stadt merke jetzt vielleicht im Nachhinein, was sie damit bewirkt hat, sagt Merki.

Gemeinderat weist Vorwürfe zurück

Die Vorwürfe von Merki weist Regula Rytz entschieden zurück. «In meiner Zeit im Gemeinderat hat die Stadt der Markthalle nichts versprochen , ausser, dass die Möglichkeit für ein Strassencafé geprüft wird», sagt sie gegenüber DerBund.ch/Newsnet. In Gesprächen mit Branchenkundigen sei deutlich geworden, dass ein Strassencafé die Markthalle nicht gerettet hätte. «Ein paar Tische bei schönem Wetter draussen hätten die sehr hohen Mietzinse und den grossen Investitionsbedarf niemals finanziert.»

Sie bestreitet, in ihrer achtjährigen Amtszeit als Gemeinderätin die Markthalle zu wenig unterstützt zu haben. Vielmehr bedauert sie das Ende dieses innovativen Konzeptes. «Ein Media-Markt im Stadtzentrum von Bern bringt keine positiven Impulse für die Stadtentwicklung.»

Stadtpräsident Alexander Tschäppät sieht die Sache folgendermassen: «Ich fand die Aussenbestuhlung eine gute Idee. Aber nach Abklärungen stellte sich heraus, dass das Projekt nicht durchführbar war.» Auch er glaubt nicht, dass ein Strassencafé für die Markthalle «matchentscheidend» gewesen wäre. Wie Frau Rytz trauert Tschäppät der Markthalle nach, glaubt aber gleichzeitig, dass der Media-Markt-Einzug verhindert werden kann. «Wenn die Solidarität der Bevölkerung mit der Markthalle anhält, überlegt sich Media-Markt vielleicht, aus Imagegründen von der Filiale abzulassen.»

Der Gründer resigniert

Stört es Hans Merki, dass nun ein Elektrodiscounter in die ehemalige Markthalle zieht? Dafür findet er klare Worte: «Es ist mir heute wirklich egal. Im Nachhinein kann man eh nichts ändern.» All die Reaktionen der Markthalle-Befürwortet kämen zu spät. «Zu einem früheren Zeitpunkt hätte Solidarität noch etwas gebracht.»

Er habe über zehn Jahre für die Markthalle gekämpft und Unmengen von Geld und Herzblut in sie investiert. «Spätestens als ich von der Stadt angelogen wurde, gab ich auf. Ich war ausgeblutet.»

DerBund.ch/Newsnet

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt