Was Berner Klimatologen von steinalten Bäumen lernen

Forscher der Uni Bern haben eine Datenbank erstellt. Dank ihr kann der Klimawandel besser untersucht werden.

Aus alten Bäumen lassen sich viele Informationen herauslesen.

Aus alten Bäumen lassen sich viele Informationen herauslesen. Bild: Sabina Bobst

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Es sei die «transparenteste und vollständigste» Datensammlung zum Klimawandel der letzten 2000 Jahre, heisst es in der Pressemitteilung der Universität Bern. Sie ist dieser Tage online geschaltet worden. Als «Open Data» kann sie von allen Interessierten heruntergeladen werden. An vorderster Front bei diesem Projekt dabei: ein halbes Dutzend Klimatologinnen und Klimatologen der Universität Bern. Einer von ihnen ist Raphael Neukom. Der 38-Jährige ist einer der Projektleiter und Co-Autor der Datenbank. Mitgearbeitet am Projekt haben zahlreiche Forscherinnen und Forscher aus aller Welt.

Die Temperatur auf der Erde hat sich in den letzten 2000 Jahren kontinuierlich abgekühlt – bis zum 19. Jahrhundert. Dann folgte eine starke, anhaltende Erwärmung. Das ist bekannt. Was also bringt die neue Datensammlung? Schon bisher habe es Datensätze aus allen Erdregionen gegeben, sagt Neukom. Diese seien aber nicht aufeinander abgestimmt gewesen und hätten erst noch mühsam zusammengesucht werden müssen. Nun finde man alles an einem Ort, was die Arbeit wesentlich erleichtere. Die Datenbank enthält 692 Einträge von weltweit 648 Orten.

«Störung im Klimasignal»

Die Berner Forscherinnen und Forscher waren vor allem damit beschäftigt, auf der Südhalbkugel Daten zusammenzutragen, wo es bislang nur wenige davon gab. Neukom war längere Zeit in Argentinien tätig. Er hat dort aber nicht selber Proben genommen, sondern mit einheimischen Wissenschaftlern vorhandene Datensätze geprüft und bereinigt.

Ein Beispiel: Wird ein Baumbestand alle paar Jahre von Insekten befallen, beeinflusst das die Wachstumsringe der Bäume. Nur wenn man das wisse, könne man die «Störung im Klimasignal» herausrechnen oder die betroffenen Datensätze gar nicht erst berücksichtigen, sagt er. Doch wie kommt man von der Dicke eines Baumrings zu Temperaturwerten? Neukom erklärt es anhand eines 1000-jährigen Baumes: Vergleiche man dessen 100 letzte Wachstumsringe mit den real gemessenen Temperaturen der letzten 100 Jahre, könne man auch den übrigen 900 Ringen Werte zuordnen. Damit lasse sich die Messreihe weit in eine Vergangenheit hinein verlängern, in der es keine Thermometer gab.

Aus den verlängerten Messreihen ergibt sich ein wichtiger Vorteil: Je präziser der Blick in die Vergangenheit ist und je weiter er zurückreicht, desto genauer können Forscher ihre Klimamodelle testen und verbessern, mit denen sie in die Zukunft schauen. Denn solche Modelle müssen auch Extremereignisse und Schwankungen abbilden können, die von den instrumentellen Daten der letzten 100 Jahre nicht erfasst wurden. Ein weiterer Vorteil der neuen Datensammlung besteht darin, dass die Temperaturentwicklung auf der Erde viel kleinräumiger nachgezeichnet werden kann. Kalt- und Warmperioden seien nicht immer einheitlich verlaufen. «Manchmal war es in Europa warm, dafür anderswo kalt. Oder umgekehrt.»

Auch Eisbohrkerne und Korallen

Die Arbeit an der Datensammlung, die den Namen PAGES2k trägt, begann 2006. Neukom hatte seine Dissertation dem Projekt gewidmet und damit den Anfang markiert. Als Datenquellen dienten übrigens nicht nur die Jahrringe von Bäumen. Auch Eisbohrkerne, Korallen, Meeres- und Seesedimentproben und auch historische Dokumente liefern Informationen über die Temperaturverhältnisse in längst vergangenen Zeiten. (Der Bund)

Erstellt: 13.07.2017, 07:15 Uhr

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