Tod vor Berner «Dead End» war laut Angeklagtem ein Unfall

Am Prozess um den Tod eines Türstehers des Berner «Dead End»-Clubs hat der Angeklagte zwar zugegeben, in die Tat verwickelt zu sein. Für ihn handelt es sich aber um einen Unfall.

Das Dead End beim Henkerbrünnli. Ganz in der Nähe soll der mutmassliche Täter mit einer Schere auf den Kopf des Opfers eingestochen haben. Bild: Stefan Anderegg

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Dem angeklagten 34-jährigen Somalier wird vorgeworfen, am Morgen des 4. Dezember 2016 auf der Berner Henkerbrünnli-Kreuzung einen Türsteher des «Dead End» mit einer Schere so schwer verletzt zu haben, dass dieser drei Tage später im Spital verstarb.

Als er vor dem «Dead End» über die Strasse gegangen sei, habe ihn das spätere Opfer angegriffen und ihm einen Faustschlag versetzt, sagte der Angeklagte am Dienstag vor dem Regionalgericht Bern-Mittelland. Er habe wegen dieses Angriffs eine Bewegung gemacht, um sich zu wehren. Nicht vor Gericht, aber laut dem Gerichtspräsidenten während des Strafverfahrens, sagte der Somalier, der Angreifer sei deshalb «in die Schere gefallen» und habe sich tödlich verletzt.

Vor Gericht sagte der Angeklagte weiter, er habe in der Tatnacht einen Alkohol-Drogen-Cocktail intus gehabt. Er neige dazu, in diesem Zustand Sachen zu beschädigen, wenn eine Provokation dazu komme. Doch würde er niemals eine andere Person mit einer Schere angreifen. Die Schere habe er nur deshalb in der Hand gehalten, weil er damit jeweils eine Kokainpfeife auskratze.

Als vorläufig Aufgenommener hier

Der angeklagte Somalier kam laut dem Gerichtspräsidenten 2008 in die Schweiz und stellte ein Asylgesuch. Es wurde im Herbst 2010 abgelehnt und die Bundesbehörden verfügten seine Wegweisung. Diese wurde aber wegen Unzumutbarkeit nicht vollstreckt und der Somalier bekam einen Ausweis F als vorläufig Aufgenommener.

Im August 2014 erhielt der Mann - immer noch gemäss dem Gerichtspräsidenten - einen schriftlichen Verweis wegen andauernder Delinquenz. Wenn das so weitergehe, werde die vorläufige Aufnahme aufgehoben, drohten die Bundesbehörden.

Vor dem Berner Gericht werden nun mutmassliche Straftaten untersucht, die der Mann zwischen April und Dezember 2016 begangen haben soll. Ausser vorsätzliche Tötung wird ihm auch vorgeworfen, in einer Berner Wohnung einen Brand gelegt und in Biel Polizisten bedroht zu haben. Ausserdem soll er eine Hausdurchsuchung bei zwei Bekannten provoziert haben, indem er Polizisten sagte, bei diesen Personen befinde sich Kokain und eine Schusswaffe. Die Polizisten fanden aber nichts.

Zur Zeit der mutmasslichen vorsätzlichen Tötung auf der Henkerbrünnli-Kreuzung vom 4. Dezember 2016 hätte sich der Somalier gar nicht in der Berner Innenstadt aufhalten dürfen. Ihm war vom Migrationsdienst des Kantons Bern per Verfügung der Aufenthalt in diesem Gebiet untersagt worden.

Gross gewachsen und kräftig

Der Somalier, ein gross gewachsener und kräftiger Mann, machte am Dienstag im Berner Amthaus immer wieder Aussagen, die zumindest für nicht mit den Akten vertraute Beobachter widersprüchlich schienen.

Die Schweiz sei ein gutes Land, sagte er beispielsweise, habe ihn herzlich empfangen. Doch habe er bemerkt, dass er einen Fehler gemacht habe, als er wegen des Kriegs in Somalia hierher geflüchtet sei. Hier werde nicht mit Waffen gekämpft, sondern mit Worten. Er habe viel Rassismus und Diskriminierung erlebt.

Der Mann hat Kinder und war mit einer Frau zusammen. «Ich habe mich mit ihr nicht verstanden und habe deshalb durchgedreht», sagte er. Seine Kinder sehe er nicht mehr und überhaupt habe er niemanden mehr. «Ich bin schon lange gestorben».

Zeugenbefragung

Am Dienstagnachmittag stand vor dem Gericht die Einvernahme eines Zeugen auf dem Programm. Es handelt sich um denjenigen Türsteher des «Dead End», der in der Tatnacht im Dienst stand. Sein Kollege, der ausser Dienst stehende andere Türsteher, rauchte laut Anklageschrift mit ihm vor der Tür, als der Somalier auftauchte. Diesen ausser Dienst stehenden Türsteher, das spätere Opfer, bezeichnete der Somalier als «guten Menschen». Er habe ihm aber in der Tatnacht einen Joint aus der Hand geschlagen und ihn von der Treppe gestossen. (SDA )

Erstellt: 14.11.2017, 09:30 Uhr

Update folgt...

Artikel zum Thema

Verwirrung um Tötungsdelikt beim Dead End

Die Kantonspolizei lokalisiert das Tötungsdelikt in einem Bericht fälschlicherweise auf dem «Trottoir vor der Reitschule». Die SVP sah sich –kurzzeitig – bestätigt. Mehr...

Tot vor dem Dead End

Nach einer Bluttat ist ein Mitarbeiter der Berner Notschlafstelle verstorben. Die Polizei hat inzwischen eine Person verhaftet – und ermittelt in einem weiteren Fall. Mehr...

Mutmasslicher Dead-End -Täter gefasst

Nach der Bluttat will Sicherheitsdirektor Reto Nause die Polizeipräsenz im Perimeter Reitschule erhöhen. Mehr...

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Leser-Reporter

Haben Sie etwas Aussergewöhnliches gesehen, fotografiert oder gefilmt? Ist Ihnen etwas bekannt, das die Leserinnen und Leser von DerBund.ch/Newsnet wissen sollten? Senden Sie uns Ihr Bild, Ihr Video, Ihre Information per MMS an 4488 (CHF 0.70 pro MMS).
Die Publikation eines exklusiven Leserreporter-Inhalts mit hohem Nachrichtenwert honoriert die Redaktion mit 50 Franken. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Werbung

Immobilien

Blogs

Mamablog Wir Eltern sind mitschuldig

Blog: Never Mind the Markets Eine Apokalypse unter blauem Himmel

Werbung

Urban und trendy?

Mal im Selbstversuch, mal beim Ortstermin. Oft mit Nachgeschmack. Immer allumfassend.

Die Welt in Bildern

Polizei in Rosa: Demonstranten bewarfen die Ordnungshüter in Nantes (Frankreich) mit Farbe. (16. November 2017)
(Bild: Stephane Mahe) Mehr...