Vorsprung dank den Panaschierstimmen

Alec von Graffenried ist der klare Sieger der Berner Gemeinderatswahlen. Seinen grossen Vorsprung holte er ausserhalb des RGM-Bündnisses.

Alec von Graffenried, künftiger Stadtpräsident?

Alec von Graffenried, künftiger Stadtpräsident?

(Bild: Franziska Rothenbühler)

Rudolf Burger

Man hat es geahnt, und diese Ahnung ist durch die gestern veröffentlichten Zahlen des Panaschierstimmentauschs bestätigt worden: Alec von Graffenried hat seine Konkurrentinnen und Konkurrenten auf der RGM-Liste vor allem dank der Wählerschaft der übrigen Parteien deutlich hinter sich lassen können. Das zeigt die beiliegende Tabelle:Von den RGM-Listen erhielt von Graffenried 23'018 Stimmen – fast 2000 weniger als Franziska Teuscher (24'917) und rund 500 weniger als Ursula Wyss (23'572). Bei den Panaschierstimmen aber trumpfte von Graffenried auf: Er holte 8109 Panaschierstimmen, über 5000 mehr als Teuscher, seine schärfste Konkurrentin auf der RGM-Liste. Die meisten der Panaschierstimmen für von Graffenried kamen von nicht parteibezeichneten Listen (4723). Bei der liberal-bürgerlichen Liste holte der nachmalige RGM-Spitzenkandidat 1542 Stimmen, bei der Mitte 1218 und bei der SVP 535. Die geringe Unterstützung für von Graffenried vonseiten der SVP-Anhänger konnte erwartet werden. Dagegen ist doch auffallend, dass er bei der liberal-bürgerlichen Liste über 300 Panaschierstimmen mehr abholen konnte als bei der Mitte-Liste. Waren sich die Anhänger der Mitte-Liste besser darüber im Klaren, dass sie mit Panaschierstimmen für von Graffenried die Wiederwahl des eigenen Spitzenkandidaten, Reto Nause, gefährdeten?

Grüne als «Streicher»?

Was besagen die Stimmenzahlen von der RGM-Liste bezüglich der im Vorfeld der Wahlen geäusserten Vermutung, dass von Graffenried auf der RGM-Liste massiv gestrichen werden könnte? Die Zahlen der Tabelle zeigen, dass dies zwar passiert ist, aber nicht in grossem Ausmass. Dass Franziska Teuscher aber bei den RGM-Stimmen einen deutlichen Vorsprung auf von Graffenried herausgeholt hat, ist doch ein Indiz dafür, dass die Streichparole vor allem von Anhängern des Grünen Bündnisses befolgt wurde. Immerhin schaffte es von Graffenried aber, seinen internen Konkurrenten Michael Aebersold, der von der RGM-Liste 21'852 Stimmen erhielt, klar hinter sich zu lassen.

Absolute Vergleiche unzulässig

Bei den Panaschierstimmen ist die Ausbeute für Teuscher (2949) und Wyss (2588) im Vergleich zu den über 8000 Stimmen für von Graffenried eher mager. Die beiden RGM-Kandidatinnen liegen auch klar hinter dem Mitte-Kandidaten Reto Nause (6944) und dem abgewählten FDP-Gemeinderat Alexandre Schmidt (5370) zurück, was sich aber mit einer Eigenheit des Wahlsystems erklären lässt. Was nämlich nach einem klaren Vorsprung für die beiden bürgerlichen Kandidaten vor Teuscher und Wyss aussieht, muss relativiert werden. Der absolute Vergleich der Panaschierstimmenzahlen hinkt aus folgendem Grund: Insgesamt wurden bei den Gemeinderatswahlen 40'531 gültige Listen eingelegt. Davon entfielen auf RGM 23'017 (= 57 Prozent. Das heisst, dass die Panaschierstimmen für RGM lediglich von 17'514 Listen stammen konnten. Dagegen standen etwa Reto Nause mehr als doppelt so viele, nämlich 36'799 Listen, als möglich Panaschierstimmenlieferanten zur Verfügung. Je mehr Wähler anderer Parteien aber für die Kandidierenden einer Partei vorhanden sind, desto grösser ist das Potenzial, Panaschierstimmen zu erhalten.

In der zweitletzten Spalte der Tabelle ist diese Verzerrung dadurch korrigiert, dass die Panaschierstimmen auf 1000 parteifremde Listen umgerechnet worden sind. Mit 463 Stimmen auf 1000 Listen liegt von Graffenried deutlich vor den übrigen Kandidierenden. Sein Resultat bedeutet, dass er fast von jeder zweiten Nicht-RGM-Liste eine Panaschierstimme holte – ein Ergebnis, das seine Popularität weit über RGM hinaus unterstreicht.

Erich Hess keine «Freunde» ausserhalb SVP

Auf Platz 2 in dieser – jetzt korrekten – Rangliste nach Panaschierstimmen auf 1000 Listen figuriert Reto Nause mit dem Wert von 189. Bei ihm fällt vor allem auf, dass er vonseiten der RGM-Wähler mit immerhin 1886 Panaschierstimmen gut unterstützt wurde. Franziska Teuscher holte in der Rangliste nach Panaschierstimmen auf 1000 Listen mit dem Wert von 168 Rang 3, und Ursula Wyss konnte mit 148 Stimmen Alexandre Schmidt (146) knapp hinter sich lassen. Michael Aebersold, der vierte RGM-Kandidat, liegt mit 86 Panaschierstimmen auf 1000 Listen deutlich zurück. Bei ihm fällt auf, dass er von den Listen der bürgerlichen Parteien nur mit wenigen Panaschierstimmen bedacht wurde. Der Wert von 23 für Erich Hess schliesslich bestätigt, was man schon wusste: Der SVP-Spitzenkandidat hat ausserhalb seiner eigenen Partei nur wenige Anhänger.

Gute Ausgangslage für von Graffenried

Das hervorragende Abschneiden von Alec von Graffenried bei den Panaschierstimmen unterstützt die Vermutung, dass er bei einem allfälligen zweiten Wahlgang fürs Stadtpräsidium überaus gute Wahlchancen haben könnte. Für die Wähler ausserhalb des RGM-Bündnisses, die ihn bei den Proporzwahlen panaschiert haben, ist er in einer Majorzwahl wohl der bevorzugte Kandidat. Fraglich ist höchstens, wie sich die rund 10 Prozent der Anhänger der SVP verhalten werden. Von den rund 4000 Listen, die für die SVP eingelegt wurden, hat von Graffenried lediglich 535 Panaschierstimmen erhalten – wie die Tabelle zeigt, weit weniger als von der Listen der Mitte und den liberal-bürgerlichen Listen.

Der Bund

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