Überraschende Rückkehr des Mäzens

Der Milliardär Hansjörg Wyss will dem Kunstmuseum Bern für einen Neubau 20 Millionen Franken spenden. Doch das Millionen-Angebot hat einen Haken.

So sieht das Projekt «an_gebaut» aus, mit dem der Architekt Cédric Bachelard 2006 den Wettbewerb für den Anbau des Kunstmuseums gewann.

So sieht das Projekt «an_gebaut» aus, mit dem der Architekt Cédric Bachelard 2006 den Wettbewerb für den Anbau des Kunstmuseums gewann. Bild: zvg

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Der Milliardär und Kunstmäzen Hansjörg Wyss meldet sich mit einem Paukenschlag zurück: 20 Millionen will er dem Kunstmuseum Bern für einen Neubau spenden. Den Geldsegen knüpft der in den USA wohnhafte Unternehmer allerdings an eine Bedingung: Die Millionen will er nur lockermachen, «falls das preisgekrönte Projekt aus dem Jahr 2006» wieder zum Leben erweckt werde, wie die «Berner Zeitung» gestern berichtete. Wyss meint damit das Projekt «an_gebaut» des Architekten Cédric Bachelard. Das Projekt des Baslers sah vor, einen Kubus aus Beton an der denkmalgeschützten Nordfassade des 1876 bis 1878 erbauten Stettlerbaus anzugliedern. Dies passte der Stadtberner Denkmalpflege nicht. Sie empfahl die Ablehnung des Baus, und die Verantworltichen folgten ihr. Damit war das Bauvorhaben – sehr zum Ärger von Wyss – bereits wieder am Ende.

Stadt und Museum überrumpelt

Das Angebot des 82-jährigen Wyss über die Presse kommt für alle Beteiligten überraschend. Viel zu sagen haben sie deshalb nicht. Jürg Bucher, Präsident der Museums-Dachstiftung, will zunächst einmal «die neue Ausgangslage» beurteilen, und auch Berns Stadtpräsident und Kulturminister Alec von Graffenried (GFL) wurde offenbar von Wyss’ Angebot überrumpelt. Von Graffenried sagte lediglich, dass er das Angebot «interessiert» zur Kenntnis genommen habe; zu einem Kontakt mit Wyss sei es bislang noch nicht gekommen.

Und der Denkmalschutz? Würde die Behörde nach einer Dekade gescheiterter Projekte ihre Empfehlungen nun einfach ändern? Auch dazu wollte sich gestern niemand äussern. Dass Wyss Stadt und Museumsleitung überhaupt mit einem Angebot in einem Zeitungsartikel überraschte, erklärt sich teilweise aus der Vorgeschichte. Denn den Negativentscheid der Museumsleitung zum Projekt «an_gebaut» erfuhr der Milliardär 2006 ebenfalls aus der Zeitung. Diese Kommunikationspanne und Differenzen mit dem damaligen Stiftungsratspräsidenten Christoph Schäublin führten schliesslich dazu, dass Wyss dem Kunstmuseum den Rücken kehrte. Doch in der Leitung des Kunstmuseums sitzen heute andere Leute. Und nachdem nun auch der geplante Umbau gestoppt wurde, wäre der Zeitpunkt für ein neues Projekt tatsächlich ideal, wie der zuständige Regierungsrat Bernhard Pulver (Grüne) anmerkt. Dieser hofft nun auf konstruktive Gespräche zwischen der Denkmalpflege und Wyss.

Architekt wäre bereit

Der Architekt des damaligen Siegerprojekts, Cédric Bachelard, wäre jedenfalls auch elf Jahre später noch sehr an einer Realisierung seines Projekts interessiert. Bachelard bedauert es, dass damals keine «eigentliche Debatte über den Denkmalschutz» geführt worden sei. «Es gab zwar Sitzungen, aber leider keine wirkliche Diskussion», bedauert der Architekt aus Basel. Ob es nun aber doch noch zu einer Realisierung komme, sei letztlich ein politischer Entscheid. Um das Vorhaben voranzutreiben, wäre Bachelard auch bereit, «gewisse Anpassungen» vorzunehmen: Es gehe ihm nicht darum, sich über die städtische Denkmalpflege hinwegzusetzen, sondern diese, im Gegenteil, in das Projekt einzubeziehen.

Altes Projekt «macht keinen Sinn»

Doch nicht alle sind von der Reaktivierung eines elfjährigen Projekts begeistert. Es mache «wenig Sinn», alte Konzepte noch einmal aufzurollen, sagt Bernd Nicolai, Direktor der Abteilung Architekturgeschichte des Instituts für Kunstgeschichte an der Universität Bern. Der Raumbedarf des Museums habe sich geändert, seit etwa die Gurlitt- oder Hahnloser-Sammlung dazugekommen seien. Auch im Hinblick auf die bevorstehende Sanierung sei jetzt ein guter Moment, die «Sache von Grund auf anzugehen und ein zeitgemässes Gesamtkonzept» zu erarbeiten, so Nicolai. Der Wissenschafter hofft daher auf einen Dialog der involvierten Parteien mit Wyss: «So liegt vielleicht auch eine Spende für ein neues Projekt drin.» (DerBund.ch/Newsnet)

Erstellt: 20.10.2017, 09:24 Uhr

Zur Person

Hansjörg Wyss, Berner Milliardär und Kunstmäzen

Bild: Valérie Chételat (Archiv)
Hansjörg Wyss ist in Bern aufgewachsen und absolvierte einen Teil seiner Schulzeit im ehemaligen Progymnasium am Waisenhausplatz. Er griff auch schon in seine Privatschatulle, als dieses Gebäude zum heutigen Kulturzentrum «Progr» umgewandelt wurde.

Vermögend wurde er als Chef und Präsident des von ihm gegründeten Medizinaltechnikkonzerns Synthes. Zum Milliardär wurde Wyss, als er 2011 Synthes an den US-amerikanischen Konzern Johnson & Johnson verkaufte.

Wyss hat zahlreiche weitere Projekte in der Schweiz und der ganzen Welt finanziell unterstützt. So entstand kürzlich an Uni und ETH Zürich dank einer 120-Millionen-Dollar-Spende von Wyss das «Wyss Translational Center». Es soll den Übergang von medizinischer Grundlagenforschung zu praktischen Anwendungen fördern. (sda)

Artikel zum Thema

Die Chronik der gescheiterten Erweiterung des Kunstmuseums

Seit 30 Jahren gibt es Pläne, das Berner Kunstmuseum zu erweitern. Funktioniert hat bisher keiner. Ein Überblick in fünf Etappen. Mehr...

Keine Zukunft für die Erweiterung

Der Ausbau des Berner Kunstmuseums wurde durch die Beschwerde von Berner Architekten gestoppt. Nun entflammt erneut eine Standortfrage. Mehr...

Die Gegenwart rückt in die nähere Zukunft

Um 600 Quadratmeter soll die Ausstellungsfläche des Berner Kunstmuseums dank einer Renovation bis 2021 wachsen. Wer die Kosten von 40 Millionen Franken trägt, ist noch nicht klar. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Werbung

Immobilien

Kommentare

Die Welt in Bildern

Kampf gegen Rassismus: Ein Demonstrant protestiert gegen die Kundgebung «Liberty of Death», eine Versammlung von Rechtskonservativen vor der Seattle City Hall in Seattle, Washington. (18. August 2018)
(Bild: Karen Ducey/AFP/Getty) Mehr...