«Viele Frauen trauen sich nicht, jemanden zu schlagen»

Die Stadt Bern will mit Selbstverteidigungskursen sexuellen Übergriffen vorbeugen. Prävention müsse auch bei den Männern stattfinden, sagt Wen-Do-Lehrerin Jeanne Allemann.

Jeanne Allemann lehrt Frauen, ihre Schlaghemmung abzubauen.

Jeanne Allemann lehrt Frauen, ihre Schlaghemmung abzubauen.

(Bild: Adrian Moser)

An einem Sonntagmorgen fährt eine junge Frau alleine mit dem Fahrrad vom Ausgang nach Hause. Plötzlich wird sie von einem Unbekannten vom Rad gestossen, an den Haaren und Händen in den Wald gezerrt und dort ausgeraubt und vergewaltigt. Dieses Verbrechen hat sich im September 2014 beim Weyermannshaus Bern zugetragen. Der Täter wurde im letzten Jahr zu siebeneinhalb Jahren Gefängnis verurteilt.

Die Stadträtin Leena Schmitter (GB) sah nach diesem Vorfall die Stadt in der Pflicht, geeignete Massnahmen zu ergreifen. «Gerade bei sexuellen Übergriffen gilt es, präventiv das Selbstvertrauen zu stärken und geeignete Abwehrmechanismen zu kennen», so Schmitter. Ihr schwebt eine Einbindung der Quartiervereine vor, die freiwillig und gratis maximal vier Mal pro Jahr Selbstverteidigungskurse anbieten.

Dabei sollen nicht nur Kampfsporttechniken vermittelt werden, sondern auch kommunikative Fähigkeiten. «Den Teilnehmern soll bewusst gemacht werden, dass sie selber über ihren Körper bestimmen und bereits mit klaren Worten deeskalierend wirken können», sagt sie. Das Angebot solle sich nicht nur an Frauen richten. «Es gibt auch ältere Menschen, die Angst haben, sich in der Nacht draussen zu bewegen.» In einem Vorstoss «bittet» sie den Gemeinderat, die Kosten für solche Quartierkurse zu übernehmen.

In seiner Stellungnahme zeigte sich der Gemeinderat überzeugt davon, dass Verteidigungskurse zur Verhinderung von sexualisierter Gewalt beitragen. Weil die Prävention möglichst im Kindes- und im frühen Jugendalter einsetzen solle, möchte er neben der Quartierbevölkerung auch den Trägerverein für die offene Jugendarbeit (TOJ) einbeziehen, der in Bern diverse Jugendtreffs betreibt. Diesem erweiterten Vorstoss hat das Stadtparlament vor kurzem sehr deutlich zugestimmt.

Sexuelle Gewalt als Realität

Wird bei den Jugendlichen mit solchen Angeboten nicht die Angst geschürt, dass auf der Welt überall Gefahren lauern? «Das Gegenteil ist der Fall», ist Schmitter überzeugt. Sexuelle Gewalt sei eine Realität, auch wenn sie eine Ausnahmesituation darstelle. «Wenn junge Frauen wissen, wie sie sich in solchen Situationen am besten verhalten, dann bewegen sie sich draussen mit mehr Sicherheit», sagt Schmitter.

Auch Stadtrat Alexander Feuz (SVP), dessen Fraktion den Vorstoss als einzige bekämpfte, geht darin mit Schmitter einig. «Selbstverteidigungskurse können das Selbstvertrauen aufbauen», sagt er. Seine Fraktion störe sich aber daran, dass die Stadt diese Kurse gratis anbieten wolle und damit private Angebote konkurrenziere. Zudem schreibe der Gemeinderat, dass ein früheres Angebot schlecht genutzt wurde.

Die Stadt hat tatsächlich bereits einmal während zehn Jahren bis 2009 kostenlose Selbstverteidigungskurse angeboten. Danach kam das Angebot aufgrund mangelnder Nachfrage nicht mehr zustande. Vor diesem Hintergrund ist es für Alex Haller vom Jugendamt Bern wichtig, dass mit den Quartiervereinen und TOJ zuerst abgeklärt werde, ob ein Bedarf für kostenlose Selbstverteidigungskurse überhaupt bestehe. Erst wenn dies der Fall sei, würde man sich daran machen, ein Konzept auszuarbeiten. Der Gemeinderat sei nicht verpflichtet, den Vorstoss umzusetzen.

Wen-Do: Von Frauen für Frauen

Auf mehr Interesse sind die Kurse von Wen-Do Bern gestossen. Wen-Do ist eine körperliche und geistige Selbstverteidigungs- und Selbstbehauptungsart, welche in den 70er-Jahren von Frauen für Frauen entwickelt wurde. Nach der Vergewaltigung beim Weyermannshaus hat der Verein einen Selbstverteidigungskurs in Berns Westen durchgeführt, also unweit vom Ort, wo sich die Tat abgespielt hatte. 14 Frauen hätten den Kurs à 12 Lektionen regelmässig besucht, sagt Jeanne Allemann von Wen-Do Bern.

In ihren Kursen würden nebst Kampftechniken auch psychologische Methoden gelehrt. «Viele Frauen trauen sich nicht, jemanden zu schlagen», sagt die gelernte Sozialpädagogin. Mit Rollenspielen werde versucht, diese Hemmungen abzubauen. Damit sich in der Gesellschaft etwas ändere, müsse die Prävention aber sowohl bei den Frauen als auch bei den Männern stattfinden.

«Den Männern muss bereits früh klargemacht werden, dass sie kein Recht haben, einer Frau Gewalt anzutun», so Allemann. Deswegen hofft sie, dass auch Männer die allenfalls bald stattfindenden Kurse der Stadt Bern besuchen werden.

Der Bund

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