Vom «Speuz» der Vorgänger bleibt man verschont

Adrian von Steiger, der Musiker und Forscher leitet ein neues Museum in Bern, das alte Instrumente zum Klingen bringt.

Museumsleiter von Steiger mit einer Ophikleide von etwa 1840.

Museumsleiter von Steiger mit einer Ophikleide von etwa 1840. Bild: Adrian Moser

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Gar nichts Museales hat dieses Museum an sich. Beim «Bund»-Besuch besichtigt eine Gymnasialklasse die gezeigten historischen Instrumente nicht nur – in einige wird hineingeblasen. Einmal erklingt so etwas wie ein Ton, oft bleibt es bei einem Keuchen oder Grunzen. Zum Schluss der Besichtigung greifen der Musiklehrer der Klasse und der Museumsleiter zu einem gekrümmten Horn. Auf diesen Cornua vollführen sie einen «battle», einen musikalischen Zweikampf. Als Dessert des Besuchs spielt Museumsleiter Adrian von Steiger eine Mini-Trompete, «die kleinste Trompete der Welt». Doch das Mini-Instrument «tönt nicht besonders gut», wie auch er einräumt. Deshalb habe sie der berühmte – inzwischen verstorbene – Schweizer Clown Dimitri einst zurückgegeben und gegen eine etwas grössere eingetauscht, auf der man richtig spielen könne.

Dann verlässt die Schulklasse den Kellerraum. Nun hat der Museumsleiter Zeit, um dem «Bund» zu zeigen, was es mit dem Slogan «C’est le vent qui fait la musique» auf sich hat. Selbst wenn Besucher überwältigt sind von der Fülle der Blasinstrumente und Trommeln, die da an der Wand trefflich ins beste Licht gerückt werden, machen diese 80 Instrumente lediglich einen Bruchteil der Sammlung Karl Burri (1921–2003) aus. An die 1500 hat der gelernte Blasinstrumentebauer gesammelt. Einige wurden ihm geschenkt, andere hat er gekauft und in einem eigens dafür erworbenen Haus ausgestellt. Eine Zeit lang schien es, als werde die in Fachkreisen weitherum bekannte Sammlung zerstreut, denn die Nachkommen Burris waren vom enormen Schatz – verständlicherweise – überfordert. Unisono, die Schweizer Zeitschrift für Blasmusik, titelte darum vor drei Jahren alarmiert, die wertvolle Sammlung sei «in Gefahr».

Diese ist inzwischen gebannt. Dank Gaben vermögender Personen, unter anderen der pensionierte Berner Arzt Severin Coninx, wurde eine Stiftung ins Leben gerufen, die sich der Erhaltung und Pflege der Sammlung widmet. Als in der unteren Altstadt eine Stein-Boutique und ein Pelzlager frei wurden, zügelte die Sammlung hierher. Im modernen, vom Szenografen Martin Birrer gestalteten Ausstellungsraum mit den schön ausgeleuchteten Kostbarkeiten können Instrumente ausprobiert werden. Für Zimperliche sei gesagt: Die Mundstücke werden gereinigt, sodass man vom «Speuz» der Vorgänger verschont bleibt. Apropos Speichel: Dieser wird bei vielen Blasinstrumenten durch eine Klappe abgelassen und «pflodert» zu Boden. Doch im Instrument bleibt es bis zu drei Wochen nass, was die Korrosion fördert.

An der Hochschule der Künste Bern (HKB) hat man laut von Steiger in einem Forschungsprojekt nachgewiesen, dass Instrumente mittels Ventilator korrosionshemmend getrocknet werden können. Der 55-jährige von Steiger, der seine Dissertation über die Sammlung Burri geschrieben hat, forscht an der HKB und gab früher mit Ensembles unzählige Konzerte. Er zeigt auf einem iPad Tonfilmeinspielungen, welche die Besucher abrufen können, wenn sie mehr über eine Instrumentengruppe oder einen Instrumentenbauer wissen wollen. Im 19. Jahrhundert sei eine ganze Reihe neuer Instrumente entwickelt worden, sagt von Steiger, etwa das Saxofon von Monsieur Adolphe Sax. «Patente waren nur wenige Jahre gültig», deshalb hätten Hersteller ständig neue Details erfunden, zumal die fortschrittsgläubigen Besucher der häufig stattfindenden Weltausstellungen ungeduldig auf Neues warteten. Ein Bild zeigt die Ausstellungsvitrine von Sax an der Ausstellung in London – keine Zeichnung, sondern ein frühes Schwarz-Weiss-Foto aus dem Jahr 1851.

Die Klingende Sammlung sei nicht nur ein Museum, sagt der Musikwissenschaftler. HKB-Studierende und Berufsmusiker könnten historische Instrumente ausleihen und ausprobieren: «Es gehört heute zur Ausbildung, sich mit den Eigenheiten solcher Instrumente vertraut zu machen.» Dann verstehe ein Musiker den Hintergrund von Kompositionen aus jener Zeit besser. Ohnehin gäbe es vieles zu erforschen. So wisse man über die Blasmusikkultur des früheren 19. Jahrhunderts «fast nichts». Im Lager schlummern handgeschriebene Notenbüchlein mit vielen Randnotizen. «Das gäbe eine schöne Doktorarbeit», findet von Steiger. (Der Bund)

Erstellt: 30.01.2017, 06:47 Uhr

Staunen und Spielen

Musikinstrumente aus 300 Jahren

Bern ist seit wenigen Tagen um ein Museum reicher, und erst noch um eins, in dem viele Exponate nicht hinter Vitrinenglas verborgen sind. Nicht einmal eine Kordel hängt zwischen ihnen und den Besuchern. Einige Instrumente darf man anfassen und ausprobieren.

Die Instrumente aus 300 Jahren stammen aus der Sammlung des Instrumentenbauers Karl Burri (1921–2003), der sie in seinem privaten Museum Zimmerwald ausstellte. Am neuen Standort in der Berner Altstadt können angehende Berufsmusikerinnen und Berufsmusiker historische Instrumente studieren, einige auch spielen. Das Museum mit dem abgewandelten, auf Blasinstrumente gemünzten Spruch «C’est le vent qui fait la musique» dient auch der Forschung.

Dank dem Engagement der Stiftung ist es für fünf Jahre finanziert. Der Leiter Adrian von Steiger bekleidet ein Teilpensum, gesucht werden noch Freiwillige, die die Besucherinnen und Besucher in der Klingenden Sammlung empfangen – und die Ausstellung «beaufsichtigen». (mdü)

Klingende Sammlung, Kramgasse 66, Bern, Mittwoch bis Samstag 11 bis 17 Uhr,
Internet: www.klingende-sammlung.ch

Artikel zum Thema

«Ich brauchte jahrelang Erfahrung, bis ich das Handwerk richtig konnte»

Der 60-jährige Worber Esa Tervala baut und wartet Instrumente für Steelbands – weniger als auch schon, doch seine Liebe zur Musik ist ungebrochen. Mehr...

«Man kann einen Witz mehr einbauen als im Skript steht»

Die 31-jährige Bernerin Marisa Jüni war in der Schule eine Träumerin. Nun bringt sie als Musical-Darstellerin ihr Publikum zum Träumen. Mehr...

«Unsere Arbeit wird Früchte tragen»

Der reformierte Pfarrer Hartmut Haas hat in seinem Leben bisher bereits viel bewegt. Und blickt trotzdem etwas bange in die Zukunft. Mehr...

Abo

Das digitale Monatsabo Light für Leser.

Nutzen Sie den «Bund» digital im Web oder auf dem Smartphone. Für nur CHF 19.- pro Monat.
Jetzt abonnieren!

Kommentare

Blogs

KulturStattBern An der Sache vorbeigelärmt

Zum Runden Leder Budi reloaded

Newsletter

Kurz, bündig, übersichtlich

Montag bis Samstag die besten Beiträge aus der «Bund»-Redaktion. Jetzt kostenlos abonnieren!

Die Welt in Bildern

Schmucke Brille: Ein Model führt in Mailand die neusten Kreationen von Dolce und Gabbana vor. (24. September 2017)
(Bild: Antonio Calanni/AP) Mehr...