Unwucht im Rad der Zeiten

«Poller»-Kolumnist Markus Dütschler mag Feiertage und ist wie gewohnt bestens informiert.

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Am Dienstag war ein Feiertag. Die meisten haben es wohl kaum bemerkt, ausser sie arbeiten in der Stadtverwaltung –oder wollten deren Dienste in Anspruch nehmen. Denn daraus wurde nichts. Keineswegs möchte ich mich wie letztes Jahr über «Das blaue Wunder» auslassen, die nicht abgeholten Kehrichtsäcke in der Stadt Bern am Tag der Arbeit. Ich gönne allen ihre Feiertage, auch wenn ich selbst davon nicht profitiere. Die Tage kommen plötzlich und unverhofft und unterbrechen den Trott des Alltags, der sonst meistens abläuft wie ein gut geschmiertes Rad.

Eine meiner frühesten Erinnerungen an einen unverhofften Feiertag fällt in eine Zeit, als in meinem Heimatkanton der spezifisch katholische Feiertag Fronleichnam noch ein gesetzlicher Feiertag war. Im reformierten Bevölkerungsteil war er nicht geläufig. Darum rannte ich wie gewohnt und wie oft zu spät in Richtung Schule, als mich ein Nachbar stoppte: «Du bist der Einzige, der heute zur Schule geht.» Ich hatte keine Ahnung, wovon er sprach. Selbstverständlich konnte ich mich nicht mehr an die sicherlich erfolgte Information des Lehrers vom Vortag erinnern. Doch ich glaubte dem Nachbarn noch so gerne und kehrte nach Hause zurück. Dieser Feiertag, an dem des Leibes Christi gedacht wird (mittelhochdeutsch: vrône lîcham – des Herrn Leib) – er fällt dieses Jahr auf den 31. Mai – wurde bald darauf als Feiertag gestrichen. Ein Unterbruch weniger.

Feiertage sind für Arbeitgeber nicht so lustig, denn sie müssen den Lohn trotz fehlender Gegenleistung bezahlen. Darum sieht man oft CEOs, Direktorinnen und Verwaltungsratspräsidenten, die vor gemeinnützigen Suppenküchen anstehen, um wieder einmal etwas Warmes im Bauch zu spüren. Es wird die Betroffenen kaum trösten, dass früher alles viel schlimmer war – entgegen der landläufigen Überzeugung, dass früher alles besser war. Schon im 18. Jahrhundert kämpften Monarchen in deutschen Kleinstaaten darum, die Anzahl der Feiertage zu reduzieren. Je nach Gegend und Epoche waren es 50 oder mehr. Ein Historiker schrieb, dass in der Mitte des 18. Jahrhunderts «gut ein Drittel des Jahres für Landwirtschaft und Handwerk, Handel und Behörden ausfiel». Abgeschaffte Feiertage wiederum fanden die Arbeitnehmer nicht lustig. So beschwerten sich Strassburger Handwerksgesellen, sie müssten mehr arbeiten, bekämen aber nicht mehr Lohn. Deshalb verbaten sie sich das Gerede von «bruoderlicher liebe vnd eynigkeit», sondern kritisierten diesen «eygennuts».

Die Feiertage trugen Namen wie Fest der Beschneidung, Epiphanie, Mariä Reinigung, Mariä Verkündigung, Fronleichnam, Mariä Himmelfahrt, Mariä Empfängnis, Fest der Apostel Petrus und Paulus, Allerheiligen usw. Hinzu kam der Landes- oder Stadtpatron. Es würde den «Poller»-Umfang sprengen, die Bedeutung dieser Feiertage zu erklären, zumal die meisten bei uns nicht (mehr) gebräuchlich sind. Bei einem Pausenkaffee ergab sich jüngst bereits ein heilloses Durcheinander bei der Frage, was an Ostern gefeiert werde, an Auffahrt und an Pfingsten. Zur Hebung des Pausengesprächsniveaus sei es darum kurz erklärt: An Ostern wird die Auferstehung Jesu gefeiert. An Auffahrt wurde der Auferstandene laut der Bibel vor den Augen einiger Jünger gen Himmel entrückt. Zuvor versprach er den Zurückbleibenden, ihnen einen Tröster zu schicken: den Heiligen Geist, der dann in Jerusalem über die Gläubigen ausgegossen wurde. Diese kommunizierten voller Einigkeit in einer Sprache, die zwar allen fremd, aber dennoch allen verständlich war: das Pfingstwunder.

Der Pfingstmontag hätte in Deutschland fast dran glauben müssen. Als in den 1990er-Jahren die teure Pflegeversicherung eingeführt wurde, kursierte die Idee, ihn als bezahlten Feiertag abzuschaffen. Gestrichen wurde dann der Buss- und Bettag, ausser in Sachsen. Manchmal bekommen Feiertage auch einen neuen Inhalt. An Christi Himmelfahrt, wie die Auffahrt in Deutschland heisst, schaukeln Männer auf Pferdewagen durch deutsche Lande und trinken Bier. Der Tag wird inoffiziell Vatertag genannt, bleibt aber im Rad der Zeit eine beliebte Unwucht, die alles unterbricht. Man darf hoffen, dass wenigstens die Räder am Pferdewagen ausgewuchtet sind.

«Bund»-Redaktor Markus Dütschler mag es, wenn Feiertage den Alltagstrott unterbrechen, vergiesst aber gerne einige Krokodilstränen für die Arbeitgeber. (Der Bund)

Erstellt: 02.05.2018, 07:00 Uhr

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