Verschickt ins Welschland

«Poller»-Kolumnist Markus Dütschler wünscht sich Austauschprogramme innerhalb der Schweiz.

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Markus Dütschler

Scherzhaft sprach ich von «Kinderlandverschickung», als wir mit unserer Tochter am Sonntag in die Westschweiz fuhren, um sie bei Gasteltern abzuliefern. «Kinderlandverschickung» war natürlich etwas viel Ernsteres: Im Krieg wurden deutsche Kinder aus zerbombten Städten in Dörfer umgesiedelt, die von Bomben und Hunger weniger betroffen waren. Was die Tochter erleben wird, ist harmlos und friedlich: einen Schülerinnen- und Schüleraustausch zwischen der Romandie und der Deutschschweiz. Der Aufenthalt dauert nur zwei Wochen, sodass sie danach die Sprache Voltaires nicht perfekt sprechen wird. Aber sie hat eine andere Wirklichkeit erlebt, einen Alltag, in dem Französisch gesprochen wird.

Wir Eltern brachten sie also zu dieser Familie aufs Land, wo es Hühner gibt, Weinberge, einen schönen Blick auf den Genfersee und ein Schmalspurbähnchen, das die Schülerinnen ins nahe Gymnasium bringen wird. Die Gastgeber empfingen uns mit Wein aus der Umgebung, gutem Essen und Dessert, ganz nach dem Motto: Vivre comme Dieu en Romandie. Das allein ist ein gutes Zeichen (finde ich jedenfalls). Wie gemischt die Gefühle unserer Tochter waren, weiss ich nicht. Immerhin kennt sie die nette Tochter dieser Leute bereits, da diese im Frühjahr zwei Wochen bei uns war – eine gute Erfahrung, auch für uns.

Wenden wir den Blick nun ab von der eigenen Befindlichkeit, hin zu den grossen staatspolitischen Themen: Kohäsion, Zusammenhalt des Landes, Mehrsprachigkeit. Ich finde, dass diese kulturelle Vielfalt die Besonderheit der Schweiz ausmacht. Es ist etwas Besonderes, wenn im Parlament die einen Französisch sprechen und die anderen Deutsch, auch wenn durch die Simultanübersetzung oder das eigene Unvermögen Verständniseinbussen unvermeidlich sind. Es ist herausfordernd, wenn in einem nationalen Berufsverband, an einer Kirchentagung oder einer Partei-Delegiertenversammlung zwischen Deutsch und Französisch gewechselt wird. Aber es führt einem ständig vor Augen und Ohren, dass das Biotop, in dem man sich gemütlich eingerichtet hat, nicht das einzig existierende ist. Und dass es manchmal heilsam sein kann, aus der eigenen Kulturblase herauszukommen.

Ich fand das Gezeter ziemlich läppisch, als der Kanton Thurgau erwog, den Französischunterricht erst später beginnen zu lassen. Natürlich konnte man darin die mostindische Limitiertheit eines Kantons sehen, der eher übers Schwäbische Meer blickt als in die ferne Romandie. Doch blieb beim aufgeregten Geschnatter unerwähnt, dass das Frühfranzösisch offenbar ein ziemlicher Schlag ins Wasser ist: Die Kinder können am Ende nicht besser oder schlechter Französisch als jene, die später anfangen. Frühfranzösisch darf keine heilige Kuh sein, an deren Wohl und Wehe der Zusammenhalt des Landes hängt wie an einem seidenen Faden. An Schluss zählt der Output. Oder besser gesagt: Le résultat.

Ich wünsche mir darum viele Austauschprogramme: Genfer, die in den Thurgau gehen, Zürcher ins Tessin, Walliser ins Baselbiet, Jurassier ins Bündnerland, Neuenburger ins Muothatal. Es gäbe sprachliche Missverständnisse à gogo, aber dafür viele Erkenntnisse, wie unser gemeinsames Land andernorts tickt. Und es würde sich herausstellen, dass die Menschen in unserem Land so verschieden auch wieder nicht sind, sondern dass alle eine gehörige Portion «Swissness» – mir fällt kein besseres Wort ein – in sich tragen, etwas, das uns alle verbindet.

Am Sonntag nach dem Déjeuner sind wir Eltern noch allein etwas im Kanton Waadt umhergefahren. Dank dem Navi im Auto fand ich die kleine Farm, auf der ich vor langer Zeit fünf Wochen verbracht hatte. Die französische «Imprägnierung», die ich mir in der kurzen Zeit angeeignet hatte, brachte mich zumindest mündlich weiter als alle Schullektionen zusammen.

Die Académie Française wollte «Bund»-Redaktor Markus Dütschler bisher nicht als Mitglied anwerben. Dennoch gibt er sich Mühe, Französisch zu sprechen.

Der Bund

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