Vierter RGM-Sitz scheint möglich

Die «Bund»-Wahlumfrage prognostiziert ein sehr enges Rennen um die fünf Sitze in der Stadtregierung. Beim Stadtpräsidium liegt Alec von Graffenried vor Ursula Wyss.

Jürg Sohm

Die Wahlen in der Stadt Bern vom übernächsten Wochenende versprechen Hochspannung. Denn ihr Ausgang ist gleich in mehreren Bereichen weiterhin absolut offen:

• Es ist möglich, dass Rot-Grün-Mitte (RGM) einen vierten Gemeinderatssitz erobert.
•Die Wiederwahl von CVP-Gemeinderat Reto Nause ist nicht so sicher, wie bisher vermutet.
•FDP-Gemeinderat Alexandre Schmidt hat durchaus Wiederwahlchancen.
•Und das Rennen um das Stadtpräsidium ist überhaupt noch nicht vorentschieden.

Das zeigt die Auswertung der Wahl-Umfrage, die der «Bund» drei Wochen vor dem Wahlwochenende hat durchführen lassen (siehe Sideline). Gemäss dieser Umfrage bringt RGM alle vier Kandidatinnen und Kandidaten durch und gewinnt so einen vierten Sitz in der fünfköpfigen Stadtregierung. Der neu antretende Alec von Graffenried (GFL) liegt sogar knapp vor SP-Gemeinderätin Ursula Wyss und Michael Aebersold (SP). Grünen-Gemeinderätin Franziska Teuscher liegt nur auf Platz vier. Den einzigen bürgerlichen Gemeinderatssitz behauptet laut der Umfrage der Freisinnige Alexandre Schmidt und nicht CVP-Mann Reto Nause. Dieser wäre in diesem Szenario abgewählt.

Konkret geht gemäss den Umfrageergebnissen in der Proporzverteilung das zweite Restmandat hauchdünn an die RGM-Liste. Mit knapp 56 Prozent der Wählerstimmen schneidet diese zwar gut 3 Prozentpunkte schlechter ab als bei den Wahlen vor vier Jahren. Nauses Mitte-Liste verliert laut Umfrage aber sogar über 4 Prozentpunkte. Der Wählerschwund betrifft dabei Nause selber genauso wie etwa BDP-Kandidatin Vania Kohli, die bereits vor vier Jahren zusammen mit Nause angetreten ist. Das Ergebnis widerspiegelt den Wahltrend national und kantonal: Das Mitte-Phänomen hat sich überlebt – vor allem die BDP verliert Wahl um Wahl.

Schmidt wiederum büsst ebenfalls etwas an Wählerstimmen ein, aber vergleichsweise nur wenig. Der Vergleich seiner Liste «liberal bürgerlich» mit den Resultaten von 2012 ist indes schwierig, weil die FDP damals noch zusammen mit der SVP angetreten ist.

Sehr knappe Stimmenverhältnisse

Allerdings relativieren die Meinungsforscher die Ergebnisse: Die Stimmenverhältnisse sind derart knapp, dass eine «sehr geringe Verschiebung» genügt, damit der Sitz doch noch an die Mitte-Liste geht und Nause wiedergewählt wird. Möglich ist demnach, dass Nause statt Schmidt gewählt wird, RGM also trotzdem einen vierten Sitz erobert. Möglich ist aber ebenso, dass die heutige Sitzverteilung (3 RGM, 1 FDP, 1 CVP) bestehen bleibt. In diesem Szenario wäre wiederum der Sitz von Franziska Teuscher gefährdet. Sie liegt in der Umfrage hinter dem neuen SP-Mann Michael Aebersold auf Platz vier. Ihr Rückstand ist aber nur gering. Für Teuscher spricht zudem, dass laut den Erfahrungen der Meinungsforscher die Bisherigen im Verlauf eines Wahlkampfs jeweils zulegen. Sie können vor allem bei den parteiungebundenen Wählerinnen und Wählern punkten, die eine leere Liste verwenden und stärker panaschieren.

Keine abschliessende Aussage können die Forscher schliesslich auch zur SVP-Liste mit Spitzenkandidat Erich Hess machen. Die SVP liegt zwar gegenüber den Listen von Schmidt und Nause zurück. Aber mit einem Stimmenanteil von knapp 13 Prozent ist der fünfte Sitz für die SVP «nicht ausser Reichweite». Einigermassen klar ist, dass nur Hess eine Chance hat. Er liegt vor Tierparkdirektor Bernd Schildger auf Platz eins.

Bürgerliche für von Graffenried

Überraschend ist das Umfrageresultat zur Wahl ums Stadtpräsidium. Alec von Graffenried liegt nämlich vor Ursula Wyss. Der Vorsprung ist mit 5 Prozentpunkten deutlich. Bereits abgeschlagen ist Franziska Teuscher auf Platz drei, die nur rund die Hälfte der Stimmen des Spitzenduos erreicht. Das absolute Mehr schafft niemand, damit bestätigt die Umfrage die Vermutung, dass es zu einem zweiten Wahlgang kommt.

Den Spitzenplatz belegt von Graffenried dank breitem Support bei den Mitte-Wählern und bis weit ins bürgerliche Lager hinein. Selbst 45 Prozent der FDP-Wähler und 20 Prozent der SVP-Wähler sprechen sich in der Umfrage für von Graffenried aus. Wyss dagegen wird vor allem von der SP gewählt, geniesst aber bei den anderen Parteien vergleichsweise wenig Rückhalt. Selbst in ihrer eigenen Partei gibt es offensichtlich Vorbehalte gegen sie: 15 Prozent der SP-Wähler sprechen sich für von Graffenried aus, 11 Prozent für Teuscher.

Das Rennen um das Stadtpräsidium wird im zweiten Wahlgang jedoch neu lanciert. Dabei dürfte der Ausgang der Gemeinderatswahlen einen bedeutenden Einfluss haben – aber auch die Mobilisierung der Wählerschaft. Denn an Umfragen teilnehmen ist eine Sache, effektiv abstimmen eine andere.

Der Bund

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