Vorplatz-Prozess: Versuchte vorsätzliche Tötung – oder Notwehr?

Ein Schweizer hat vor der Reitschule einen Algerier lebensgefährlich verletzt. Anklage und Verteidigung sehen die Tat unterschiedlich.

Vor ziemlich genau einem Jahr hat sich das Geschehen auf dem Vorplatz der Reitschule abgespielt.

Vor ziemlich genau einem Jahr hat sich das Geschehen auf dem Vorplatz der Reitschule abgespielt. Bild: Valérie Chételat

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Der 22-jährige Schweizer und der 44-jährige Algerier kannten sich vor dem Vorfall nicht. Und doch sind ihre beiden Leben seit dem unglücklichen Abend vor der Reitschule miteinander verkettet. Der Schweizer hatte soeben mit seiner Freundin Schluss gemacht und war an jenem Samstagabend vor fast genau einem Jahr in getrübter Stimmung.

Der Algerier, der unter falschem Namen ein Asylgesuch gestellt hatte, bekam zwei Tage vor dem Vorfall den Ablehnungsbescheid. Beide sprachen dem Alkohol an jenem Abend reichlich zu. Der Schweizer hatte – mehr noch als der Algerier – zweifelsohne ordentlich einen sitzen – wie sehr, wird für das Urteil eine nicht unwichtige Rolle spielen.

Zwei Frustrierte treffen einander

An besagtem Abend eckte der Algerier mit seinem Verhalten ständig an. So versuchte er etliche Male, Gegenstände zu stehlen. Mehrfach wurde er von der Reitschule weggewiesen, auch von der Haus-Security Wellness-Team. Jemand setzte, als er sich bedroht fühlte, sogar einen Pfefferspray ein. In der Nacht wurde auch der Schweizer auf den Algerier mit dem Messer in der Hand aufmerksam und spürte den Drang, den Störefried vom Platz zu vertreiben. Zeugen haben das Zusammentreffen gesehen, doch stimmen die Aussagen nicht ganz überein. Zudem war es für die Staatsanwaltschaft schwierig, Zeugen zu finden, da sich manche zierten, Namen zu nennen.

Es kam zum unglücklichen Rencontre. Der Schweizer stach mit dem Messer zu, angeblich in Richtung Schulter, zerschnitt aber die Halsschlagader. Der Algerier rannte ein paar Schritte und brach auf dem Parkplatz zusammen. Ein Reitschulsanitäter leistete Erste Hilfe, die Polizei war rasch vor Ort, auch die Ambulanz. In der Insel wurde der lebensgefährlich verletzte Mann notoperiert – sonst wäre er gestorben.

Opfer bleibt schwerer Pflegefall

Nach der Tat marschierte der Schweizer lange durch die Stadt und fuhr dann mit dem Bus nach Hause. Er wusste, dass er etwas Schlimmes getan hatte, konnte sich aber kaum an Details erinnern. Nachdem er sich – erstmals in seinem Leben – einem Pfarrer anvertraut hatte, stellte er sich nach zwölf Tagen und erkundigte sich nach dem Zustand des Gegners. Als man ihn darüber aufklärte, weinte er. Der Algerier lebt nun in einem Pflegeheim und ist das, was der raue Schweizer Volksmund «äs Gmües» nennt. Bis zum Sommer wurde er mittels Sonde ernährt, seither bekommt er pürierte Kost.

Rechtsseitig ist er gelähmt, sein Hirn ist stark geschädigt. Die Therapien dürften kaum spürbare Verbesserungen bringen. Anscheinend merkt er, dass er in seinem Körper wie gefangen ist, auch wenn er es nicht verbal ausdrücken kann. Am Regionalgericht Bern-Mittelland hörte sich am Mittwoch das fünfköpfige Gremium unter dem Vorsitz von Christine Schaer die Plädoyers an, beobachtet von einer Klasse aus der Hochschule der Künste, die das Gerichtszeichnen übte.

Staatsanwältin Andrea Müller warf dem Schweizer vor, er habe sich vorerst nicht um das Opfer gekümmert. Positiv hob sie hervor, dass er inzwischen die Lehre vollendet hat und vom Geschäft angestellt worden ist. Sie bezweifelte, dass der Angeschuldigte wirklich so betrunken war, dass dies als «Verübung einer Tat in selbst verschuldeter Unzurechnungsfähigkeit» zu werten wäre. Da er sich der Polizei entzog, konnte die Promille-Zahl nur geschätzt werden. Müller forderte eine Freiheitsstrafe von sieben Jahren wegen versuchter vorsätzlicher Tötung. Der Verteidiger Thomas Wenger plädierte auf Freispruch, sein Mandant habe den bewaffneten Algerier als Bedrohung empfunden und in Notwehr gehandelt. Dies wies Max B. Berger als Anwalt des Algeriers zurück: Hier werde das Opfer zum Täter gemacht. (Der Bund)

Erstellt: 06.12.2017, 18:29 Uhr

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